Die Herbstblätter

Mittlerweilen ist es richtig Herbst geworden. Manchmal hat es sogar etwas geschneit und viele Nächte waren schon richtig frostig. Das ist die Zeit, in der sich auch die Blätter an den Bäumen bunt färben und abwerfen. Ihre grüne Farbe verändert sich in verschiedene Töne aus Rot, Gelb oder Braun. Wenn man durch diese herbstliche Landschaft wandert, ist es ein tolles Bild, wenn die Bäume mit ihrem farbigen Blätterkleid die ganze Natur in vielen bunten Farben erscheinen lässt. – Ihr wisst natürlich alle, dass dies nur bei den Laubbäumen so ist, denn die Tannen, Fichten, Lärchen und anderen Nadelbäume färben sich nicht bunt, sondern sie bewahren ihre grünen Nadeln selbst über die kalte, eisige Jahreszeit hindurch. Aber die bunten Blätter sind nicht nur an den Laubbäumen ein schöner Anblick, sondern die abgeworfenen Blätter, die die Kinder gerne aufsammeln, eignen sich auch zu allerlei vielen Sachen. Die Kinder gestalten damit Bilder, sie kleben sie auf Papier auf, basteln Blätterungeheuer, pressen sie in Büchern platt, machen daraus herbstliche Tischdekorationen und vieles mehr. Alle Kinder haben an den bunten Blättern, die es ja nur einmal im Jahr gibt, ihre wahre Freude. Nur der Zauberer Brummelbart nicht! –
Ihm gefällt es überhaupt nicht, dass die Bäume ihre Blätter abwerfen. Gerade ist er mit seinem alten, hölzernen Rechen im Zaubergarten unterwegs und rechend das herunter gefallene Laub zusammen. Er ärgert sich darüber, dass jeden Abend der ganze Zaubergarten voller gelber, roter und brauner Blätter liegt. Der Zauberer hätte es lieber, wenn die Bäume ihre Blätter an den Ästen und Zweigen behalten würden und immer grün wären. Schimpfend ist er in seinem Garten unterwegs: „Diese blöden braunen, gelben und roten Blätter nerven mich! Jeden Abend muss ich sie in meinem Zaubergarten zusammenrechen, als wenn ich nichts besseres zu tun hätte!“ Als er bei der alten, großen Zaubereiche ankommt, fragt er diese: „Sag mal, alte Zaubereiche, muss denn das sein, dass ihr Bäume alle Jahre euere Blätter abwerft? Ihr wisst genau, dass ich es lieber habe, wenn ihr das ganze Jahr grünt und blüht.“ Die alte Zaubereiche erklärt dem Zauberer Brummelbart, dass es eben so sein muss. Es wird halt wie alle Jahre Winter und kalt. Da wollen die Bäume schlafen und haben deshalb ihren ganzen Saft in ihre tiefsten Wurzeln geschickt. Und weil in den Ästen kein Saft mehr ist, der die Blätter ernährt, fallen diese im Herbst ab. Doch der Zauberer schimpft weiter, denn er hat etwas dagegen, das die Bäume in seinem Zaubergarten schlafen. Er will, dass sie das ganze Jahr ihre grünen Blätter tragen und diese nicht auf seiner Wiese herum liegen. Um sich die Rechenarbeit zu ersparen, spricht er einfach einen Zauberspruch:
„Blätter fliegt wieder zurück an Zweige und Äst’
Und haltet immer daran fest!“
Im Nu fliegen die bunten Blätter mit lautem Gepfeife und einem großen Durcheinandergewirbel wieder zurück an ihre Plätze an den Ästen und werden in diesem Moment alle wieder grün. Der alten Zaubereiche gefällt das gar nicht. Sie beschwert sich, weil der Zauberer die ganze Natur durcheinander bringt. Sie fragt ihn, womit denn die Bäume nun über den Winter ihre Blätter ernähren sollen, wenn ihr ganzer Saft schon in den Wurzeln ist? – Der Zauberer meint – ahnungslos wie er ist -, dass doch die Bäume einfach ihre Säfte wieder in die Äste zurückholen sollen. Doch die Eiche versucht ihm zu erklären, dass das nichts nützt. Die Blätter haben nämlich im Sommer die Aufgabe den Bäumen Nahrung in Form von Sonnenlicht, Wasser und dem Gas Kohlendioxyd zuzuführen. Aber im Winter ist das nicht möglich, weil die Sonne zu schwach scheint. Deshalb werfen die Bäume im Herbst ihre Blätter ab und warten darauf, bis es wieder warm wird. Für den Zauberer ist das kein Problem! – Er will ab sofort eben auch im Winter die Sonne scheinen lassen und das zukünftig Tag und Nacht, denn er kann Dunkelheit, Kälte und den Winter sowieso nicht leiden.
Ein Zauberspruch und die Sonne wird immer scheinen. So zaubert er schnell:
„Sonne, lass erstrahlen deinen Schein,
es soll immer warm und Sommer sein!“
Unter Klängen wie von einem hellen Glockenspiel kehrt die Sonne wieder zurück an den Himmel und bleibt an der höchsten Stelle stehen. Nun ist der Zauberer zufrieden und die Bäume können immer grün bleiben und müssen ihre Blätter nicht abwerfen.
Dumm ist nur, dass die Sonne nun immer am Himmel bleibt und nie mehr untergeht.
Darüber wundert sich auch Kasperle. – Er liegt nämlich schon in seinem Bett und wollte gerade einschlafen. Doch plötzlich wandelt sich die abendliche Dunkelheit wieder in helles Licht und die Sonne schein ihm direkt in die Augen. Kasperl kann es sich nicht vorstellen, dass er schon geschlafen hat und es schon wieder früh morgen ist. Sicherheitshalber schaut er auf seinen Wecker. Nein, sein Wecker sagt ihm, dass es sieben Uhr abends ist. Kasperl kann sich das nicht erklären und will die Frau Sonne einmal fragen, ob sie sich in der Tageszeit geirrt hat. Er öffnet sein Zimmerfenster und ruft hinauf in den Himmel: „Hallo, Frau Sonne, geht deine Uhr falsch? Bei uns müsste doch jetzt eigentlich der Mond scheinen und du dafür in Afrika!“ Die Sonne antwortet ihm gleich mit ihrer sanften Stimme: „Ja, Kasperle, eigentlich schon. Aber der böse Zauberer Brummelbart hat sich gewünscht, dass ich von nun an immer schein!“ Kasperl hält das natürlich für einen großen Schmarrn und fragt nach dem Grund des Zauberers. Die Sonne erzählt ihm, dass der Zauberer will, dass es immer Sommer bleibt, die Natur immer grünt und blüht, weil er etwas dagegen hat, dass die Bäume und Sträucher immer im Herbst ihre Blätter abwerfen. Lachend meint Kasperl, dass der Zauberer nur aufpassen soll, dass er von dem ständigen Sonnenschein keinen Sonnenstich bekommt. Kasperl will der Natur ihren üblichen Rhythmus erhalten. Deshalb zieht er sich schnell wieder an und macht sich auf den Weg zum Schloss des Zauberers Brummelbart. Dort pumpert Kasperle mit seinen Fäusten fest an das alte Holztor. Genervt öffnet der Zauberer das knarrende Tor und will wissen, was denn Kasperl von ihm will. Lachend antwortet ihm Kasperl: „Hähähä, ganz einfach, Zauberer Brummelbart. Ich will schlaaaafen!“ Der Zauberer fragt ihn was er dann hier will. Er soll sich doch einfach in sein Bett legen und die Augen schließen! Dann kann er schon schlafen! – Andere Kinder schlafen doch auch! –  Kasperl versucht ihm aber klar zu machen, dass er nicht schlafen kann, wenn die Sonne die ganze Nacht scheint. Den Zauberer interessiert das aber nicht. Er lässt die Sonne nie mehr untergehen, damit es niemals mehr Winter wird und die Blätter immer an den Bäumen bleiben. – Kasperl sagt ihm, dass dies im irdischen Jahresablauf halt so sein muss. Wenn immer nur die Sonne scheint, kommt doch der ganze Kreislauf in der Natur durcheinander, den sich unser Herrgott im Himmel extra so ausgedacht hat. Auch die Sonne meldet sich von hoch oben zu Wort und findet es nicht gut, wenn sie immer nur hier scheinen muss. Sie kann ja schließlich nicht überall gleichzeitig sein. So bleibt es nämlich dafür auf vielen Teilen der Erde immer dunkel und es kann dort nichts mehr wachsen und gedeihen. Die Folge wäre, dass die Menschen, Kinder und Tiere, die dort leben, verhungern müssen. Und das alles nur, wegen der paar Blätter, die von den Bäumen herunter fallen. Kasperl findet es außerdem jammerschade, dass es ja dann auch nie mehr Winter wird und Schnee fällt. Dabei freuen sich doch alle Kinder und auch er schon darauf, wenn sie wieder Schlitten- und Skifahren und Schneemänner bauen können. – Ihr bestimmt auch, gell Kinder? – Und schlafen könnt ihr bestimmt auch besser, wenn es dunkel ist, gell? – Das findet auch die liebe Sonne: „Genau, Zauberer Brummelbart, wenn ich nie mehr untergehe, wird es auch nie mehr Nacht. Und dann können Menschen, Tiere und Pflanzen nie mehr schlafen!“ Zauberer Brummelbart hat sich das alles angehört, runzelt nun seine Stirn und überlegt ganz angestrengt. Nach einiger Zeit findet er auch, dass Kasperl und die Frau Sonne wohl Recht haben. Er selbst kann ja auch nur schlafen, wenn es dunkel ist. – Und er schläft doch so gerne! – Er kommt also zur Überzeugung, dass seine Idee, die Sonne für immer hier scheinen zu lassen, wohl doch nicht so gut ist. Also beschließt er, mit einem Zauberspruch alles wieder rückgängig zu machen.
„Sonne geh wieder täglich unter und auf,
Leben in der Natur nimm deinen gewohnten Lauf!“
Unter hellem Glockenklängen verlässt die Sonne wieder den Himmel und kehrt wieder auf ihre normale Bahn zurück. Die alte Zaubereiche, alle anderen Bäume und die Sträucher lassen sofort wieder alle Blätter wieder von den Ästen herunter fallen und bedanken sich beim Zauberer Brummelbart für seine Einsicht.
Ja, liebe Kinder, nun ist in der Natur alles wieder in Ordnung. Die Sonne geht wieder jeden Tag auf und unter und wir können uns jetzt endlich wie jeden Tag schlafen legen, denn draußen ist es endlich wieder dunkel geworden. Aber ganz bestimmt wird Euch morgen Früh die Sonne mit ihren Strahlen wieder wecken.
Allen Menschen, Tieren, Pflanzen und Euch, liebe Kinder, wünschen eine gute Nacht …..
….. die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!
                                                                        Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2009)