Die kräftigen Sonnenstrahlen, die in den letzten Tagen überall zur Erde schienen, und die warmen Frühlingstemperaturen sind eine reine Wohltat für den Erdboden, die Bäume, Blumen und Pflanzen. Nach der langen, trüben Winterszeit kann man nun jeden Tag beobachten, wie überall an den Zweigen die grünen Blättchen sprießen, die Blumen ihre bunten Blütenkelche zur Sonne hin öffnen und auch das Gras wächst plötzlich wie wild. Es ist ein herrlich buntes Bild, wenn man schon am frühen Morgen zum Fenster hinausschaut oder am Nachmittag durch den Garten und die bunt blühende Natur geht. Das bedeutet aber auch, dass man den Garten pflegen, das Unkraut zupfen und täglich die Blumen gießen muss, wenn es nicht gerade mal regnet. Auch das Bamberger Kasperle freut sich darüber, dass in Großmuttis Garten alle Frühlingsboten wieder zum Leben erwacht sind. Begeistert holt er das erste Mal in diesem Jahr den Rasenmäher aus dem Schuppen und mäht mit vollem Schwung und Elan den Rasen in Großmuttis Garten, der in der letzten Woche ganz schön hoch gewachsen ist. Aber nicht nur das Gras ist gewachsen, auch das Unkraut wuchert schon überall an den Wiesenrändern und zwischen den Steinplatten auf dem Gartenweg und der Terrasse. Kasperl zupft alles brav heraus, damit der Garten wieder schön aussieht, falls am Pfingstwochenende Besuch kommen sollte. Nun muss Kasperle das ganze abgemähte Gras und das Unkraut nur noch zusammenrechen und auf den Komposthaufen werfen. Aber er will es noch etwas liegen lassen, denn er weiß, wenn es in der warmen Sonne etwas ausgetrocknet ist, kann er es leichter zusammenrechen. Die Zeit will er nutzen, um aus dem Keller die Gartenzwerge aus dem Regal zu holen, damit er sie später überall auf der Rasenfläche aufstellen kann. Währenddessen kommt das Zwergensöhnchen Pimperle angetippelt, klettert über den Gartenzaun und bestaunt den Garten von Kasperls Großmutter, in dem alles grünt und blüht. Verwundert bleibt er vor dem dicken, hohen Baum stehen, der mitten im Garten steht und blickt nach oben. Als Kasperle mit einer Holzkiste voller Gartenzwerge wieder aus dem Keller kommt, freut er sich darüber, dass ihn Pimperle einmal wieder aufsucht. Pimperle springt erst auf Kasperle zu und begrüßt ihn, dann nimmt er ihn aber an der Hand und zerrt ihn zu dem großen Baum. „Warum habt ihr denn mitten im Frühling einen Weihnachtsbaum im Garten aufgestellt?“, fragt Pimperle seinen Freund Kasperle. Kasperl muss lachen und fragt Pimperle, wie er auf die Idee kommt, dass sie einen Weihnachtsbaum aufgestellt hätten. Pimperle deutet an dem großen Baum hoch und meint: „Was soll dies denn sonst für ein Baum sein? Da stecken doch ringsherum eine Menge weißer Kerzen drauf!“ Kasperl lacht noch mehr und er erklärt Pimperle, dass dies doch keine echten Kerzen sind, die man anzünden kann, sondern nur die Blütenkerzen an ihrem Kastanienbaum. Pimperle hat so einen blühenden Baum noch nie gesehen. Doch Kasperle sagt ihm, dass jetzt überall in den Gärten, Alleen oder auf Plätzen die Kastanienbäume blühen. Der Baum in Großmuttis Garten blüht heuer auch das erste Mal, denn es dauert immer 10 Jahre, bis ein Kastanienbaum seine ersten Blütenkerzen zum Vorschein bringt. Pimperle findet aber, es sei schade, dass es kein echter Weihnachtsbaum ist. Es wäre doch ganz toll gewesen, wenn man nun auch im Mai Weihnachten feiern und er viele Geschenke bekommen würde. Das glaubt Kasperle dem kleinen Zwerg sogar. Aber darüber würden sich bestimmt alle Kinder freuen. Leider ist es aber nicht so. Weihnachten ist halt nur einmal im Jahr. Und darauf müssen Pimperle und alle Kinder schon noch ein paar Monate warten. Und weil auf Kasperle das abgemähte Gras warten, will er es schnell zusammenrechen, damit er die Gartenzwerge aufstellen kann. Pimperle will ihm dabei helfen und sammelt die Grashaufen auf, die Kasperle zusammenschiebt und trägt die Büschel zum Komposthaufen. Da die beiden damit voll beschäftigt sind, merken sie nicht, dass sich der Waldkobold heimlich in den Garten geschlichen hat. Er fällt auch gar nicht auf, denn er ist genauso grün wie das Gras, durch das er mit seinem dicken Bauch hindurchkugelt. Er hat schon vorher über den Gartenzaun geguckt und auch den Kastanienbaum mit den weißen Blütenkerzen entdeckt. „Die Kerzen muss ich haben,“, sagt der Kobold zu sich, „denn in meiner Waldhöhle ist es sowieso immer so dunkel!“ Er beschließt, die Kerzen vom Baum zu holen und sie in seinen großen Koboldsack zu sammeln. Er versucht den Baumstamm hochzuklettern. Doch mit seinem großen Kugelbauch ist es gar nicht so einfach an dem dicken Stamm hinauf zu kommen. Er schafft immer nur ein kurzes Stück, dann fällt er – Plumps! – immer wieder hinunter ins grüne Gras und bleibt auf dem Rücken liegen. Immer wieder rappelt er sich auf und versucht es erneut. So funktioniert das nicht, denkt er sich. „Hehehe, wozu bin ich denn ein Kobold!“, lacht er, nimmt Anlauf, geht in die Knie und springt wie ein Floh mit einem Riesensatz hinauf in die Äste des Kastanienbaumes. Dort klettert er von Ast zu Ast und sammelt die Blütenkerzen in seinen Sack. „Kasperle! Kasperle!“, ruft Pimperle plötzlich. „Sieh mal, am Kastanienbaum gehen nacheinander die Kerzen aus!“ Kasperle meint, er soll keinen Quatsch erzählen, denn es sind ja keine echten Kerzen und deshalb können sie auch nicht ausgehen. Als Kasperle aber genau hinsieht, erkennt er auch, dass nur noch ganz wenige Blütenkerzen am Baum blinken. Er wundert sich, weil es doch gar nicht sein kann, dass sie so schnell wieder abgeblüht sind. Der Kobold turnt immer noch auf dem Baum herum und sammelt lachend Blüte für Blüte ein. Kasperl hat sein Lachen gehört und merkt jetzt auch, dass da irgendwas oben in der Baumkrone herum krabbelt. „Wer ist denn da oben?“, ruft Kasperle. Als er keine Antwort bekommt, bittet er Pimperle mit ihm zusammen kräftig den Stamm zu schütteln. Beide schütteln und schütteln, bis die Äste heftig hin und her schwingen. Da – Plumps! – auf einmal fällt etwas herunter und landet mitten im Rasen. „Was bist denn du für ein grüner Rollmops!“, fragt Kasperle erstaunt. „Ich bin Brummel, der Waldkobold!“, antwortet der Kobold und kugelt dabei solange vom Rücken auf den Kugelbauch herum und wieder zurück, bis er endlich wieder auf die Beine kommt. Kasperle will von ihm wissen, warum er denn alle ihre Kastanienblüten abreißt. Der grüne Kobold glaubt, er sei besonders schlau und hat beschlossen, dass diese Kerzen ab heute in seiner Höhle für mehr Licht sorgen sollen. Kasperl muss aber auch ihn enttäuschen und erklärt ihm, dass dies doch keine echten Kerzen sind. In diesem Moment wird es plötzlich dunkel und in einem schillernden Licht erscheint die Blütenelfe. „Ja und dieser Irrtum, es seien echte Kerzen, führt dazu, dass heuer an dem Baum im Herbst keine Kastanien entstehen können, weil der Waldkobold die Blüten abgerissen hat!“ Und gerade auf die Kastanien hat sich Pimperle so gefreut, weil er die doch zum Basteln und Spielen gebraucht hätte. Doch ohne Blüten im Frühjahr gibt es keine Kastanien im Herbst. So müssten Kasperle und Pimperle bis nächstes Jahr auf die Kastanien warten. Doch die Blütenelfe merkt, dass die Beiden deshalb sehr traurig sind. Und weil Kasperl und Pimperle immer brav sind und sonst ja auch alles tun, um die Natur und die Pflanzen zu schützen, will sie den Schaden wieder gut machen, den der Waldkobold angerichtet hat. Sie will deshalb gleich alle Blütenkerzen wieder an ihren Platz am Baum zurückwünschen und spricht einen Zauberspruch: „Kerzen blüht wieder groß und schön,
viele Kastanien sollen aus euch entsteh’n!“
Wie von hundert Glockenspielen ist ein melodisches Läuten und Klingen zu hören, der ganze Kastanienbaum funkelt und glitzert plötzlich. Kasperl und Pimperle kriegen vor lauter Staunen den Mund gar nicht mehr zu. Und als der Spuk wieder vorbei ist, blüht wieder viele Blütenkerzen am Kastanienbaum. Es scheinen noch viel viel mehr zu sein, als vorher.
Kasperl und Pimperle bedanken sich bei der Blütenelfe und freuen sich schon auf die Kastanien, die dann im Herbst vom Kastanienbaum fallen. Doch die Blütenelfe erinnert sie schon jetzt daran, dass sie nur die reifen Früchte von der Erde aufheben sollen, denn die unreifen Kastanien oder die grünen Samenschalen enthalten einen giftigen Wirkstoff. Kasperle und Pimperle versprechen ihr, es bis zum Herbst nicht zu vergessen. Denn solange müssen sie noch auf die Kastanien in diesem Jahr warten und noch oft schlafen, bis es soweit ist. Aber Kasperle, Pimperle und ihr liebe Kinder könnt ja schon einmal von großen, braun-glänzenden Kastanien träumen. Jetzt erfreut euch aber erst einmal an den großen, weißen Blütenkerzen, wenn ihr einen Kastanienbaum im Frühjahr seht. Vielleicht entdeckt ihr schon morgen einen, wenn ihr in den Pfingstferien einen Spaziergang oder eine Wanderung macht. Aber vorher müsst ihr erst einmal schön schlafen.
Die Puppenbühne Herrnleben und das Bamberger Kasperle wünschen Euch eine gute Nacht!
© by Wolfgang Herrnleben (2008)






