Seit gestern hat der Herbst so richtig Einzug ins Land gehalten. So war es auch heute kalt und regnerisch und auf den Höhen ist sogar etwas Schnee gefallen. Es war jedenfalls kein Wetter mehr, um im Freien zu spielen.
So sind Gretel, Seppl und das Bamberger Kasperle den ganzen Nachmittag im Haus geblieben. Seppl hat in seinem Zimmer wieder einmal seine Eisenbahn aufgebaut und damit gespielt, Kasperl hat die Fotos vom Sommer in sein Album geklebt und Gretel hat Figuren aus getrockneten Tannenzapfen gebastelt. Diese hat sie überall in ihrem Zimmer aufgestellt und dann alles wieder ordentlich aufgeräumt, ihren Schreibtisch und den Boden sauber gemacht. Der stille Nachmittag wurde nur unterbrochen, als Großmutter zum Abendessen aufforderte.
Nach dem sie alle damit fertig sind, spielten sie mit Großmutti noch eine Partie „Mensch-ärger-dich-nicht!“, aber dann wurde es Zeit ins Bett zu gehen.
Gretel setzt sich aber schnell noch einmal an ihren Schreibtisch und holt ein buntes Buch aus der Schublade. Sie sitzt überlegend davor und überlegt, was sie hinein schreiben könnte. Als Seppl vom Zähneputzen aus dem Badezimmer zurück kommt und auf dem Weg in sein Zimmer sieht, dass in Gretels Zimmer noch Licht brennt, muss er natürlich hineingehen. Neugierig wie Seppl ist, will er wissen: „Sag mal, Gretel, was schreibst du denn da noch?“ Kasperl kommt auch wundert sich, dass Gretel sogar am Freitagabend noch Hausaufgaben macht, obwohl sie doch bei dem tristen Wetter noch das ganze Wochenende Zeit dazu hat. Doch Gretel erklärt den Beiden, dass sie nur in ihr Tagebuch schreibt. Seppl lacht und meint: „Hoho, in dein Tagebuch? Gell du schreibst da hinein, dass heute Freitag ist, hoho?“ Kasperl will auch wissen, was Gretel da hinein schreibt. Aber Gretel schickt die Zwei zur Seite, denn die Einträge in ihr Tagebuch sind ihr Geheimnis. Überschlau bemerkt Seppl, dass man sich Geheimnisse doch nur im Kopf merken muss und nicht aufschreiben darf, sonst können sie andere ja auch lesen. Gretel schließt ihr Tagebuch aber immer sicher weg, denn es ist ja schließlich etwas ganz Persönliches. Was sie da hinein schreibt, dürfen andere nicht lesen. Logisch, dass es Seppl trotzdem wissen will, was sie da alle Tage notiert. Damit er beruhigt ist, erzählt ihm Gretel, was sie darin festhält. Aber reinschauen darf er trotzdem nicht. Sie sagt Kasperl und Seppl, dass sie immer am Abend einträgt, was sie tagsüber gemacht hat, was eventuell passiert ist, was sie erlebt hat und – dabei lacht sie – ob sie die beiden Burschen wieder einmal geärgert haben. „Auweia hähä“, sagt Kasperle darauf lachend, „da wird dein Tagebuch aber bald voll sein, hähä!“ Das kann Gretel nur bestätigen, denn über Kasperl und vor allem über Seppl stehen wirklich jede Menge Dinge darin. Verraten wollte sie den Beiden darüber aber nichts. Großmutter hat die rege Unterhaltung natürlich auch gehört und macht der Diskussion ein Ende. Sie bittet die Drei nun endlich Ruhe zu geben und in ihre Betten zu gehen. Seppl meutert zwar – wie immer -, doch Großmutter sagt ihm lachend, dass bestimmt bald das Sandmännchen kommt und er wird dann schon schlafen können. Also, was bleibt ihnen dann übrig, als sich schlafen zu legen. Gretel schließt auch ihr Tagebuch, löscht das Licht und kuschelt sich in ihr weiches Bett. „Gute Nacht!“ tönt es aus allen Zimmern und dann ist endlich Stille.
Und da wird es auch höchste Zeit! Draußen im Garten wartet nämlich schon seit einer halben Stunde das kleine Sandmännchen. Es will den drei Kindern doch endlich den Schlafsand in die Augen streuen und dann weiter zu den anderen Häusern ziehen. Gerade, als es durch das geöffnete Wohnzimmerfenster ins Haus springen will, sieht es Seppl noch herum schleichen. Vorsichtig begibt er sich in Gretels Zimmer und horcht erst an der Tür, ob sie auch schon fest schläft. – Ja, sie rührt sich nicht mehr! – Auf Zehenspitzen läuft Seppl zu Gretels Schreibtisch, um heimlich nachzusehen, was sie denn alles in ihr Tagebuch geschrieben hat. Er blättert ganz leise die Seiten um und ganz schwach kann er im Mondlicht sogar erkennen, dass da etwas vom Kasperl drinsteht. Das will er natürlich genau wissen. Was er aber nicht weiß, ist, dass ihn das Sandmännchen schon die ganze Zeit beobachtet. Und mit Entsetzen stellt es fest, dass der freche Seppl doch tatsächlich in Gretels Tagebuch blättert. Weil man das nicht tut, will ihm das Sandmännchen einen Denkzettel verpassen. Zufällig hat das Sandmännchen auch etwas von seinem Zaubersand in seiner Hosentasche dabei. Den streut es unbemerkt über den Seppl und spricht dazu einen Zauberspruch:
„Seppls Nase wachse immerzu,
damit die Neugier kommt zur Ruh’!“
Das Sandmännchen kichert ganz siegesbewusst und hofft ihm damit für alle Zeiten seine Neugier auszutreiben.
Es dauert nicht lange, bis Seppl merkt, dass seine Nase plötzlich immer länger und länger wird. Jetzt ist sie schon so lange, dass er sie mit der ganzen Hand umfassen kann. Im ersten Moment kann er das gar nicht glauben und denkt, er träumt das alles nur. „Nein, ich träume nicht! Ich bin wach!“, stellt Seppl fest und ruft entsetzt, „Das gibt es doch nicht! Was ist denn mit meiner Nase los?“ Kasperl hört das Geschrei vom Seppl und kommt sofort herbei geeilt. Als er ihn sieht, muss er auch erst einmal tüchtig lachen: „Hähähä, Seppl, wie siehst du denn aus? Deine Nase ist ja so groß und dick, wie eine gelbe Rübe, hähä!“ Seppl ist allerdings gar nicht zum Lachen zumute. Er kann sich nicht erklären, warum seine Nase immer größer wird. Da klopft es ans Fenster. Kasperl öffnet es und schaut hinaus in die Nacht. Und was sieht er? – Das kleine Sandmännchen, welches ihn mit seinen kleinen Äuglein anstrahlt. „Hihihi, ich kann euch sagen, warum Seppl so eine große Nase hat!“, sagt es ihnen. Es erzählt ihnen, dass sie dem Seppl die große Nase mit seinem Zaubersand gewünscht hat, weil er so neugierig war und Gretels Tagebuch lesen wollte. Gretel ist von dem Lärm auch wieder aufgewacht, schaltet ihre Nachttischlampe an und reibt sich im Bett die Augen. Als sie sich aufsetzt und in ihrem Zimmer umsieht, erkennt sie sofort, was da los ist. Schnell springt sie aus dem Bett und schließt ihr Tagebuch vor den neugierigen Augen der anderen sofort sicher in ihre Schreibtischschublade ein.
Doch, was soll nun mit Seppls Nase geschehen, die unaufhörlich immer weiter wächst? – Das Sandmännchen will sie ihm gerne wieder klein zaubern. Seppl muss ihm allerdings versprechen, das Tagebuch von Gretel zukünftig in Ruhe zu lassen. „Jaja, kleines Sandmännchen, Gretels Tagebuch interessiert mich nie mehr!“, beteuert Seppl, „Aber mach schnell! Bevor mich die Großmutti so zu Gesicht bekommt!“ Das Sandmännchen glaubt ihm, denn wer will schon ewig mit so einer langen Nase herum laufen. So streut es erneut etwas von seinem Zaubersand und spricht:
„Seppls Nase werde wieder klein.
Er will nie mehr neugierig sein!“
Es wird kurz dunkel und eine geheimnisvolle Melodie erklingt. Nach dem es wieder hell geworden ist, hat Seppls Nase ihre normale Größe wieder. Er fasst sie ganz zaghaft an und spürt, dass sie wieder so ist, wie immer. Erlöst bedankt er sich beim Sandmännchen und verspricht, nie mehr neugierig zu sein.
Das Sandmännchen schickt die Kinder nun aber schnell wieder in ihre Betten, streut seinen Traumsand und wünscht ihnen eine Gute Nacht, bevor es weiter zieht.
Ihr, liebe Kinder seid hoffentlich nicht so neugierig, wie der Seppl! –
Nur auf das, was ihr heute Nacht vielleicht träumt, dürft ihr neugierig sein. Davon bekommt ihr auch bestimmt keine lange Nase. Also, seid einmal gespannt!
Deshalb huscht in euer Bett und schlaft ganz schnell.
Eine gute Nacht und einen schönen Traum wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!
© Wolfgang Herrnleben (2008)






