Im großen Schloss vor dem Märchenwald wohnt König Amadeus mit seiner Tochter, Prinzessin Sonnenschein. Es ist ein herrliches Schloss mit vier großen Ecktürmen und einem riesigen Park, der rings um das ganze Schloss angelegt ist. Und um den ganzen Park zieht sich eine dicke, hohe Mauer, die in der Mitte von allen vier Seiten ein wuchtiges, schweres Tor hat, durch die man hinein und hinaus kann. Natürlich nur, wenn man von den Wachen, die an den Toren postiert sind, hinein gelassen wird. Vor einem dieser Tore steht das Bamberger Kasperle und klopft feste an das dicke Holz. Der Wächter lässt Kasperle natürlich gleich hinein, denn Kasperle ist ja bestens bekannt und ein guter Freund der Prinzessin.
Sie hat Kasperl gestern durch ihren Diener Johann bestellen lassen, dass er unbedingt heute in den Schlosspark kommen soll, weil sie seine Hilfe braucht. Kasperl weiß zwar nicht, wobei er der Prinzessin helfen soll, aber trotzdem hat er sich gleich auf den Weg gemacht. Kasperl ist ja von Natur aus neugierig und will deshalb wissen, wozu er so dringend zur Prinzessin soll. Vielleicht hat er vor lauter Neugier so eine große Nase?!?
Nun läuft er alle Wege im Schlosspark entlang, von Ost nach West, von Nord nach Süd, kreuz und quer, aber nirgends kann er Prinzessin Sonnenschein entdecken. Er denkt sich, irgendwo muss die Prinzessin doch sein und ruft einfach einmal nach ihr: „Prinzessin Sonnenschein, wo steckst du denn? Dein Freund Kasperle ist hier!“ Da hört er aus der einen Ecke des Schlossparks ein zartes „Hier bin ich, Kasperle!“ Kasperl kann nur vermuten, dass die Stimme der Prinzessin aus der Ecke kommen muss, in der die hohen gelben Sonnenblumen gewachsen sind. Er läuft direkt darauf zu und tatsächlich, mitten zwischen den Sonnenblumen fällt ihm auf einmal Prinzessin Sonnenschein auf. Kein Wunder, dass er sie nicht gleich gesehen hat. Prinzessin Sonnenschein hat nämlich ausgerechnet ein leuchtend gelbes Kleid an. „Hähä“, kann Kasperl zur Begrüßung nur lachend sagen, „grüß dich, Sonnenschein! Wie sollte ich dich denn finden, hähä. Mit deinem gelben Kleid siehst du ja selber aus wie eine Sonnenblume!“ Aber, wer die Prinzessin kennt, weiß, dass sie meistens gelbe Kleider trägt, denn gelb ist ihre Lieblingsfarbe! –
Deshalb gefallen ihr auch die gelben Sonnenblumen am besten. „Sind meine Sonnenblumen nicht herrlich, Kasperl?“, fragt sie ihn gleich, nachdem sie Kasperl begrüßt hatte. Zu ihrer Freude kann Kasperl dieser Frage nur zustimmen, denn er hat die hohen Sonnenblumen schon von weitem über die Schlossmauer leuchten sehen. „Ja gell, Sonnenschein, du hast mich nur kommen lassen, um mir deine Sonnenblumen zu zeigen?“, fragt Kasperl ganz verdutzt. Aber die Prinzessin kann ihn beruhigen. Sie braucht ihn, um aus den Sonnenblumenblüten die Kerne heraus zu lösen. Kasperl will ihr gerne dabei helfen. Aber vorher möchte er wissen, wozu sie die vielen Sonnenblumenkerne braucht. Sie erklärt ihm, dass sie die Kerne als Vogelfutter für den Winter benötigt. Die Prinzessin ist nämlich eine große Tierfreundin und hat sich von Kasperl im letzten Jahr eine ganze Menge Vogelhäuschen bauen lassen. Die hat Diener Johann dann überall – im ganzen Schlosspark verteilt – aufgestellt. Diese müssen natürlich auch gefüllt werden, wenn die kalte Jahreszeit kommt und die Vögel in der Natur kein Futter mehr finden. „Na, bis zum Winter ist doch noch viel Zeit!“, meint Kasperl zur Prinzessin. „Da müssen wir die Kerne doch jetzt noch nicht ernten!“ Doch die Prinzessin erklärt ihm, dass es unbedingt sein muss, sonst fressen die Vögel jetzt schon alle Sonnenblumenkerne auf. Und wenn es dann wirklich kalt wird, hat sie kein Futter für sie. Nun – das hat Kasperl selbstverständlich eingesehen und will der Prinzessin gerne beim Kernesammeln helfen. Als sich Kasperl so umschaut, fällt ihm aber eine Sonnenblume auf, die besonders hoch gewachsen ist. „Wie soll ich denn an die Blüte da oben hinkommen?“, fragt er die Prinzessin, „Die ist ja mindestens drei Meter über dem Boden. Da bräuchte ich ja eine Leiter, wenn ich den Stängel nicht umknicken soll!“ „Nein, Kasperle“, antwortet die Prinzessin, „du brauchst wegen der hohen Sonnenblume keine Leiter holen, denn die Kerne dieser Sonnenblume darf man nicht ernten!“ Logisch, das sich da Kasperle wundert, warum ausgerechnet die Kerne von der größten Sonnenblume nicht herausgepflückt werden dürfen. Doch dann erklärt ihm die Prinzessin, dass sie heuer im Frühjahr von der Blumenelfe einen ganz besonderen Sonnenblumenkern geschenkt bekam. Diesen pflanzte sie – wie von der Blumenelfe aufgetragen – in die Erde zwischen die anderen Sonnenblumenkerne und daraus wuchs bis heute diese riesengroße Sonnenblume. Allerdings bat sie die Elfe, die reifen Kerne nicht aus der Blüte heraus zu nehmen. Aber, aus welchem Grund hat sie ihr nicht verraten. „Auch recht“, meint Kasperl, „ernten wir halt nur die Kerne von den anderen Sonnenblumen. Dazu brauchen wir auch keine Leiter!“ Aber etwas brauchen die Beiden doch. Sie müssen die Kerne ja irgendwo hinein sammeln. Deshalb gehen Kasperl und die Prinzessin erst einmal schnell ins Schloss, um zwei Eimer zu holen.
Kaum, als sie das Sonnenblumenfeld verlassen und das Schloss betreten haben, kommt mit Gebrause die Waldhexe auf ihrem Besen angeritten und landet neben den Sonnenblumen. Sie hält schon lange Ausschau nach schönen, großen Sonnenblumen. „Hihihi“, sagt sie lachend zu sich, „das hätte ich mir denken können, dass im Schlosspark des Königs die schönsten Sonnenblumen wachsen. Da bin ich genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen. Die Kerne sind gerade alle reif, hihihi.“ Die Waldhexe sucht schon einige Zeit reife Sonnenblumenkerne als Futter für ihren Raben Krixkrax. Schnell holt sie die Kerne aus den Blüten und steckt sie nacheinander in ihre Schürzentasche. Nur mit der großen Sonnenblume hat sie ein Problem. Wie soll sie da an die Kerne kommen? – Aber die will sie auch noch unbedingt haben. Wenn sie schon zur Blüte nicht hinauf kann, muss eben die Blüte zu ihr herunter kommen. Kurzerhand knickt die Hexe einfach den Stängel um und leert als letztes diese besondere Blüte auch noch aus. „So, hihihi, für heuer hat mein Rabe genügend Futter!“, sagt sie, steigt wieder auf ihren Besen und verschwindet wieder unter schallendem Lachen und mit Gebrause.
Kurz danach kommen Kasperl und Prinzessin Sonnenschein mit ihren Eimer an. Als sie die öligen Kerne einsammeln wollen, stellt die Prinzessin zu ihrem Entsetzen fest, dass alle Sonnenblumen plötzlich leer sind. Und die größte Sonnenblume aus dem besonderen Kern der Blumenelfe ist sogar umgeknickt. Sie hält es für unmöglich, dass dies Vögel gewesen sein sollen. Kasperl glaubt das auch nicht, aber er kann es sich nicht erklären, wer dann in der kurzen Zeit alle Sonnenblumenkerne gestohlen haben soll.
Als er noch mitten zwischen den Sonnenblumen steht und den Schaden betrachtet, kommt die Amsel Schwarzrock angeflogen. Da hat die Prinzessin gleich den Verdacht, dass die Amseln über ihr Sonnenblumenfeld hergefallen sind. Doch Amsel Schwarzrock beteuert, dass sie und ihre Vogelfamilie völlig unschuldig ist. Sie erzählt, wie sie die Waldhexe zufällig dabei beobachtet hat, als sie alle Kerne aus den Blüten herausgelöst und mitgenommen hat.
Kasperl und die Prinzessin glauben der Amsel jedes Wort. Trotzdem ist die Prinzessin sehr traurig darüber, dass sie nun für den Winter kein Futter für die Vöglein hat. Als sie die umgeknickte Sonnenblume der Blumenelfe ansieht, muss sie sogar weinen, denn sie hatte doch versprochen, gut darauf aufzupassen.
In diesem Moment erklingt eine geheimnisvolle Melodie und unter Lichterfunkeln erscheint die Blumenelfe. Sie beruhigt die Prinzessin und sagt ihr, dass sie keine Schuld trifft. Denn die böse Waldhexe hat sich diesen bösen Streich erlaubt, was niemand hätte verhindern können. Prinzessin Sonnenschein ist aber nicht zu trösten und weint immer mehr. Doch da reicht ihr die Blumenelfe eine Schatulle und bittet sie, einmal den Deckel zu öffnen. Die Prinzessin wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und unter Schluchzen macht sie langsam die Schatulle auf. Als sie hineinblickt, kann sie fast ihren Augen nicht trauen. Das Schatzkästlein ist bis zum Rand mit lauter goldenen Sonnenblumenkernen gefüllt. Die Blumenelfe sagt ihr, dass das die Kerne aus ihrer großen Sonnenblume sind und sie sind alle aus echtem Gold. Diese hat sie heimlich wieder aus der Schützentasche der Hexe verschwinden lassen und in dieses Kästchen gefüllt. „Hähähä“, meint Kasperl lachend, „an den harten Kernen aus Edelmetall hätte sich der Rabe der Hexe wohl schön den Schnabel verbogen, hähä.“
Nun kann die Prinzessin auch wieder lächeln und bedankt sich bei der Blumenelfe. Der Amsel verspricht sie, von den goldenen Kernen Vogelhäuschen für das ganze Land zu kaufen und Vogelfutter für den ganzen Winter. Die Blumenelfe rät ihr aber, einen dieser goldenen Kerne wieder in die Erde zu stecken, damit in ihrem Schlosspark auch im nächsten Jahr wieder eine große Sonnenblume mit goldenen Kernen wächst.
Prinzessin Sonnenschein will das selbstverständlich tun, denn sie will ja immer dafür sorgen, dass alle Vöglein im ganzen Land in der kalten Jahreszeit stets genügend Futter haben.
Die Blumenelfe freut sich über die hilfsbereite Prinzessin und würde sich auch freuen, wenn ihr, liebe Kinder, die Vögel im Winter nicht verhungern lasst.
Nun schlaft gut und träumt was Schönes!
Eine gute Nacht wünschen euch die Puppenbühne Herrnleben und euer Bamberger Kasperl.
Wolfgang Herrnleben (2008)






