Seppl hat im Kalender ein paar Tage voraus geblättert und gesehen, dass in Kürze der Sommer beginnt. Kasperls Großmutter hat ihm erklärt, dass bald auch der längste Tag des Jahres kommt und danach werden die Tage immer kürzer. Logisch, dass der Seppl nun jeden Tag bis dahin so lange wie möglich draußen im Freien bleiben will, um bloß keine Minute bis zum Sonnenuntergang zu versäumen.
Auch am heutigen, lauen Frühlingsabend sitzt er auf der Terrasse und hat es sich auf der Gartenbank gemütlich gemacht. Auf dem Tisch vor ihm steht sein Krüglein mit Limonade. Er hat extra das mit dem Deckel genommen, damit kein Insekt in seine Limonade fliegen kann. Doch ganz untätig verbringt der Seppl die Zeit auf der Gartenterrasse nicht. Er hat seinen großen Zeichenblock und seine Buntstifte mit nach draußen genommen und will für die Großmutter ein Bild malen. Auf der unteren Hälfte soll man die Gartenbeete mit den bunten Blumen sehen, im der Mitte die Sträucher und Bäume und darüber den Himmel mit der im Abendrot untergehenden Sonne. Als Seppl gerade so die Stimmung am abendlichen Himmel zeichnen will und dazu immer wieder nach oben blickt, entdeckt er plötzlich etwas Kleines, Leuchtendes herum fliegen. „Das muss eine Sternschnuppe sein!“, denkt sich Seppl. Sofort ruft er ganz aufgeregt seinen Freund Kasperl aus dem Haus: „Kasperl, schnell! Komm einmal! Dort oben fliegt eine Sternschnuppe in der Luft herum!“ Das Bamberger Kasperle eilt aus dem Haus herbei nach draußen, aber er kann keine Sternschnuppe sehen. Doch Seppl deutet mal nach links, mal nach rechts, dann wieder nach links. Kasperl kann gar nicht so schnell hin und her gucken, wie der Seppl mit dem Finger zeigt. Seppl verfolgt seine Sternschnuppe unentwegt mit den Augen. Nur Kasperl sieht sie nicht. Drum stellt sich Kasperle mitten in die Wiese, um den ganzen Himmel über ihrem Garten im Blick zu haben. – Da! – Jetzt kann Kasperl das fliegende Lichtlein auch sehen und muss erst einmal herzhaft lachen: „Hähähä, Seppl, das ist doch keine Sternschnuppe, die da herum fliegt. Das ist ein Würmglühchen – äh – Glühwürmchen!“ Erst ist Seppl ganz enttäuscht darüber, weil er schon gedacht hat, er könne sich etwas Schönes wünschen, wie man es so machen darf, wenn man eine Sternschnuppe sieht. Doch dann wäre es ihm ganz Recht, wenn doch mehr solcher Glühwürmchen im Garten und um ihn herum schwirren würden. Die könnten dann für Licht sorgen, wenn die Sonne untergegangen ist und er könnte noch länger draußen bleiben, weil es ja dann auch viel länger hell im Garten wäre. Kasperl wundert sich auch, warum nur ein Glühwürmchen zu sehen ist. Sonst ist es nämlich üblich, dass sie in einem ganzen Schwarm gemeinsam herum fliegen. Seppl ruft dem Glühwürmchen einfach zu: „He, du Glühwürmchen, hol doch noch ein paar von deinen Freunden her, denn du alleine machst mir zu wenig Licht!“ Das Glühwürmchen kommt zu Seppl geflogen und kreist um seinen Kopf. Dann sagt es mit leiser, heller Stimme: „Das würde ich ja gerne tun, aber da müsst ihr mir dabei helfen!“ Kasperl hat das natürlich auch gehört und ist ganz platt, dass sie sogar ein sprechendes Glühwürmchen getroffen haben. Als erstes fragt er das kleine leuchtende Wesen, ob es auch einen Namen hat. „Ja, ich bin Glimmi!“ Kasperl will nun von ihm wissen, wo denn all seine Freunde sind. Da erzählt ihm Glimmi, dass die alle vom bösen Erdwichtel gefangen und in dessen Höhle eingesperrt worden sind. Und dort müssen sie jetzt immer für ihn leuchten, weil es sonst so finster in seinem unterirdischen Bau ist. Kasperl meint, ob seine Freunde nicht einfach aufhören könnten zu leuchten. Dann wären sie doch für den Erdwichtel nutzlos und er lässt sie bestimmt alle wieder frei. Doch Glimmi erklärt ihm, dass Glühwürmchen immer leuchten, um damit die Männchen anzulocken, die sie dann heiraten wollen. Glimmi vermutet, dass die Männchen jetzt irgendwo ziellos herum schwirren und sie überall suchen. Kasperl und Seppl wollen Glimmi natürlich helfen und bitten es, ihnen den Weg zur Höhle des Erdwichtels zu zeigen. Seppl nimmt sicherheitshalber eine kleine Petroleumlampe mit, falls es zu dunkel wird. Glimmi fliegt langsam voraus, damit Kasperl und Seppl sein Licht nicht aus den Augen verlieren. Sie folgen dem Glühwürmchen bis in den Wald zu einem großen, alten Eichenbaum. Glimmi fliegt immer um den Baum herum und ruft ihnen mit seiner zarten Stimme zu: „Hier unter der Eiche ist die Höhle des Erdwichtels!“ Kasperl und Seppl suchen mit der Lampe am Fuß des Stammes nach der Höhle des bösen Wichtels, bis sie zwischen zwei dicken Wurzeln eine kleine, hölzerne Tür entdecken. Kasperl überlegt kurz, dann hat er einen Plan. Er wird einfach einmal anklopfen und sich dann schnell mit Seppl verstecken. Wenn der Wichtel daran vor die Tür kommt, soll ihn Glimmi von hier weglocken und er wird in der Zeit mit Seppl alle Glühwürmchen wieder freilassen. Glimmi findet den Vorschlag Spitze und schon pumpert Kasperl gegen die Tür. Kaum ist er mit Seppl hinter einem Gebüsch in Deckung gegangen, dann öffnet der Erdwichtel schon schimpfend die Tür: „Was ist denn los hier? Wer stört da den Erdwichtel bei seiner Feierabendruhe?“ In diesem Moment fliegt Glimmi auf ihn zu und fragt ihn, ob er wohl seine Freunde gesehen hat. Der Erdwichtel gibt zu, dass sie alle bei ihm sind und fordert Glimmi auf, auch mit in seiner Höhle zu kommen, damit er noch ein Lichtlein mehr hat. Glimmi schwirrt im Zick-zack-Flug um seine Nase herum und ruft: „Fang mich doch! Fang mich doch!“ Der Erdwichtel versucht es mit seinen Zwergenhänden zu erhaschen, doch er erwischt es nicht. Zornig greift er nach seinem Käscher, der am Baum lehnt und will damit das Glühwürmchen einfangen, so wie er es bei den anderen auch gemacht hat. Doch Glimmi foppt ihn noch etwas und dann fliegt es davon. Schimpfend verfolgt es der Erdwichtel mit seinem Käscher und rennt dabei immer weiter von der Eiche und seiner Höhle weg. Als er außer Sichtweite ist, öffnet Kasperl die kleine Holztür und Seppl ruft in die Höhle: „Fliegt heraus, ihr Glühwürmchen! Ihr seid wieder frei!“ Seppl kann gerade noch zur Seite springen, schon kommt ein riesiger Glühwürmchenschwarm aus dem Erdloch. Die Glühwürmchen kreisen erst freudig um den Baum herum und rufen: „Vielen Dank, Kasperl und Seppl!“, dann fliegen sie wie ein leuchtender Teppich zum Wald hinaus.
In diesem Moment kommt der Erdwichtel zurück. Glimmi hat er natürlich nicht erwischt. Darüber ist er schon sehr wütend und noch erboster ist er, als er all seine gefangenen Lichtchen davon fliegen sieht. „Zum Donnerwetter!“, ruft er garstig. „Wer hat meine Lichtlein frei gelassen?“ Kasperl antwortet ihm lachend: „Hähähä, wir du frecher Wurzelzwerg!“ Der Erdwichtel stampft erzürnt mit seinem kleinen rechten Bein auf den Waldboden und will wissen, wie er nun in seiner Höhle etwas sehen soll. Jetzt ist es ja wieder stockdunkel unter dem Erdboden in seinem Bau. Seppl rät ihm, doch einfach eine Lampe anzuzünden. Weil der Erdwichtel aber keine solche Lampe hat, wollen ihm Kasperl und Seppl ihre Petroleumlampe als Ersatz schenken, aber nur, wenn er ihnen verspricht, nie mehr Glühwürmchen oder andere Tiere gefangen zu halten. Der Erdwichtel sieht das ein und sichert ihnen zu, die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum, der freien Natur leben zu lassen. Kasperl und Seppl glauben ihm und geben ihm ihre Lampe, die ihm genügend Licht spendet.
Aber, wie sollen Kasperl und Seppl nun bei dieser Dunkelheit nach Hause zurück finden? – Sie haben ja keine Lampe mehr, die ihnen den Weg leuchten könnte. – In diesem Moment kommt Glimmi mit all seinen Freunden angeschwirrt und zum Dank für die Rettung leuchten sie ihnen den Weg zurück und wollen sie ab jetzt jeden Abend in ihrem Garten besuchen, um ihnen etwas Licht auf der Terrasse zu geben.
Und, wenn ihr, liebe Kinder, einmal ein Glühwürmchen bei Euch im Garten seht, könnte es eines sein, dem Kasperl und Seppl wieder in die Freizeit verholfen haben.
Nun wird es aber Zeit, dass ihr euer Glühwürmchen – nein – natürlich euer Licht ausknipst und Euch wie Kasperl und Seppl in Euer Bett zum Schlafen legt!
Eine gute Nacht und einen schönen Traum wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl.
Wolfgang Herrnleben (GAP, 2009)






