Nach dem langen Winter und den vielen Regentagen ist endlich schönes Wetter. Überall in allen Gärten, auf den Terrassen und an den Häusern kann man die Menschen beim Arbeiten sehen. Sie bessern die Hauswände aus, streichen die Fensterläden und Türen, mähen den Rasen, reparieren die Gartenmöbel und andere Dinge, hängen Lichterketten auf und vieles mehr, um alles für den hoffentlich langen Sommer strahlend schön zu machen.
Auch im Märchenwald sind die Tiere und Zwerge gerade dabei, ihre Wurzelbauten, Hauspilze und Hütten schön herzurichten, damit sie es schön haben und alle anderen neidisch auf ihr schönes Zuhause sind.
Sogar Zwerg Graubart ist gerade dabei sein kleines Häuschen tief im Wald auszubessern und neu anzustreichen. Dabei trällert er ein Lied nach der Melodie „Wer will fleißige Handwerker sehen“. Wenn Ihr es kennt, könnt Ihr ja mitsingen!
„Wer will das fleißigste Zwerglein seh’n,
der muss nur zum Graubart geh’n!
Ich streiche fein, ich streiche fein,
mein Häuschen wird das schönste sein.
Ich streiche fein, ich streiche fein,
mein Häuschen wird das schönste sein!“
Bis auf die Vorderseite seines Häuschen hat er schon alles ausgebessert und schön grün gestrichen. Doch bevor er die Vorderseite neu mit Farbe bemalt, muss er die vielen Ritzen und Löcher, die über den Winter entstanden sind, noch mit Lehm zuschmieren. Wenn er das nämlich nicht tut, zieht dauernd der Wind hinein. Doch, er ist sich sicher, wenn er damit fertig ist, besitzt er das schönste Zwergenhaus im ganzen Märchenwald.
Bei dem schönen Wetter sind auch Kasperl und Gretel im Wald unterwegs und genießen es, begleitet von munterem Vogelzwitschern und Grillenzirpen bei der lauen Abendluft spazieren zu gehen. Auf ihrem Weg kommen sie auch zufällig am Häuschen von Zwerg Graubart vorbei. Als Kasperl den Zwerg auf der kleinen Leiter stehen und die Löcher verputzen sieht, wundert er sich und fragt Graubart, ob er plötzlich unter die Bauarbeiter gegangen ist. Doch der Zwerg will Kasperl und Gretel nicht in seiner Nähe haben und fordert sie auf, sofort weiter zu gehen und ihn in Ruhe zu lassen. Kasperl bietet ihm sogar an, ihm bei seiner Zwergenhausrenovierung zu helfen. Doch missmutig, wie Zwerg Graubart meistens ist, scheucht er Kasperl und Gretel davon, weil er sie bei seiner Arbeit nicht brauchen kann. Kasperl kann sich nicht erklären, warum Graubart wieder einmal so eine schlechte Laune hat. Schließlich ist doch heute endlich einmal den ganzen Tag ein herrliches Wetter gewesen, die Vögel singen, die Bienen summen und viele Blumen blühen in ihrer schönsten Pracht. Doch Graubart’s Laune ist auch dadurch nicht besser als sonst und er will, dass Kasperl verschwindet. „Haut ab!“, fährt er Kasperl und Gretel an. „Haut endlich wieder ab! Ich schaff das schon alleine!“ Kasperl und Gretel wollen ihm nicht weiter ihre Hilfe anbieten und lassen den alten Griesgram lieber alleine. So gehen sie weiter spazieren und Kasperl pfeift dabei ein fröhliches Liedchen.
Graubart ist froh, dass die Beiden endlich weiter gegangen sind und schmiert weiter die Löcher in seiner Hauswand mit Lehm zu. Doch – auf einmal wird seine Ruhe bei der Arbeit schon wieder gestört. Irgendwas summt ihm dauernd um die Ohren und macht ihn ganz nervös. Er schaut nach links – nach rechts – nach hinten – und …. da entdeckt er einen Marienkäfer, der ihm dauernd um den Kopf fliegt. Weil auch dieser ihm bei seiner Arbeit stört, versucht er das kleine Insekt zu verscheuchen: „He-he-he, du blöder Käfer! Sch-sch-sch-, flieg endlich wieder weiter, du blöder Marienkäfer und verschwinde! Du nervst mich!“
Doch, der kleine Marienkäfer lässt sich nicht davon jagen und fängt plötzlich das Sprechen an: „Summ, summ, nein! Ich fliege nicht weg! – Hör auf, das Loch hier zuzumachen!“ Graubart interessiert das aber nicht, denn es ist sein Zwergenhaus und heute will er alle Löcher mit Lehm zuschmieren, damit es nicht mehr zieht, wenn der Wind bläst. Der Marienkäfer bittet ihn, doch nur das eine kleine Loch offen zu lassen, denn darin wohnt er und seine ganze Marienkäferfamilie. Zwerg Graubart ist das aber ganz egal. Was kann er dazu, dass er und die ganzen Marienkäfer da hinein gekrabbelt sind. – Der Marienkäfer versucht ihm, zu erklären, dass dieses Loch in seiner Hauswand ihr Winterschlafplatz war und sie jetzt darin wohnen. – Wenn er es jetzt aber zuschmiert, können sie nicht mehr heraus und müssen sterben. – Dem griesgrämigen Zwerg Graubart interessiert das aber nicht, denn ihm kommt es auf ein paar Käfer mehr oder weniger nicht an. Ihm ist es egal, ob ein paar Käfer sterben. – Er scheucht den Marienkäfer davon und schmiert das Loch jetzt erst recht mit Absicht zu. Dann geht er in sein Häuschen, um frische Farbe zu holen, mit der er auch die Vorderwand seines Zwergenhauses neu streichen kann. Dann wird sein Häuschen endlich ringsherum wunderschön in neuem Glanz erstrahlen.
Der kleine Marienkäfer ist nun ganz verzweifelt und schwirrt um das Haus herum. Was soll er nur tun? – Seine ganze Familie sitzt gefangen in der zugeschmierten Ritze des Zwergenhauses und muss sterben. Wer könnte ihm da nur helfen? – Da fällt ihm Kasperle ein, der ja gerade hier mit seiner Gretel im Märchenwald einen Spaziergang macht. Der hilft ihm bestimmt! – Schnell fliegt er ab, um Kasperle, den Freund aller Tiere, zu Hilfe zu holen! –
Hoffentlich erreicht er Kasperl noch rechtzeitig, denn Graubart kommt schon mit dem Farbeimer aus dem Haus, um die Vorderseite seines neuen Hauses neu zu bemalen. Dann ist das Loch, in dem die Marienkäferfamilie wohnt, nur noch schwer zu finden. – Und dann — dann kann es zu spät sein! –
Gerade, als Graubart, den großen Pinsel in den Farbeimer taucht, um Farbe aufzunehmen, kommt der Marienkäfer wieder angesurrt. Und hinterher mit schnellen Schritten der Tierfreund Kasperle! – Als er aus der Ferne Graubart mit dem Farbpinsel in der Hand sieht, ruft er ganz laut: „Halt! – Halt! – Warte, Zwerg Graubart! Sein kein Tierquäler!“ – Graubart ist wütend, weil ihm Kasperl schon wieder in die Quere kommt und will sich nicht abhalten lassen, die Hauswand neu zu streichen. Kasperl stoppt ihn aber erst einmal und klärt ihn darüber auf, dass ihm der Marienkäfer alles erzählt hat. – Auch Gretel ist inzwischen wieder eingetroffen und macht dem sturen Zwerg klar, dass sie es auch nicht dulden kann, wenn eine ganze Marienkäferfamilie verhungern muss. Beide bitten den Graubart, die Hauswand noch nicht zu streichen. Graubart will das aber nicht einsehen und beginnt damit die Wand zu streichen, denn nach seiner Meinung geht es niemandem etwas an, wann und wie er sein Haus anmalt! – Gretel fleht ihn an, nicht weiter zu streichen, solange die Marienkäferfamilie nicht wieder frei ist. – Kasperl bittet den Marienkäfer, ihnen schnell die Stelle zu zeigen, wo seine Familie in der Hauswand eingeschlossen ist. – Das ist kein Problem! – Zielstrebig zeigt er ihm die zugeschmierte Stelle, wo seine Familie eingeschlossen ist und wo sie den Winter verbracht haben. – Kasperl beginnt sofort damit, den frischen Lehm wieder aus der Wand zu kratzen! – Graubart ist darüber sehr wütend, will Kasperl davon abhalten und zieht ihm heftig am Ärmel! – Doch Kasperl ist nun mal größer und stärker. – Graubart hat keine Chance gegen ihn und auch sein Schimpfen nützt nichts: „He, hör auf! Lass mein Haus in Ruhe!“ – Doch Kasperl will nicht eher aufgeben, bevor nicht alle Marienkäfer wieder heraus geflogen sind. Der Marienkäfer ruft von außen: „Hallo, hallo! Kommt schnell heraus, meine Marienkäferbrüder und – schwestern! – Und schon kommen die Marienkäfer surrend aus dem Loch in der Wand geschwirrt. „Danke! Danke! – Wir sind wieder frei!“, rufen sie und fliegen freudig davon!
Graubart ist nun erst recht wütend, weil er das Loch nun wieder neu zuschmieren muss.
Gretel findet, dass dies alles nicht hätte sein müssen, wenn er gleich auf den kleinen Marienkäfer gehört hätte.
Kasperl kann dem nur zustimmen. Denn, wenn er nicht so stur gewesen wäre, könnte sein Zwergenhäuschen längst fertig sein und er hätte Feierabend.
Dann könnte er sich – genauso wie Ihr, liebe Kinder – schlafen legen und von einem herrlichen Sommerwetter träumen.
Liebe Kinder, wir hoffen, dass wir nicht mehr nur von Sonne, Hitze und Badewetter träumen können, sondern es nun endlich auch viele Wochen so sein wird.
Einen schönen, heißen Sommer, viel Sonne, traumhaftes Wetter und für heute eine gute Nacht wünschen Euch, die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!
Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2010)






