Ja, wer kommt denn da? – Irgendjemand klingelt ganz stürmisch an der Türglocke am Haus vom Bamberger Kasperl! Großmutter eilt sofort zur Tür, denn es muss ja wohl etwas ganz Wichtiges sein, wenn jemand derart Sturm läutet. Doch als Großmutter die Tür öffnet, um nachzusehen, steht nur Gretel draußen. Sie ist völlig aufgedreht, lacht und kichert, als wenn sie Kichererbsen gegessen hätte. Hüpfend betritt sie den Hausflur und trällert dabei: „Halli-hallo, halli-hallo!“ Kein Wunder, dass sie in so einer ausgelassenen Stimmung ist, denn sie war den ganzen Nachmittag auf der Geburtstagsfeier ihrer Freundin Judith. Und – wenn einmal ein paar Mädchen stundenlang zusammen sind, wird halt viel gekichert und gealbert. Das hat wohl auch die Gretel mächtig angesteckt und es wirkt scheinbar immer noch nach. Großmutter bremst Gretel dann erst einmal und fragt sie: „Sag mal, Gretel, fehlt dir nicht etwas?“ Gretel blickt an sich hinab und kann nichts feststellen, was sie an sich vermissen sollte. „Na, dann schau mal in den Garderobenspiegel!“, fordert sie Großmutter auf. Doch auch dabei fällt der Gretel nichts auf. „Was soll mir denn fehlen, Großmutti?“, fragt sie. Da muss ihr die Großmutter wohl doch auf die Sprünge helfen: „Hast du noch nicht gemerkt, dass du nur am linken Ohr einen deiner goldenen Ohrringe hast!“ Inzwischen ist auch Kasperl dazu gekommen und meint lachend: „Hähähä, wahrscheinlich ist das die neueste Mode, dass man nur noch einen Ohrring trägt. Großmutti, da kennst du dich bloß nicht aus, hähähä!“ Gretel schaut daraufhin noch einmal in den Spiegel, fasst sich ans rechte Ohrläppchen und muss tatsächlich feststellen, dass der Ohrring auf dieser Seite fehlt. „Oje“, sagt sie weinerlich, „den – den muss ich wohl verloren haben!“ Großmutter bittet sie, einmal genau zu überlegen, ob sie sich in der Eile heute Nachmittag überhaupt beide goldene Ohrringe angesteckt hat. Gretel weint noch mehr: „Ich – ich glaub schon! – Oder – oder doch nicht! – Ach, ich – ich weiß es nicht hundertprozentig!“ So gut gelaunt Gretel vorhin noch wahr, jetzt steht sie schluchzend im Hausflur. Kasperl beruhigt sie erst einmal und schlägt vor, erst einmal überall im Haus zu suchen, ob sie ihn vielleicht schon hier verloren hat. Und wenn nicht, dann geht er zusammen mit ihr den Weg bis zu ihrer Freundin Judith zurück, um nach dem Ohrring zu suchen. Kasperl, Gretel und Großmutter beginnen damit, überall im Haus zu suchen: in jeder Ecke, am Boden, in Gretels Zimmer, in ihrem Schmuckkästchen, im Einkaufskorb …….. Doch nirgends ist der goldene Ohrring zu finden, dabei müsste er ihnen doch entgegenfunkeln. „Was ist, wenn ich ihn doch unterwegs verloren habe und ihn jemand gefunden und einfach mitgenommen hat?“, jammert Gretel. Kasperl findet das gar nicht so schlecht und meint: „Was tut denn jemand mit einem Ohrring. Wenn es ein ehrlicher Finder ist, dann bringt er ihn nächste Woche zum Fundamt und wir können ihn dort abholen!“ Aber zunächst hoffen sie, den Ohrring doch noch irgendwo im Haus zu entdecken und setzen die Suche fort.
Sie sind dabei so konzentriert, dass keiner von ihnen bemerkt, dass die Hexe Faltenreich von draußen durch ein Fenster spitzt. Sie ist nämlich der Gretel heimlich auf dem Nachhauseweg gefolgt. Bei ihrem übermütigen Herumgehüpfe ist ihr der Ohrring abgegangen und herunter gefallen. Die Hexe hat den goldenen Ohrring natürlich sofort aufgehoben, denn etwas so golden Glänzendes hat sie noch nie gehabt. Nur weiß die Hexe nicht einmal, was das eigentlich sein soll. Sie will deshalb am Fenster lauschen, um heraus zu finden, was das für ein wertvolles Ding ist. Sie presst ihr Ohr an die Glasscheibe und hört, dass Gretel nach einem Ohrring sucht. Nun kennt sie sich aus und es ist ihr klar, was sie da gefunden hat. Schlau, wie die Hexe Faltenreich ist, denkt sie sich, dass ein einzelner Ohrring weder ihr, noch der Gretel nützt. Aber zurückgeben will sie ihren glitzernden Fund auch nicht. Deshalb beschließt sie, sich auch den anderen Ohrring von der Gretel zu besorgen. Für eine Hexe ist das eine Kleinigkeit. Sie fuchtelt mit ihrem Hexenbesen und murmelt einen Hexenspruch:
„Klinker, Klunker, Klinkerei,
Ohrring von Gretel komm herbei!“
Wie von Geisterhand löst sich auch der andere Ohrring aus Gretels rechtem Ohr und fliegt zur Hexe hinaus. Siegesbewusst lacht die Hexe und freut sich, dass sie nun zwei Ohrringe hat und will diese gleich an ihren Ohren befestigen. Solange die Hexe hinter dem Haus damit beschäftigt ist, die Ohrringe irgendwie an ihre Ohren zu hängen, fällt Kasperl drinnen beim Suchen auf, dass nun auch Gretels zweiter Ohrring verschwunden ist. Na, den kann Gretel ja logischerweise nur hier im Haus verloren haben, während sie sich immer wieder hinuntergebückt hat. Kasperl schlägt deshalb vor, Gretel und Großmutter sollen hier im Haus nach dem rechten Ohrring suchen und er geht einmal den Weg bis zu ihrer Freundin Judith zurück und hofft dort den linken Ohrring zu entdecken. Sicherheitshalber gibt ihm Großmutter eine Taschenlampe mit, denn es ist ja inzwischen schon ziemlich dunkel. Außerdem müsste der goldene Ohrring im Lichtkegel der Taschenlampe leichter auffallen. So macht sich Kasperl auf den Weg und leuchtet zunächst jeden Zentimeter auf dem Gartenweg ab, aber er sieht nirgends etwas glitzern. Dabei hört er plötzlich hinter einem Gebüsch jemanden leise vor sich hin schimpfen. Er geht um das Gebüsch herum und leuchtet der Hexe mitten ins Gesicht: „Ja, da schau her, hähä. Wen sehe ich denn da? Die Hexe Faltenreich!“ Schnell versteckt die Hexe das Ohrringpaar hinter ihrem Rücken. Kasperl hat das natürlich bemerkt und will wissen, was sie da vor ihm verbirgt. Er fordert sie auf, einmal ihre Hände nach vorne zu halten und zu öffnen. Widerwillig tut dies die Hexe, denn sie weiß, gegen Kasperl kommt sie nicht an. „Ja, da schau her!“, sagt Kasperl und hat natürlich richtig vermutet, „Wie kommst denn du zu Gretels Ohrringen?“ Stottert gibt die Hexe zu, dass sie den einen gefunden und den anderen zu sich gehext hat. Kasperl erklärt ihr, dass man Sachen, die man findet, entweder dem wahren Besitzer zurück gibt oder zum Fundamt bringt. Auf alle Fälle gehören ihr die Ohrringe nicht und deshalb lässt er sich auf der Stelle Gretels goldene Ohrringe wieder aushändigen, denn auch wenn man etwas findet, darf man es nicht einfach behalten. Die Hexe gibt sie ihm sogar freiwillig wieder, denn soviel sie auch probiert, an ihren Ohren halten sie nicht. Kasperl muss über die Dummheit der Hexe herzhaft lachen. Wie sollen die Ohrringe an ihren Ohren auch halten. - Die Mädchen unter euch wissen natürlich, dass man dazu Löcher in den Ohrläppchen braucht. Die Hexe Faltenreich wäre wohl die einzige Hexe, die sich je hätte Ohrlöcher stechen lassen. - Dann schickt er die Hexe aus dem Garten hinaus zurück in ihr Hexenhaus. Die goldenen Ohrringe bringt er auf dem schnellsten Weg zur Gretel, bevor sie sich die Augen gar ausweint. Freudig fällt die Gretel dem Kasperl um den Hals und schließt die goldenen Ohrringe sofort in ihr Schmuckkästchen ein. –
Jetzt, da Gretel weiß, wo ihre Ohrringe sind, kann sie sich sicher beruhigt schlafen legen.
- Ihr, liebe Kinder, habt in euerem Zimmer auch alles brav aufgeräumt, damit ihr es morgen Früh wieder findet und nicht ewig danach suchen müsst. Euer Bettchen findet ihr sicher ganz leicht und könnt euch gleich zum Schlafen hinein legen. Nun macht schön Heia-heia……
Die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl wünschen euch eine gute Nacht.
© Wolfgang Herrnleben (GAP, 2009)






