Die Glockenblumenmütze

Das kleine Zwergenkind Pimperle spielt schon den ganzen Nachmittag beim Bamberger Kasperl im Garten. Es tollt herum, klettert auf die kleinen Bäume, schlägt in der Wiese Purzelbäume und spielt im Sandkasten. Es scheint gar nicht müde zu werden, dabei hätte es Kasperle längst nachhause zu seinem Zwergenvater Bommelhut bringen sollen. Aber Pimperle gefällt es so in Kasperls Garten, besser als daheim im Wald, wo es nur Wurzeln und viele Bäume gibt. Jetzt hat es auch noch das große Blumenbeet entdeckt und spaziert zwischen den vielen bunten Blumen herum. Es kommt sich vor wie in einem wundersamen Märchenland, wo ihm große Blumen bis über den Kopf wachsen. Das kleine Zwerglein blickt immer ganz erstaunt nach oben zu den Blütenkelchen. Kasperle meint lachend zu ihm: „Hähähä, wenn es Dir zwischen den Blumen so gefällt, wärst Du wohl besser ein Gartenzwerg geworden. Die dürfen Tag und Nacht im Blumenbeet stehen, hähä!“ Fluchs springt Pimperle ein Stück weiter und ruft Kasperle zu: „Ja, das wäre super, Kasperle, dann wäre mir der Platz hier neben diesen herrlichen Mützenblumen am liebsten!“ Kasperle weiß erst gar nicht, was es mit Mützenblumen meint. Da zeigt ihm Pimperle die langstieligen Stengel, auf denen seiner Meinung nach die Zwergenmützchen wachsen, so wie es selbst eins auf dem Kopf hat. Nun muss Kasperle schon wieder lachen, denn was Pimperle als Mützenblumen bezeichnet, sind nichts anderes, als normale Glockenblumen. Pimperle findet das schade, weil er so eine schöne blaue Mütze auch gerne hätte. Doch Kasperl erklärt ihm, dass die blauen Blütenkelche keinesfalls als Kopfbedeckung für Zwerge geeignet sind, denn die Blütenblätter sind viel zu dünn und zu zart und außerdem würden sie schnell verwelken, wenn man sie von ihrem Stiel trennt. Pimperle soll nur lieber seine rote Zwergenmütze tragen, die passt auch viel besser zu ihm. Vor lauter Begeisterung über die Glockenblumen ist nun noch mehr Zeit vergangen, deshalb wird es allerhöchste Eisenbahn, dass Kasperle das kleine Zwergenkind schnellstens zum Zwergenhaus zurück bringt.
Gerade, als die Beiden losmarschieren wollen, ruft Kasperls Großmutter aus dem Haus und bittet Kasperle schnell noch einmal zurück zu kommen. Sie hat nämlich für die Zwergenmutter Buntschürze einen Korb voll Gemüse aus ihrem eigenen Garten zusammen gerichtet, den Kasperl gleich mitnehmen kann. Denn sie weiß die Zwergenmutter freut sich immer über das frische Gemüse aus Großmutters eigenem Anbau und kocht daraus für die Zwergenfamilie immer leckere, gesunde Mahlzeiten.
Pimperle will solange noch bei seinen heiß geliebten Glockenblumen bleiben und dort auf Kasperle warten. Es schaut nach oben und bewundert die schönen blauen Blütenkelche. Es überlegt etwas und dann kommt ihm eine Idee: „Hihihi“, lacht es schelmisch, „wenn das keine Mützenblumen, sondern Glockenblumen sind, dann müssten sie ja wenigstens läuten wie die Glocken am Kirchturm!“ Schon greift Pimperle links und rechts einen Blumenstengel und wackelt fest daran. Tatsächlich schon fangen die Glockenblumen das Bimmeln an. Das gefällt Pimperle noch mehr. Es springt von Blume zu Blume und bringt eine nach der anderen zum Klingen.
Auf einmal hört er jemanden furchtbar schimpfen: „Ja, sag mal, du kleiner Knirps, was machst du denn für einen Krach?“ Pimperle ruft zurück: „Erstens mach ich keinen Krach, sondern es läuten hier nur die Glockenblumen und zweitens geht das dich gar nichts an! Das ist nämlich der Garten von Kasperls Großmutter.“ Da kommt ein kleines, dickbauchiges Männchen mit einer großen Nase und einem grünen Anzug angeflitzt. Es ist der kleine Gartenkobold, der hier im Garten lebt und schlafen möchte. Darum fordert er Pimperle auf, unverzüglich mit dem Gebimmel aufzuhören. Nun steht Pimperle ganz betroffen und traurig da. Läuten darf er mit den Glockenblumen nicht und als Mütze darf er sie auch nicht aufsetzen. Der Gartenkobold meint, dass er die Blütenkelche selbstverständlich als Mützen verwenden kann. Pimperle sagt ihm aber, dass Kasperle ihm erklärt hat, dass sie dazu nicht geeignet sind, weil sie zu schnell verwelken. Doch der Gartenkobold ist ein kleiner, schlauer und frecher Wicht und denkt sich, wenn Pimperle alle Blütenkelche abpflückt, dann kann er wenigstens nicht mehr läuten. Also überredet er das Zwergensöhnchen, einfach alle Blütenkelche abzuzupfen und so hat er genügend Ersatz, wenn seine neuen Mützen verwelken. Pimperle findet das eine gute Idee, doch er ist zu klein, um an die Blütenkelche zu gelangen. Da macht der Gartenkobold rasch eine Steigleiter und hebt den kleinen Zwerg an der ersten Blume hoch, damit Pimperle den Blütenkelch abpflücken kann. Pimperle klammert sich am oberen Stengelende fest, doch er kann die Blüte nicht wegnehmen, denn die Glockenblume schaukelt hin und her, so dass Pimperle beinahe von der Schulter des Gartenkobolds herunter fällt. „Schnell, schnell, steig herunter von mir!“, ruft die Glockenblume mit lautem Geklingel, „Du bist zu schwer für meinen Stengel! Der knickt gleich um!“ Pimperle sagt ihr, dass er doch nur eine oder zwei Blütenkelche als neue Mützen haben möchte. Die Glockenblume aber klingelt und wackelt weiter, dass es Pimperle Angst und Bang wird. Sie bittet ihm, ihre Kelche nicht abzupflücken, denn sie taugen nicht als Mützen, auch nicht für einen kleinen Zwerg.
Kasperl hört das heftige Geklingel natürlich auch und kommt schon mit samt dem Gemüsekorb angerannt. Er glaubt fast, die Feuerwehr rückt aus. Der Gartenkobold ist in dem Moment geflüchtet und hat Pimperle hilflos am oberen Ende des Blütenstengels hängen lassen. Das Zwergensöhnchen bittet Kasperl ihn schnell herunter zu helfen und erzählt ihm vom Gartenkobold, der ihn hochgehoben hat, damit er sich solche Blüten als Mützen mitnehmen kann.
Kasperle hebt Pimperle erst einmal herunter, damit die Glockenblume keinen Schaden nimmt. Er kann sich denken, dass ihn der Gartenkobold ausgeschmiert hat, weil er die Glockenblumen mit ihrem Geläute nicht ausstehen kann. Da wäre es ihm sicher ganz recht gewesen, wenn Pimperle alle Blüten abgepflückt hat.
Aber Kasperle hat eine bessere Idee. Er wird morgen die Großmutter bitten, dass sie für Pimperle eine solche blaue Mütze näht, die genauso aussieht, wie so eine Glockenblumenblüte.
Da freut sich Pimperle schon darauf und geht mit Kasperle endlich zurück zum Zwergenpilzhaus. Denn nun wird es wirklich höchste Zeit.
Für Euch, liebe Kinder, wird es auch Zeit, dass Ihr in Euer Bettchen steigt und die Äuglein zumacht, so wie die Blumen ihre Kelche schließen. Träumt was Schönes!
Euer Bamberger Kasperle und die Puppenbühne Herrnleben wünschen Euch eine gute Nacht!

Wolfgang Herrnleben (GAP, 2009)