Das Bamberger Kasperle ist schon seit einiger Zeit im ganzen Haus auf der Suche nach seinem Freund Seppl. Seit dem Mittagessen hat er ihn nicht mehr gesehen. Fort gegangen kann er auch nicht sein, denn sein Anorak, seine Wollmütze und seine Winterschuhe sind noch an der Garderobe im Flur. Wo kann Seppl nur stecken? – Es ist ihm ein Rätsel. – Dann geht er in die Küche, wo Gretel gerade mit der Großmutti Weihnachtsstollen bäckt. Gretel weiß tatsächlich, wo er Seppl findet. „Er hat sich schon den ganzen Nachmittag in der Dachkammer eingeschlossen.“, verrät ihm Gretel. Kasperl vermutet, dass Seppl dort wohl seine schmutzigen Stiefel putzt, die seit dem letzten Winter voller Dreck und Speck auf dem Dachboden gestanden waren. Zusammen mit Gretel steigt er die knarrende, hölzerne Treppenstiege hinauf, um einmal nachzusehen, ob Seppl nicht eingeschlafen ist. Als sie oben ankommen, ist die Türe verschlossen. Kasperl klopft feste an die Holztür und ruft: „Hallo, Seppl! Mach doch einmal auf!“ Seppl öffnet sogleich die Tür und will wissen, was sie denn von ihm wollen. Gretel erkundigt sich, ob er seine Stiefel wohl nicht mehr sauber bekommt. Doch Seppl hat die Stiefel noch gar nicht geputzt. Er wollte nur seine Ruhe haben, weil er ein eigenes Nikolausgedicht schreibt. Kasperl ist erstaunt. „Hähä, Seppl ist unter die Dichter gegangen, hähä!“, sagt er lachend. Gretel meint, die Arbeit hätte er sich sparen können, denn sie haben so viele Bücher, in denen schöne Nikolausgedichte stehen. Seppl weiß das natürlich, doch die waren ihm alle viel zu lange. Deshalb hat er selbst eines geschrieben, was er voller Stolz den Beiden vorträgt:
„Lieber, guter Nikolaus,
ich bin fast immer brav gewesen,
lass deine Rute stecken
und schenk mir deine Gaben!“
Als Kasperl das gehört hat, muss er noch viel mehr lachen: „Hähähä, Seppl, das reimt sich ja hinten und vorne nicht, hähä!“ Auch Gretel kann nur darüber schmunzeln und schätzt, dass darüber wohl auch der Nikolaus lachen muss, wenn er das hört. Seppl ist das egal. Hauptsache, der Nikolaus steckt ihn nicht in den Sack. Doch Gretel kann ihn beruhigen, denn der Nikolaus steckt ihn bestimmt nicht in seinen Sack. Er ist doch ein guter Mann. Seppl ist sich da aber nicht so sicher, wegen allem, was er im Laufe des Jahres angestellt hat. Er kann sich schon jetzt vorstellen, dass er dafür wohl die Rute zu spüren bekommt. Gretel erklärt ihm, dass dies bestimmt nicht passieren wird und erklärt ihm, dass der Nikolaus doch niemanden mit seiner Rute schlägt oder in seinen Sack steckt. Sie erzählt ihm die Geschichte vom Heiligen Nikolaus, der ja eigentlich Bischof von Myrna war und den Menschen und den vielen Kindern stets nur Gutes getan hat, so wie einmal drei armen Mädchen und vielen Menschen bei einer großen Hungersnot. Und mit der Rute bestraft er auch keinen, sondern es gilt als Segensgeste, wenn er Kinder und große Leute mit dem Rutenzweig berührt. Seppl atmet zwar nach der Geschichte erleichtert auf, doch er will dem Nikolaus vorsichtshalber doch sein Gedicht aufsagen. Er meint sicher ist sicher! – Kasperl meint, dass sich der Nikolaus bestimmt über ein eigenes Gedicht sehr freut, aber dann sollte es sich wenigstens reimen. Darum schlägt er seinem Freund vor, dass er zusammen mit der Gretel ein schönes Gedicht für ihn schreibt und Seppl soll während der Zeit endlich seine Stiefel putzen. Denn sie wollen doch ihre drei Stiefelpaare mit Mohrrüben und Stroh gefüllt noch vor dem Abend vor die Haustüre stellen. Seppl wundert sich: „Warum denn das? – Meint ihr, der Nikolaus will Stroh und gelbe Rüben zum Abendessen?“ „Aber nein“, sagt Gretel, „das soll doch eine Stärkung für seinen Esel sein, mit dem der Nikolaus am Abend durch den Ort zieht.“ Seppl findet das eine gute Idee und bürstet nun erst einmal eifrig seine Stiefel. Kasperl und Gretel steigen die Treppe vom Dachboden wieder hinab und wollen in Gretels Zimmer für den Seppl ein Gedicht schreiben. In Windeseile hat Seppl seine Stiefel geputzt. Nun strahlen und glänzen sie wie neu. Aus dem Keller hat er Stroh und Mohrrüben geholt und seine beiden Stiefel prall damit gefüllt. Er glaubt, dass er dafür dann auch das meiste vom Nikolaus bekommt. Sofort stellt er seine Stiefel auf eine Treppenstufe vor die Haustüre, wo auch schon die Stiefel von Kasperl und Gretel stehen und geht dann zu den anderen Beiden, um zu sehen, wie weit sie mit seinem Gedicht sind. Er will es ja auch noch auswendig lernen bis der Nikolaus eintrifft.
Nun stehen die gefüllten Stiefel ganz alleine vor dem Haus und warten auf den Nikolaus. Doch der Nikolaus lässt noch auf sich warten, dafür kommt ein kleines Männchen angehüpft. „Schmuddel, schmuddel, schmuddel!“, ruft der kleine Wicht, in seinen braunen, zerrissenen Kleidern und dem schwarz verschmiertem Gesicht. Es ist der kleine Schmutzfink, der sich wundert, warum heute überall so fein geputzte Schuhe und Stiefel vor den Türen stehen. „Ist heute wohl allgemeiner Schuhputztag?“, fragt sich der Winzling. Doch saubere Sachen mag der Schmutzfink nicht, deshalb will er allen einen Streich spielen und die frisch gewienerten Stiefel wieder schmutzig machen. Er besorgt sich Asche, Gartenerde und Matsch, womit er die frisch geputzten Stiefel wieder dreckig macht. „Schmuddel, schmuddel, schmuddel!“, plappert er dabei freudig vor sich hin. Als er fertig ist, betrachtet er voller Zufriedenheit das Ergebnis seiner Ferkelei. So gefallen ihm die Stiefel wieder viel besser. Und das will er mit den anderen auch machen. „Schmuddel, schmuddel“, so hüpft er wieder davon zu den anderen Häusern, um auch dort wieder alle Schuhe schmutzig zu machen.
Gretel und Kasperl haben inzwischen dem Seppl ein schönes Gedicht geschrieben, welches sich hinten auch reimt. Seppl ist ganz begeistert davon und will ihnen nun draußen voller Stolz seine frisch geputzten Stiefel präsentieren. Als sie vor die Türe treten und das Licht anschalten, sehen sie aber nur drei völlig verschmutzte Stiefelpaare. Gretel verdächtigt zunächst Seppl, dass er sie alle wieder dreckig gemacht hat, anstatt seine zu polieren. Doch Seppl schwört, er hat nichts damit zu tun, auch wenn er ihnen sonst das ganze Jahr über viele böse Streiche gespielt hat. „Na, der Nikolaus wird die Wahrheit schon kennen!“, sagt Kasperl ermahnend zu ihm. Da hören sie auch schon jemanden in schweren Stiefeln, laut stapfend ankommen. „Das wird der Nikolaus schon sein!“, meint Gretel. – Aber nein – es ist Knecht Rupprecht, der zu ihnen kommt. Seppl hofft, er kann seine Unschuld bezeugen. Und tatsächlich, Knecht Rupprecht versichert Kasperl und Gretel, dass Seppl die Stiefel nicht wieder schmutzig gemacht hat, sondern der kleine, freche Schmutzfink. Er hat den Übeltäter beim Nachbarhaus auf frischer Tat ertappt und nun zappelt der Wicht im Sack vom Knecht Rupprecht herum, der ihn gleich gepackt und dort hinein gesteckt hat. „Schmuddel, schmuddel!“, ist aus dem Sack zu hören. Knecht Rupprecht will den Dreckspatz aber nicht einfach mitnehmen. Nein, er muss alles wieder in Ordnung bringen. Er packt ihn am Kragen und zieht ihn aus dem Sack heraus. Dann gibt er ihm eine Bürste und zur Strafe muss der Schmutzfink überall alle Stiefel und Schuhe wieder sauber bürsten. Bei Kasperl, Gretel und Seppl muss er damit anfangen, dann wird Knecht Rupprecht mit ihm von Haus zu Haus ziehen, wo der Schmutzfink das Gleiche tun muss, bis alle Stiefel wieder blitzen und blinken. Schließlich müssen sie ja sauber sein, wenn später der Heilige Nikolaus seine Runde dreht und die Gaben verteilt.
Habt ihr, liebe Kinder euere Stiefel auch schon frisch geputzt und vor die Tür gestellt? – Und habt ihr für den lieben Nikolaus auch schon ein Gedicht gelernt? – Wenn nicht, dann habt ihr morgen ja noch den ganzen Tag Zeit dazu! – Aber sicher habt ihr alles schon erledigt und liegt schon in eueren Bettchen.und freut euch auf den Nikolaus.
Ihr braucht auch gar keine Angst vor ihm zu haben, sondern freut euch auf die Geschenke, die er euch mitbringt.
Einen schönen Nikolaustag aber vorher eine gute Nacht wünschen Euer Bamberger Kasperl von der Puppenbühne Herrnleben.
© Wolfgang Herrnleben (GAP, 2008)






