Die Mühle am Bach

Heute ist gar kein schönes Wetter, um draußen mit Freunden zu spielen oder Wandern zu gehen. Deshalb hat Kasperl beschlossen, einmal wieder sein Zimmer gründlich aufzuräumen und sauber zu machen. Alles, was er nicht mehr braucht, wirft er entweder weg oder schlichtet es in einen großen Karton, den er später auf den Dachboden bringen will. – So, geschafft! – Nun ist sein Zimmer wieder blitzblank und in den Schränken, Regalen und im Schreibtisch ist wieder viel mehr Platz. Von dieser anstrengenden Arbeit will sich Kasperl erst einmal etwas ausruhen und dabei die neue Geschichte im Lesebuch anschauen, damit er sie am Montag in der Schule auch flüssig vorlesen kann. Doch lange kann er sich nicht erholen, da ruft die Gretel: „Kasperl! Kasperl!“ – Also, gut, wenn die Gretel ruft, braucht sie sicher seine Hilfe. – So steigt Kasperl gleich die Treppe hinab in die Küche, wo ihn Gretel schon an der Küchentür mit einem großen Sack erwartet. Kasperl fragt sie erst einmal lachend, ob er ihr dabei helfen soll, den Seppl in den Sack zu stecken? – Das hat Gretel natürlich nicht vor, denn der große Sack ist voller Weizenkörner, den die Großmutter vom Bauern Kartoffelknolle bekommen hat. Die Weizenkörner müssen zu Mehl gemahlen werden, welches die Großmutter und Gretel dringend brauchen, weil sie am Wochenende wieder selbst Brot backen wollen. Kasperl hebt den Sack an und will ihn über die Schulter werfen, doch der volle Sack mit Weizenkörner hat ein ganz schönes Gewicht. Gretel schlägt vor, den Sack doch einfach auf den Handwagen zu laden und ihn zum Müller Mehlweiß in der Mühle am Bach zu ziehen. Kasperl findet das auch eine gute Idee, denn wenn er den Sack bis dorthin schleppen müsste, wäre er ja mindestens drei Tage unterwegs. Also holt Kasperl den Handwagen aus dem Gartenhäuschen, lädt den schweren Sack darauf und macht sich mit dem ratternden Wagen auf den Weg.
Na, mit dem hölzernen Gefährt ging es doch ganz flott und schon steht Kasperl mit seiner Wagenladung vor der Mühle. Er macht sich gleich lautstark bemerkbar: „Hallo, Müller Mehlweiß, Kasperle ist da!“ Schon kommt der Müller aus seiner hölzernen Tür und fragt Kasperl, wie er ihm helfen kann. „Grüß Gott, Müller Mehlweiß!“, begrüßt ihn Kasperl, „Können Sie bitte diese Weizenkörner bis morgen zu Mehl mahlen, weil es Großmutti und Gretel zum Brotbacken brauchen?“ Doch da muss ihn der Müllermeister enttäuschen, denn seine Mühle funktioniert nicht mehr. „Oje, Herr Müller“, fragt ihn Kasperl, „ist sie kaputt?“ Der Müller erklärt ihm, dass sie sich schon drehen würde, aber der ganze Mühlbach ist versiegt, der sonst das große Mühlrad antreibt. Darauf meint Kasperl zunächst in seiner spaßigen Art: „Auweia, dann muss Großmutti wohl das Mehl in der Kaffeemühle mahlen, hähä. Dazu braucht sie bestimmt 20 Tage, 5 Stunden und 43 Minuten, hähä!“ Aber dann will Kasperl dem Müller helfen und einmal nachsehen, warum im Bach kein Wasser mehr fließt. Also marschiert Kasperl sofort los und will einmal nachsehen, wo das Wasser hängen geblieben ist. Kasperl geht am Rand des Bachbettes entlang, kann aber kein Wasser entdecken. Es ist ausgetrocknet wie die Wüste. Aber an irgendwas muss es doch liegen? Der Bach führt doch sonst auch das ganze Jahr genügend Wasser. Kasperl geht immer weiter den Berg hinauf und auf einmal fällt ihm etwas auf, was normalerweise nicht in den Bach gehört. Quer über den Bach liegen zwei dicke Baumstämme und ein ganzer Berg aus Ästen und Zweigen versperrt dem Bach den Weg, so dass er nicht mehr ins Tal fließen kann. Hinter dieser Barriere hat sich der Bach aufgestaut und hat sich einen neuen Ablauf gesucht. Nun fließt er in eine ganz andere Richtung. Kasperl beginnt zunächst, die Äste und Zweige heraus zu ziehen, da hört er plötzlich ein Knuspern und Knabbern. Kasperl verhält sich ganz still und lauscht. Sind da irgendwo Hamster oder Mäuse am Werk? Kasperl kann aber nichts sehen, deshalb ruft er einfach einmal: „Hallo, wer knabbert denn da?“ Kurz danach meldet sich eine feine Stimme: „Das bin ich, das Biberkind Schneidezähnchen!“ Tatsächlich, da erblickt Kasperl den kleinen Biber am Rand des Baches, das an einem Baumstamm nagt. Kasperl will wissen, warum Schneidezähnchen denn nicht bei seiner Familie ist. Das Biberkind erzählt ihm erst stolz, dass ihm sein Biberpapa Breitschwanz gezeigt hat, wie es mit seinen scharfen Zähnen Bäume fällen kann. Und da hat sich das Biberkind beim Spielen am Bachufer gedacht, er könnte das doch hier mit den Bäumen einmal alleine ausprobieren. Doch irgend etwas muss es falsch gemacht haben, denn die Bäume sind dummerweise in die falsche Richtung umgefallen. Kasperl bittet ihn, mit ihm einmal ein Stück den Berg hinab zu laufen und zeigt ihm, dass nun der Bach nicht mehr in seinem normalen Bett ins Tal fließt und deshalb das Mühlrad bei der Mühle am Bach nicht mehr antreiben kann. Das war natürlich keine Absicht vom Biberkind und deshalb will es versuchen, die querliegenden Baumstämme durch zu nagen, damit sie Kasperl in kleinen Stücken heraus ziehen kann. Doch Kasperl meint, so schnell geht das nicht. Er versucht erst einmal einfach so die ganzen Baumstämme aus dem Bach zu entfernen. Doch auch mit noch so großer Anstrengung, er kann die schweren Stämme alleine keinen Zentimeter bewegen.
Da kommt plötzlich der Biberpapa Breitschwanz an, der schon auf der Suche nach seinem Biberkind ist. Er hatte nämlich schon Angst, sein Söhnchen findet ihren Bau nicht mehr, weil die ganze Wiese schon überschwemmt ist. Schneidezähnchen beichtet ihm, dass es wohl daran schuld ist, weil er versucht hat, Bäume zu fällen. Und unglücklicherweise sind sie quer über den Bach gefallen und stauen nun das ganze Wasser des Baches auf. Der Biberpapa will natürlich das Missgeschick beheben, damit das Wasser des Baches wieder seinen natürlichen Weg nehmen kann. Bevor die ganze Wiese unter Hochwasser steht, alarmiert er alle Biber, die hier in der Nähe wohnen. Schnell wie die Feuerwehr kommen sie alle angewackelt und beginnen damit die Baumstämme und alles Holz durch zu nagen. Das ist ein Geknabber und Geknusper, das man es bestimmt bis ins Tal hinunter hört. In kurzer Zeit haben die vielen Biber die Baumstämme mit ihren scharfen Zähnen zerkleinert und das Wasser fließt wieder zurück in das Bachbett. Erst langsam, dann immer schneller fließt es wieder den Berg hinunter.
Kasperl bedankt sich bei den kleinen, fleißigen Holzfällern und macht sich gleich wieder auf den Weg hinab zur Mühle am Bach, um nach zu sehen, ob das Wasser dort wieder ankommt.
Der Müllermeister Mehlweiß empfängt ihn schon freudig, hinter ihm klappert das Mühlrad fröhlich wieder und dreht sich unermüdlich rundum, angetrieben durch das Wasser des Mühlbachs. Der Müller verspricht Kasperl zum Dank, ihm bis morgen die Weizenkörner zu Mehl zu mahlen und es seiner Großmutter dann gleich selbst vorbei zu bringen.
Kasperl kann sich nun schon darauf freuen, wenn spätestens morgen Nachmittag der Duft von frischem, selbstgebackenem Brot durchs Haus zieht und macht sich wieder auf den Heimweg, denn inzwischen ist es auch ganz schön spät geworden.
Und wie für Euch, liebe Kinder, ist es auch für Kasperl höchste Zeit, ins Bett zu gehen. Vielleicht bäckt Euere Mami oder Oma auch manchmal selbst ein herrliches Brot? – Mmmh, zum Frühstück ein frisches Butterbrot mit Honig. Davon wird Kasperl bestimmt heute Nacht schon träumen.
Und Ihr, liebe Kinder, träumt Ihr vielleicht heute von den fleißigen Bibern?
Auf allen Fälle wünschen Euch eine gute Nacht Euer Bamberger Kasperl und die Puppenbühne Herrnleben.
Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2009)