DIE REGENPRINZESSIN

So, wie alle Kinder, so freut sich auch das Bamberger Kasperle, dass der Winter scheinbar endlich vorbei ist. Der Wetterbericht im Radio hat auch gemeldet, dass der Frühling nun Einzug ins Land hält, die Temperaturen immer wärmer und die Tage immer länger werden. Am meisten freut sich Kasperle natürlich auf viel, viel Sonne, damit er mit seinen Freunden wieder draußen Fußball spielen, Wandern und im Bach Papierschiffchen fahren lassen kann. Doch was soll denn das plötzlich? Was trommelt denn da auf das Fensterbrett? Kasperl schaut zu seinem Zimmerfenster hinaus. Was muss er da sehen? – Es regnet ja schon wieder! – „Na, die im Radio haben sich da wieder einmal getäuscht!“, sagt Kasperl lachend zu sich. „Aber, das können sie in dem Monat ja auch gar nicht, hähä, denn wie heißt es, April – April, der weiß nicht, was er will!“ Da wird wohl heute nichts draus, dass er bei schönem Wetter hinaus in den Garten kann. Kasperl stützt seine Ellenbogen auf dem Fensterbrett ab, legt seinen Kopf auf die Handflächen und schaut gelangweilt dem niederprasselnden Regen zu. Da – da kommt plötzlich eine riesige Regenwolke auf das Haus zugeflogen. Das ist aber keine gewöhnliche Regenwolke, sie ist nicht grau, sie ist nicht schwarz – nein, sie glänzt ganz und gar golden! Auf einmal kommt die goldene Wolke vom Himmel herunter und hält genau vor Kasperls Fenster, zu dem er immer noch hinausschaut. Da ist er aber ganz schön erstaunt! Seltsam, Kasperl kommt es vor, als ob ihn jemand ruft. „Hallo, Kasperle, du musst mir helfen!“ Und schon klopft es auch ganz zaghaft an den oberen Fensterrand. Kasperle öffnet das Fenster und blickt nach oben. Ja, was sieht er denn da? „Wie kommst denn du schöne Prinzessin auf die Erbse – äh – auf die Wolke?“, fragt Kasperle die kleine Prinzessin, die im weißen Kleid mit ihren langen, blonden Haaren ganz oben auf der goldenen Wolke sitzt. „Ich bin Sarah, die Regenprinzessin!“, antwortet die Prinzessin. Sie erzählt Kasperle, dass sie der Wind Roby zu seinem Haus geblasen hat. Kasperle meint, es wäre besser gewesen, der Wind hätte alle Wolken davon geblasen, damit es das Regnen aufhört und die Sonne freie Bahn hat, um ihre Strahlen zur Erde zu schicken. Die Prinzessin gibt Kasperle Recht. Sie würde ja den Regen selbst gerne stoppen, denn sie hat von der Frau Sonne die Aufgabe bekommen, nur Regen auf die Erde fallen zu lassen, wenn die Erde Wasser braucht. Und nach dem vielen Schnee und dem vielen Regen hätte die Erde Sonne viel nötiger. „Na dann sag doch den Wolken einfach, sie sollen mit dem Regen aufhören und davon schweben!“, meint Kasperle zur Prinzessin. Weinerlich erklärt Sarah, dass das leider nicht geht, denn der böse Regenknilch treibt am Himmel sein Unwesen. Er hüpft von Wolke zu Wolke und schneidet mit seiner kleinen Schere überall Schlitze in die Wolken, damit sie auslaufen und es immerzu regnet. Na, den Regenknilch will Kasperle natürlich unbedingt einmal kennen lernen und sich den kleinen Frechdachs vorknöpfen. Darum will Kasperle mit der Regenprinzessin mitkommen. Sarah freut sich, dass ihr Kasperle helfen will und hat eine tolle Idee. Kasperle braucht sich doch bloß zu ihr auf die goldene Wolke setzen und dann fliegt sie mit ihm hinauf zum Himmel zu den anderen Wolken. Kasperl ist begeistert von dieser Idee, denn er ist noch nie auf so einem Wolkenflugzeug geflogen. Er steigt aufs Fensterbrett und schwingt sich mit einem mächtigen Satz hinauf auf die goldene Wolke. Hui! Kasperl sitzt auf der Wolke neben der Prinzessin und kommt sich vor, wie auf einem Berg Zuckerwatte. „Halte dich gut an mir fest,“, sagt Sarah, „ich ruf den guten Wind Roby!“ Sie ruft den Wind Roby und bittet ihn um Hilfe. Und das lässt sich Roby nicht zweimal sagen. Mit einem kräftigen Windstoß bläst er die goldene Wolke mit Kasperl und Sarah hinauf zum Himmel.
Dort oben am Himmel ist der kleine Regenknilch fleißig am Werk, hüpft von Wolke zu Wolke und schneidet große Schlitze hinein. Schnipp-schnapp, schnipp-schnapp! Er lacht und freut sich, dass die Menschen auf der Erde alle patschnass werden. Und weiter zur nächsten Wolke. Schnipp-schnapp, schnipp-schnapp!
Aber mitten unter den vielen Wolken, die dicht neben einander am Himmel hängen, ist es für Sarah und Kasperl gar nicht so einfach, den Regenknilch zu finden. Deshalb schweben sie mit der goldenen Wolke noch höher hinauf, über die anderen Wolken und halten nach dem Regenknilch Ausschau. Da entdeckt Sarah, den kleinen Bösewicht. „Dort ist er, Kasperle! Sieh er schneidet mit seiner Schere grade eine ganz große Wolke kaputt!“ Sie überlegen Beide, was sie tun können, um den kleinen Regenknilch aufzuhalten. „Na, wir müssen ihm nur die Schere abnehmen,“, meint Kasperle, „dann kann er keine Wolken mehr durchschneiden.“ Aber wie? Denn der freche Knilch hüpft ganz flink und kreuz und quer von einer Wolke zur anderen. „Wir müssen versuchen, mit der goldenen Wolke in seine Nähe zu fliegen! Bestimmt reizt es ihn ganz besonders, deine Wolke auch zur zerschneiden!“, meint Kasperle. Sarah glaubt aber nicht, dass er auf die goldene Wolke hüpft, solange sie darauf sitzen. Das vermutet auch Kasperle. Deshalb schlägt er vor, dass sie sich auf eine andere Wolke setzen und damit direkt unter der goldenen Wolke schweben, so dass sie der Regenknilch nicht sehen kann. Und wenn der Regenknilch auf die goldene Wolke hüpft, will Kasperle nach oben springen und ihm die Schere abnehmen. Ob das wohl so klappt, wie er sich das ausgedacht hat? -  Da kommt zum Glück tatsächlich in dem Moment eine kleine weiße Wolke angeschwebt. Beide springen darauf, müssen aber ganz schön eng zusammen rücken, denn viel Platz ist auf der weißen Wolke gerade nicht. So schweben sie auf der weißen Wolke dicht unter der goldenen Wolke her und hoffen, dass der Regenknilch auf ihre Falle hereinfällt und auf die goldene Wolke springt. Bloß sehen darf er die Beiden nicht, sonst flüchtet er bestimmt auf dem Wolkenteppich davon. Deshalb ducken sich Sarah und Kasperl ganz flach auf die enge Fläche, die ihnen nur zur Verfügung steht.
Nun schwebt die goldene Wolke immer mehr in Richtung vom kleinen Regenknilch, Kasperl und Sarah ganz knapp darunter. Der Knilch wird sie doch nicht am Ende übersehen! – Nein, da entdeckt er sie und erkennt die Wolke der Regenprinzessin Sarah. „Hehehe, die Wolke der Regenprinzessin! Welch ein Zufall! Und die Prinzessin sitzt nicht drauf und kann sie nicht beschützen. Die werde ich als nächstes zerstören!“, freut sich der Regenknilch schon im voraus. Schnipp-schnapp, klappert er schon siegesbewusst mit seiner Schere und springt auf die goldene Wolke. Schnell will er sie zerschneiden und setzt die Schere an. In diesem Moment springt Kasperle nach oben. „Halt, du frecher Regenknilch!“, ruft Kasperle, „Wenn du sie zerschneidest, lasse ich dich gleich mit zur Erde regnen!“ Damit hat der Regenknilch natürlich nicht gerechnet und vor lauter Schreck fällt ihm die Schere aus der Hand. Aber sie fällt nicht weit, sondern landet genau auf der kleinen weißen Wolke vor den Füßen der Prinzessin. „Ich hab die Schere, Kasperle!“, ruft sie nach oben. Kasperl blickt nach unten zu Sarah: „Dann halt sie gut fest und schließe sie in deinem Nähkästchen ein. Damit der Regenknilch nicht mehr rankommt.“ Das will die Prinzessin sofort tun, um sie vor dem Regenknilch in Sicherheit zu bringen. Und dann will sie alle kaputten Wolken mit Nadel und Faden wieder zusammen flicken, damit es mit dem Regen endlich vorbei ist. Der gute Wind Roby verspricht die Wolken dann alle davon zu blasen, damit die Sonne freie Bahn hat, um bis zur Erde zu scheinen. Der Regenknilch ist wütend und strampelt auf der Wolke herum: „Ich will aber, dass es auf der Erde regnet!“ Doch Sarah verbietet ihm das für die Zukunft und verspricht Kasperle, dass sie es nur regnen lässt, wenn die Erde Durst hat. Kasperle packt den zappelnden Knilch und setzt ihn auf die kleine weiße Wolke. Der Wind Roby pustet ihn mit einem kräftigen Windstoß weit-weit weg, bis er am Himmel nicht mehr zu sehen ist. Sarah bedankt sich bei Kasperle und schwebt mit ihm auf der goldenen Wolke wieder zurück zu seinem Zimmerfenster. Nach dem aufregenden Abenteuer mitten unter den Wolken schlüpft Kasperle müde in sein Bett. – Naja, so watteweich, wie die Wolke der Regenprinzessin ist es zwar nicht, aber er kuschelt sich hinein und freut sich auf die Sonne, die morgen ihre Strahlen in seinen Garten schicken kann.
Ihr, liebe Kinder habt hoffentlich keinen Bettenknilch in euerem Zimmer, der euere Federbetten kaputt gemacht hat. Aber sicher ist es auch schön weich. Stellt euch halt einfach vor, ihr schlaft auf einer Wolke.
Die Puppenbühne Herrnleben und das Bamberger Kasperle  wünschen Euch eine gute Nacht!

© by Wolfgang Herrnleben (2008)