Die Schnecke Hulda

Der April geht zu Ende und damit hoffentlich auch das wechselhafte Wetter und die frostigen Nächte. Mittlerweilen haben sich schon viele Blümchen aus dem Boden getraut und erfreuen die Menschen mit ihren bunten Blüten. Auch die Bäume und Sträucher ließen ihre grünen Blätter sprießen. Jetzt beginnt Gretels liebste Jahreszeit. Sie nützt jede Gelegenheit, um im Garten zu arbeiten, die Beete aufzuhacken, Blumen zu gießen, Beeren zu ernten und allerlei Gemüse zu pflanzen.
Heute ist sie auch schon den ganzen Nachmittag mit ihrer grünen Schürze, einem Strohhut, Eimer, Schaufel und Rechen im Garten unterwegs. Sie buddelt, zupft und pflanzt unermüdlich. Vor lauter Übereifer hat sie scheinbar total vergessen, dass es längst Zeit zum Abendessen ist. Großmutter hat schon den Tisch gedeckt. Kasperl und Seppl haben wie immer einen Mordshunger, doch solange nicht alle am Tisch sitzen – also auch die Gretel – wird mit dem Abendessen nicht begonnen. Seppl ruckt schon ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her, weil sein Magen knurrt, wie ein hungriger Löwe. Kasperl weiß, dass sich Gretel immer nur schwer von ihren Gartenbeeten trennen kann, deshalb steht er auf und geht hinaus in den Garten. „Hallo Gretelein“, ruft er laut, „Wie lange willst du denn noch im Garten herum werkeln?“ Gretel hat noch einen halb mit Salatpflanzen gefüllten Korb neben sich stehen, die sie heute unbedingt noch einpflanzen will. Kasperl meint, das kann sie doch später immer noch machen und bittet sie, doch erst einmal zum Abendessen zu kommen. Gretel gibt zwar ungern nach, aber damit Kasperl und Seppl nicht am Ende wegen ihr hungern müssen, geht sie erst mit hinein. Doch nach dem Abendessen will sie in den Garten, um die restlichen Pflänzchen noch zu setzen und sie noch angießen, damit schöne, große Salate daraus wachsen. Aber erst einmal geht sie mit Kasperl ins Haus, um sich Großmuttis Abendessen schmecken zu lassen.
Durch das Schaufeln und Rechen im Garten ist die Schnecke Hulda endlich aus ihrem Winterschlaf aufgewacht. Doch sie gähnt ein paar Mal recht laut, weil sie eigentlich noch unheimlich müde ist. Sie denkt sich, wohl nur deshalb aufgewacht zu sein, weil sie so einen Hunger hat. Naja, wenn sie schon mal wach ist, dann kann sie sich auch gleich etwas zum Fressen suchen. Sie braucht gar nicht weit zu kriechen, da entdeckt sie in einem Beet schon schöne, hellgrüne, saftige Blättchen. Die Schnecke Hulda ist sich sicher, dass diese frischen, kleinen Blätter bestimmt fein schmecken und fängt gleich knurpsend das Fressen an. Hulda erkennt sofort, dass es sich hier um jungen Salat handelt und knabbert ein Blatt nach dem anderen an.
Gretel hat sich mit dem Abendessen sehr beeilt, denn sie wollte ja unbedingt so schnell wie möglich wieder in den Garten und zu ihren Salatpflanzen. Damit sie auch heute Abend noch fertig wird, will Kasperle ihr helfen. Gretel freut sich darüber und drückt ihm gleich die große, gelbe Gießkanne in die Hand. Sie bittet Kasperl, als erstes Wasser zu holen und den vollen Gießer zum Blumenbeet zu tragen.
Eine Schnecke hat zwar keine großen Ohren, doch sie merkt, dass sich jemand dem Salatbeet nähert. Sie versteckt sich vorsichtshalber unter ein Salatblatt und kriecht in ihr Schneckenhaus. Hulda hat jetzt nur Angst, dass ein Mensch mit seinen großen Füßen ihr Schneckenhaus nicht bemerkt und es kaputt tritt. Das wäre nämlich tragisch für die Schnecke, denn dann wäre sie obdachlos!
Als Gretel bei ihren Salatpflänzchen ankommt, kann sie ihren Augen nicht glauben. „Kasperl! – Kasperl!“, ruft sie entsetzt, „Komm schnell und sieh. Meine ganzen frischen Salatblätter sind abgeknabbert!“ – Kasperl eilt mit dem Gießer voll Wasser herbei und betrachtet den Schaden. Lachend versichert er Gretel, dass er ganz bestimmt nichts damit zu tun hat, denn er ist Salat nur mit Essig und Öl. Gretel bittet Kasperl, doch nicht schon wieder Quatsch zu machen, gerade wo sie nun so traurig über ihre frischen Pflänzchen ist. Sie schaut sich die Bisse genau an und muss feststellen, dass es irgendein kleines Tier gewesen sein muss! – Kasperl schaut sich auf dem Beet genau um, kann aber kein Tier entdecken. Er vermutet, dass es sich inzwischen verkrochen hat. – Da kommt ihm eine Idee! – Er will das Beet einmal kräftig gießen. Vielleicht wird es dabei weg gespült. Kasperl nimmt die Gießkanne und schüttet sie komplett über das ganze Beet aus. – Auf einmal hören sie eine lispelnde Stimme: „He, was soll das? – Ihr wollt wohl mein Schneckenhaus überschwemmen?“ Kasperl fragt nach, wer sich da über den Platzregen beschwert. Da meldet sich die Schnecke Hulda und kommt unter dem Salatblatt hervor. Gretel will von ihr wissen, ob sie die Salatpflänzchen angeknabbert hat. Ganz beschämt gibt es die Schnecke zu. Sie hofft, das war nicht so schlimm und sie sind ihr jetzt nicht böse. -  Aber sie hatte nach ihrem Winterschlaf halt solchen Hunger. Kasperl will wissen, warum sie ausgerechnet gleich das erste Grünfutter verspeisen musste, was ihr vors Maul gekommen ist. Und Gretel fragt sie weinerlich, ob sie nicht auch etwas vom Komposthaufen oder ein paar Blättchen von der Hecke gefressen hat. Hulda gibt zu, dass dies auch eine Möglichkeit gewesen wäre. Doch der Weg bis zur Hecke oder zum Komposthaufen wäre zu weit gewesen und bis sie in ihrem Schneckentempo dort angekommen wäre, hätte es morgen Früh gedauert und bis dahin wäre sie vielleicht verhungert. Gretel ist zwar immer noch nicht begeistert, dass so viele ihre neuen Pflänzchen vernichtet sind, aber wegen Hulda und den anderen Schnecken will sie ihren Salat trotzdem nicht mit chemischen Mittel bespritzen. Großmutter und sie wollen ihren Salat aus dem eigenen Garten nämlich lieber ohne Giftstoffe essen. – Da macht Kasperl der Schnecke Hulda einen guten Vorschlag. Er wird sie einfach zum Komposthaufen in der Ecke vom Gartenzaun tragen. Dort findet sie immer genügend Futter und muss keine frischen Pflänzchen in Gretels Gartenbeeten anknabbern. – Hulda freut sich darüber, dass sie Kasperl sogar zu ihrem Futter hintragen will. So bequem hatte sie es noch nie! – Bevor Kasperl mit der Schnecke losmarschiert, entschuldigt sich Hulda noch einmal bei Gretel, dass sie ihren Salat gefressen hat, aber sie isst ihn halt so gerne. Gretel hat zwar jetzt doppelt soviel Arbeit, aber sie ist ja tierlieb und nimmt die Entschuldigung an. Wenn ihr Salat groß gewachsen ist und erntereif ist, verspricht Gretel der Schnecke sogar, ihr immer die äußern Blätter auf den Komposthaufen zu werfen. Die kann sie dann restlos auffuttern, wenn sie Salat so gerne mag. „Ui!“, freut sich Schnecke Hulda, „Das ist sehr schneckenfreundlich!“ Dann bringt sie Kasperl zum Komposthaufen, wo sie sich satt essen und dann dort auch in ihrem Schneckenhaus schlafen kann.
Kasperl hilft Gretel schnell noch beim Einpflanzen der restlichen Salatpflanzen und dann gehen Beide auch ins Haus, um sich in ihre Betten zu legen. Inzwischen ist es nämlich auch schon düster geworden und höchste Zeit zum Schlafen.
Ihr, liebe Kinder, habt bestimmt auch schon längst zu Abend gegessen. Bestimmt habt ihr nicht nur an Salatblättern herumknabbern müssen, hähä.
Nun schlaft gut und hofft, dass morgen Früh wieder die Sonne scheint. Dann könnt ihr vielleicht in Eueren Gärten, Blumen gießen, Salat oder Tomaten, Bohnen oder Gurken oder andere „Gemüser“ pflanzen.
Bis zum nächsten Mal wünschen Euch viele sonnige Tage in Eueren Gärten und für heute eine gute Nacht – die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!
Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2010)