DIE ROLLENDEN SCHUHE

Heute ist endlich mal schönes Wetter. Seit heute morgen ist strahlend blauer Himmel, die Sonne lacht und es ist herrlich warm. Die Schulkinder konnten das Läuten der Schulglocke kaum erwarten, damit sie endlich nach Hause können. Schon den ganzen Vormittag hatten sie Mühe im Unterricht aufzupassen. Immer blickten sie zu den Klassenzimmerfenstern hinaus, wenn ihre Lehrerinnen oder Lehrer ihnen den Rücken zudrehte, um gerade etwas an die Tafel zu schreiben. Sie hofften alle, dass das Wetter auch den Rest des Tages anhält. Es wäre ja auch jammerschade, wenn die Sonne nur am Vormittag scheint und Nachmittag, wenn sie alle frei haben, doch wieder Regenwolken aufziehen. In ihren Köpfen schwirrten ständig Gedanken, was sie heute Nachmittag alles draußen machen könnten. Und sie hatten Glück, das schöne Wetter blieb. Schnell liefen sie nach Schulschluss alle nachhause, schmiedeten unterwegs gemeinsam Pläne, wann und wo sie sich später treffen und was sie an dem ersten schönen Frühlingstag unternehmen. Schnell war das Mittagessen verschlungen und die Hausaufgaben waren so flink erledigt, wie schon lange nicht mehr.
Jetzt aber nichts wie raus ins Freie. Aus allen Häusern strömen nun die Kinder hinaus, springen, hüpfen und machen Wettläufe, spielen mit den Bällen oder holen ihre blank geputzten Fahrräder aus der Garage oder aus dem Keller. Hei, nun herrscht ein aufgewecktes  Treiben in der Spielstraße, auf dem Spielplatz, dem Bolzplatz und überall dort, wo die Kinder abseits vom Autoverkehr sicher toben können. Einer ist da natürlich vorne mit dabei und im größten Getümmel mittendrin: der Seppl, der beste Freund vom Bamberger Kasperl! Wer den Seppl kennt, der weiß aber auch, dass Seppl nicht gerne läuft, rennt oder wandert. Deshalb geht Seppl in den Keller, holt seine Rollschuhe heraus und schnallt sie an die Schuhe. Warum soll er zu Fuß gehen, wenn er solche praktischen fahrbaren Untersätze hat? Und schon rollt Seppl auf seinen Rollschuhen los. Naja, man merkt, dass ihm nach der Winterzeit etwas die Übung fehlt. Er fährt schon noch recht wackelig und es scheint, dass seine Füße mit den Rollschuhen immer vorausfahren und der Rest hinterher schwankt. Auweia, Seppl muss ganz schön balancieren, damit er nicht nach hinten umkippt. Vorsicht, Seppl, da kommt jemand! – Jetzt hätte er doch beinahe die Gretel umgefahren, aber er konnte gerade noch ausweichen. Gretel schreit auf: „Tu langsam, Seppl, sonst fällst du vor lauter Übermut auf deine Nase!“ Seppl fühlt sich aber sicherer, als es für andere den Anschein hat. „Jaja, ich bin doch nicht blöd!“, ruft ihr Seppl beim Vorbeifahren zu. „Außerdem bin ich der beste Rollschuhläufer!“ Durch den Aufschrei von Gretel kommt Kasperl herbeigeeilt und kann nur über Seppls Fahrkünste lachen: „Hähä, pass lieber auf, dass du nicht zum besten Bruchpiloten wirst! – Fahr erst einmal etwas langsamer, bis du wieder mehr Gefühl und Sicherheit hast!“ Aber Seppl hat das scheinbar nicht mehr gehört und fährt weiter die Spielstraße entlang, kurvt um die anderen Kinder herum und dreht seine Kreise mit den Rollschuhen. Gretel und Kasperl gehen solange weiter zum Kinderspielplatz, um sich etwas um die kleineren Kinder zu kümmern. Sie helfen ihnen, die Leiter zur Rutschbahn hinauf, setzen sie auf die Schaukeln und schubsen das Karussell an. Beide sind ja schon zu groß für diese Spielgeräte und passen lieber auf die anderen Kinder auf, damit keines von ihnen irgendwo herunterfällt und sich weh tut. Die Mütter freuen sich über ihre Hilfsbereitschaft und geben Kasperl und Gretel zur Belohnung ein paar Süßigkeiten. Inzwischen leert sich der Spielplatz und alle gehen zum Abendessen nach Hause. Nur Seppl ist nirgends mehr zu sehen. Kasperl und Gretel denken sich, dass er wohl schon lange keine Lust mehr hatte und ist bereits daheim. Doch Seppl ist mit seinen Rollschuhen in einer Seitengasse unterwegs, wo sie ihn nicht sehen können. Dafür hat ihn aber der Räuber Leichtfuss entdeckt. Als dieser den Seppl so mit seinen Rollschuhen dahin flitzen sieht, denkt er sich, dass er solche rollenden Schuhe auch gut gebrauchen könnte. Damit könnte er sich immer schnell aus dem Staub machen, wenn er auf Beutezug ist. Und der Wachtmeister Schmunzelbart würde ihn da zu Fuß niemals einholen können. Da hört er plötzlich Gretel und Kasperl nach Seppl rufend ankommen. Dem Kasperl will er nicht begegnen. Deshalb versteckt sich der Räuber lieber erst einmal.
„Seppl, Seppl!“, rufen Kasperl und Gretel laut durch die Spielstraße und in alle Gassen. Da kommt Seppl auch endlich angefahren. „Was ist denn los?“, fragt er verwundert. „Komm, Seppl,“, schimpft Gretel, „es ist höchste Zeit zum Nachhause gehen!“ „Zum Nachhause fahren, hoho!“, erwidert Seppl lachend. „Wetten, dass ich eher daheim bin als ihr!“ Und schon rauscht er auf dem Gehsteig davon. Kasperl hält ihn aber an der nächsten Ecke auf und erklärt ihm, dass man mit Rollschuhen nicht auf dem Gehsteig entlang rast, ebenso nicht, wie mit Skateboards. Das kann nämlich für Kinder und Leute gefährlich werden, die dort laufen oder gerade aus einer Haustür herauskommen. Außerdem kann es passieren, dass man vom Gehsteig abkommt und auf die Straße zwischen die Autos gerät. Das kann sogar lebensgefährlich werden. Seppl sieht das ein, schnallt seine Rollschuhe ab und trägt sie brav in der rechten Hand nach Hause. Dort räumt er sie ins Gartenhäuschen, damit er sie morgen nicht erst wieder aus dem Keller holen muss, wenn er wieder damit fahren will. Von dem herrlichen Nachmittag an der frischen Luft haben alle drei einen Bärenhunger bekommen und gehen schnell ins Haus. Dort sind sie schon gespannt, was ihnen die Großmutter Leckeres zum Abendessen gekocht hat.
Zu dumm! Alle Drei haben nicht bemerkt, dass ihnen der Räuber Leichtfuß heimlich gefolgt ist. Da sie die Haustüre hinter sich verschlossen haben, kann sich der Räuber ungesehen ins Gartenhäuschen schleichen. Dort sieht er auch gleich Seppls Rollschuhe stehen und – schwupps – hat er sie schon und verschwindet damit aus Kasperls Garten. Als er sich unbeobachtet fühlt, will er seine neuen Flitzer natürlich gleich ausprobieren und ganz schnell damit davon fahren. Er schnallt sie sich an die Schuhe und glaubt, dass er damit noch schneller ist, als die Hexe auf ihrem Besen. Eines hat er aber nicht bedacht. Er stand sein Leben lang noch nie auf solchen Rollschuhen. Er kennt deshalb das Gefühl nicht, wenn es einem die Füße wegzieht. Wackelnd, schaukelnd und torkelnd fährt er mit den Rollschuhen kreuz und quer herum. Sie fahren einfach nicht in die Richtung, wohin er eigentlich möchte. Anhalten kann er die Dinger auch nicht! Er weiß nicht, wie man damit wieder zum Stehen kommt. Und womit er nicht gerechnet hat. Sein Diebstahl wurde doch beobachtet, nämlich von Kasperls Hund Bello. Dieser verfolgt ihn und rennt bellend um ihn herum! „Wau-wau-wau!“ Bello schlägt Alarm. „Hilfe, hilfe!“, ruft der Räuber, schwankt, kippt und schlittert schnurstracks auf die Straße. Bello setzt sich auf den Räuber, der regungslos am Boden liegt. „Wau, wau, wau!“ Kasperl hat das Bellen seines Hundes gehört und kommt mit Gretel angerannt. „Hähähä“, lacht Kasperle, „da liegt ja der Räuber Leichtfuß unter dem Bello auf dem Boden!“ Und was sieht die Gretel? Der Räuber hat doch Seppls Rollschuhe an den Füßen. Winselnd versucht der Räuber Kasperl anzulügen: „Ich wollte – äh – diese Schuhe doch nur mal ausprobieren!“ „Und weil du wohl den Rückwärtsgang nicht gefunden hast, bist du beim Umwenden auf die Nase gefallen!“, stellt Kasperle fest. Kasperl schnallt dem Räuber die Rollschuhe wieder ab und rät ihm, in Zukunft lieber wieder zu Fuß zu gehen. Das ist sicherer, wenn man nicht mit solchen Schuhen fahren kann. Der Räuber hat dies auch eingesehen, denn die blauen Flecken und seine blutige Nase werden ihn noch ein paar Tage an diesen missglückten Fluchtversuch erinnern. „Jaja, Räuber Leichtfuß, aus Schaden wird man klug!“, sagt Kasperl, pfeift Bello zurück und lässt den Räuber auf dessen schlorchenden Schuhsohlen weggehen. Gebüßt hat er seine Räubertat ja schon.
Kasperl, Gretel und Bello machen sich mit den Rollschuhen auch wieder auf dem Weg nach Hause und bringen sie wieder ins Gartenhäuschen zurück. Sie sind sicher, Seppl wird ihnen dankbar sein, dass sie ihm seine Rollschuhe wieder zurück bringen.
Er wird sich darauf freuen, wenn er morgen wieder damit fahren kann, wenn schönes Wetter ist.
Bei euch, liebe Kinder lacht morgen hoffentlich auch die Sonne und ihr könnt im Freien spielen und vielleicht auch mit Rollschuhen fahren. Aber immer schön vorsichtig, damit ihr damit nicht auch auf die Nase fallt.
Zu euerem Bett braucht ihr aber bestimmt nicht mit Rollschuhen fahren. Drum geht ganz normal hinein, deckt euch schön zu und schlaft gut.
Die Puppenbühne Herrnleben und das Bamberger Kasperle  wünschen Euch eine gute Nacht!

© by Wolfgang Herrnleben (2008)