HEXENZAUBER IM FRÜHLING

Schon vor einer Woche war Frühlingsanfang und so schön es auch war, wenn dicke Schneeflocken vom Himmel fielen, wenn man durch den Pulverschnee stapfen, Schlittenfahren und Schneemänner bauen konnte, so freuen sich doch alle Kinder nach dem Ende der kalten Jahreszeit wieder auf den Frühling. Auch das Bamberger Kasperle und die Gretel laufen jeden Tag durch Großmutters Garten und über die Wiesen, um die ersten Knospen der Frühlingsblumen zu erwarten, die sie vor dem Winter selbst gesät oder gepflanzt haben. Doch es will noch nicht so richtig Frühling werden. Immer wieder gibt es frostige Nächte und Schneefall. So verdeckt oft noch eine Schneedecke die Blumenbeete, durch die noch kein Blümchen hindurchspitzt. So hoffen Beide Tag für Tag, dass sich die ersten Frühlingsboten blicken lassen. Aber noch bleibt es für Kasperl und Gretel bei der Hoffnung auf den Frühlingseinzug. Doch sie sind sicher, lange kann es nicht mehr dauern, bis sie sich über ihre Blümchen erfreuen können.

Was sie aber nicht wissen können, ist, dass der Frühling gar keinen Einzug ins Land halten kann, obwohl die Zeit reif dazu wäre. Durch das Land zieht nämlich die hinterlistige Wetterhexe, die schon lange auf der Suche nach dem Schloss des Herrn Frühling ist. Dummerweise hat sie es doch tatsächlich bei ihren Streifzügen gefunden. Sie will schon lange das Wetter selbst bestimmen, schließlich ist sie ja auch die Wetterhexe. Deshalb verschließt sie mit einem Zauberspruch alle Fenster und Türen seines Schlosses kurzerhand mit einem Zauberspruch, den sie in ihrem Hexenbuch gefunden hat:
„Fenster und Türen verschließt euch für immer,
Frühling sei gefangen in deinem Zimmer!“

Daraufhin ziehen schwarze Wolken über das Schloss, aus denen unter lautem Grollen ein mächtiger Blitz entweicht und das Schloss trifft. „Hihihihi!“, lacht die Hexe mit ihrer rauen Stimme, „Jetzt kann der Herr Frühling nicht mehr heraus und ich kann mir Sturm, Wind, Regen und Schnee in Hülle und Fülle ins Land wünschen. Und der Frühling kann mich nicht mehr daran hindern!“ Immer noch schallend lachend schwingt sie sich auf ihren Hexenbesen und fliegt über Land und Feld. Sofort sorgt sie dafür, dass es überall heftig regnet, schneit, donnert und blitzt.

Gretel und Kasperl sind gerade wieder auf ihrem Weg durch den Garten, um nach ihren Frühlingsblümchen zu sehen. Sie sind sehr verwundert, dass es so plötzlich wieder eiskalt wird, dass ganz dunkle Wolken am Himmel aufziehen und stürmischer Wind aufkommt.
Bevor es das Regnen beginnt, flüchten Beide rasch wieder Richtung Haus, damit sie nicht patschnass werden. Gerade noch bevor sie die Haustüre erreichen, bekommt Gretel auch schon die ersten großen Regentropfen ab. Schnell öffnet Kasperl die Haustür, damit sie sich in Sicherheit bringen können. Doch bevor Beide durch die Tür schlupfen können, schlägt ihnen ein kurzer Windstoß die Tür wieder vor der Nase zu und eine Stimme ruft: „Halt, Kasperle! Warte!“ Kasperl fragt Gretel überrascht, warum er warten soll. Doch Gretel erklärt ihm, dass sie doch gar nichts gesagt hat. Kasperl blickt um sich und kann aber sonst niemanden sehen, der ihm zugerufen haben könnte. Da hören sie wieder eine Stimme und merken, sie kommt von oben. „Hallo Kasperl und Gretel, hier bin ich! Die kleine Wolke am Himmel!“ Beide sehen nach oben und entdecken tatsächlich eine kleine Wolke, die genau über ihnen steht. Kasperl ruft ihr zu, dass sie nicht warten können. Denn sie müssen schnellstens ins Haus, damit sie nicht nass werden. Schließlich lässt es die kleine Wolke aus ihrem Bauch direkt auf sie nieder regnen. Die kleine Wolke erklärt ihnen, dass sie eigentlich nichts dazu kann und es ja gar nicht regnen lassen will. Doch die böse Wetterhexe hat alle Wolken zusammengeholt und ihnen befohlen, das ganze Land, alle Menschen und Tiere nass zu machen. Kasperl meint, dass es doch nicht so schlimm ist, denn ein bisschen Regen tut der Erde auch gut. Die kleine Wolke muss ihnen aber vom bösen Streich der Wetterhexe berichten, der nicht nur ein bisschen Regen zur Folge hat. Mit Entsetzen erfahren Kasperl und Gretel von der Wolke, dass die Wetterhexe den Herrn Frühling in sein Schloss eingesperrt und alle Fenster und Türen zugehext hat, damit ab jetzt nur die Hexe das Wetter bestimmen kann. Gretel bittet Kasperl, doch schnell den Herrn Frühling irgendwie wieder aus seinem Schloss zu befreien. Kasperle weiß aber zunächst keinen Rat. Denn erstens hat er keine Ahnung, wo er das Schloss des Herrn Frühling findet und zweitens wird wohl die Wetterhexe versuchen, ihn daran zu hindern. Die kleine Wolke will ihm aber helfen und ist sicher, dass sie es gemeinsam bestimmt schaffen. Sie kennt den Weg zum Schloss und will Kasperle dorthin führen.  „Also gut, kleine Wolke,“, sagt Kasperl, „zeige uns den Weg zum Schloss des Herrn Frühling!“ Wusch! — Die kleine Wolke schwebt davon und Kasperl folgt ihr zusammen mit der Gretel querfeldein, durch den Wald über Hügel und Brücken bis plötzlich auf einem großen Berg ein buntes Schloss mit vier verschieden farbigen Türmen steht. Die kleine Wolke ruft ihnen von oben noch zu: „Seht, dort ist schon das Schloss des Herrn Frühling!“ Kaum gesagt, war die kleine Wolke – wusch – auch wieder verschwunden. Kasperl und Gretel steigen auf den Berg hinauf und laufen zweimal – dreimal rings um die Schlossmauern herum, aber sie finden nirgends eine Möglichkeit, um den Herrn Frühling zu befreien. Alle Fenster und Türen sind so fest verriegelt und verschlossen, dass man sie einfach nicht öffnen kann. Kasperl zieht und zerrt am Griff des großen Schlosstores, aber es gibt nicht nach. Da hören sie ein helles Klingeln und eine feine Stimme flüstert: „Warte, Kasperl, ich kann dir helfen!“ Kasperl und Gretel sind über die erneute geheimnisvolle Stimme erstaunt und wundern sich, woher sie diesmal kommt. Sie schauen suchend um sich und sehen eine gelbe Schlüsselblume, die auf dem kleinen Rasenstück links neben dem Schlosstor blüht. Die Schlüsselblume sagt ihm, dass sie die Lieblingsblume des Herrn Frühling ist und sie kann helfen. „Bitte pflücke mich einfach ab und versuche mit mir das Schloss des Tores aufzusperren.“, bittet ihn das Blümchen mit den fünf kleinen Blütenkelchen. Kasperl zupft die Schlüsselblume vorsichtig ab und auf einmal wird es kurz dunkel, ein Donnern ist zu hören und die Blume zittert in Kasperls hat, dass er sie kaum mehr halten kann. Kasperl spürt, dass die Blume plötzlich so hart geworden ist, als wäre sie aus Metall wie ein echter Schlüssel. Nun will es Kasperl damit einmal probieren, ob er damit das Schloss aufsperren kann. Er steckt die verwandelte Schlüsselblume in das Türschloss und dreht es einmal – zweimal herum und – klack – das Schloss lässt sich damit aufsperren. Das ganze Schloss erstrahlt für einen Moment in einem hellen Lichtschein, es klappert und knackt überall. „Sieh mal, Kasperl!“, ruft Gretel, „Alle Fenster und Türen ringsherum sind aufgesprungen.
Und schon tritt der Herr Frühling durch das Schlosstor nach draußen und bedankt sich bei Kasperle, dass er den Hexenzauber besiegt und ihn wieder befreit hat. Kasperle hat das natürlich gerne getan, aber er muss zugeben, dass dies nur möglich war, weil ihnen die kleine Wolke und die Schlüsselblume dabei geholfen haben. Mit seiner tiefen Stimme verspricht der Herr Frühling nun, dass er der Hexe die Herrschaft über das Wetter wieder abnehmen und Einzug ins Land halten wird. Nur weil Kasperl, Gretel, die Wolke und die Schlüsselblume zusammengehalten haben, konnten sie in dieser starken Gemeinschaft den Hexenzauber besiegen. Kasperl und Gretel freuen sich natürlich schon darauf, dass es endlich Frühling wird und ihre Blümchen im Garten sprießen können.

Ihr liebe Kinder freut euch sicher auch darauf, wenn der letzte Schnee aus dem Land verschwindet und die Frühlingssonne die Erde erwärmt, damit alles wieder grünt und blüht. Vielleicht spitzen bei Euch morgen Früh auch schon die ersten bunten Knospen aus der Erde. Deshalb schnell schlafen, damit ihr morgen die Ersten seid, die die Blümchen entdecken.
Die Puppenbühne Herrnleben und das Bamberger Kasperle hoffen, dass der Frühling auch bald zu Euch kommt und wünschen Euch eine gute Nacht!

© by Wolfgang Herrnleben (2008)