Das schöne Wetter hat heute Nachmittag wieder viele Kinder auf die Spielplätze, Bolzplätze, Wiesen, in die Innenhöfe oder vor die Garageneinfahrt gelockt. Angesteckt vom Fußballfieber lassen die Kinder überall die schwarz-weißen oder bunten Fußbälle rollen, dribbeln damit, schießen sie hoch in die Luft oder knallen sie gegen Wände und Garagentore. Hin und wieder hört man es aber von irgendwo her auch klirren und einer der Bälle hat vermutlich – selbstverständlich nur versehentlich – ein Fenster zerschlagen. Das ist zwar nicht so schlimm, aber trotzdem ist es für die Kinder besser und sicherer, sie spielen abseits vom Straßenverkehr auf den eingezäunten Bolzplätzen. Auf dem großen Bolzplatz hier tummeln sich auch jede Menge Kinder, haben viele Mannschaften gebildet, die an allen Ecken gegeneinander spielen. Leider sind nur vier richtige, kleinere Tore aufgebaut, die anderen haben sich damit geholfen, ihre Trainingsjacken oder Pullover als Begrenzungen in die Wiese zu legen. So haben es auch das Bamberger Kasperle und sein Freund Seppl gemacht. Bei den Beiden hat sich die Torwartfrage allerdings längst geklärt, denn Seppl geht immer freiwillig ins Tor. Für alle, die Seppl kennen, ist das logisch, weil Seppl bekanntermaßen nicht gerne läuft.
Doch bei dem Tor aus zwei Jacken und ohne Netz kommt er nicht umhin, immer wieder dem Ball nach zu laufen, wenn er ihn nicht hält. „Tor! – Tor! – Tor!“, ruft Kasperl schon wieder, denn der Ball ist Seppl schon wieder durch die Beine geflutscht und kullert einige Meter hinters Tor davon. Mürrisch ist Seppl dem Ball hinterher gelaufen und bringt ihn motzend wieder zurück: „Ach, Kasperl, mit dir macht das Fußballspielen ja keinen Spaß!“ Kasperl kann da nur lachen: „Hähä, Seppl, wenn du schon nur Torwart sein willst, dann musst du den Ball halt auch fangen und nicht immer davon laufen, wenn er angeflogen kommt, hähä!“. Seppl beschwert sich aber, weil er den Ball nie erwischen kann, so feste wie Kasperl schießt! – Kasperl schlägt ihm darauf hin vor, die Rollen zu tauschen. Seppl willigt dem Vorschlag gerne ein, denn er glaubt, als „Elfmeterschütze“ muss er viel weniger laufen. Als Torwart war er bisher ja dauernd nur unterwegs, um den Ball wieder zu holen. Also lässt er nun fast schon freiwillig Kasperle ins Tor. „Aber jetzt gib Obacht! Jetzt kommt eine Bombe, die wirst du auch nicht halten!“, freut sich Seppl schon schadenfroh darauf, wenn diesmal Kasperl den Ball holen muss! „Das gilt aber nicht, wenn du daneben schießt, hähä!“, belehrt ihn Kasperle. Seppl ist aber seiner Sache sicher: „Hoho, ich als Profimittelstürmer schieß doch nicht vorbei! Achtung! Ich nehm Anlauf und …….. Bumm!“ — Der Ball fliegt mit einer Wucht – und fliegt – und fliegt – und fliegt links am Tor vorbei. „Hähähähähä“, lacht Kasperle und kugelt sich in der Wiese herum, „Vorbeigeschossen, Seppl! – Nun musst du den Ball doch wieder selbst hinterher laufen, hähähä!“ Was bleibt dem Seppl auch anderes übrig? Aber das war ja erst mal nur Training, meint Seppl. Ab jetzt hat Kasperl keine Chance mehr und er wird keinen Ball mehr holen müssen. Seppl hat den Ball wieder auf den Elfmeterpunkt gelegt, Kasperl steht wieder im Tor bereit, Seppl nimmt noch mehr Anlauf als vorhin, rennt, rennt, schießt und trifft den Ball mit voller Kraft. – Doch, wo fliegt der Ball denn nun hin? – Der Ball fliegt wie eine Rakete, fast senkrecht nach oben, sogar über die Einzäunung des Bolzplatzes hinweg hinaus auf die Straße. Auweia! Was nun? – Kasperl und Seppl verfolgen die Flugbahn des Balles und Kasperl ruft: „Seppl, sieh, der Ball ist auf der Straße gelandet!“ Seppl rennt in diesem Moment schon los, durch das Türchen des Zaunes. Kasperl warnt ihn lautstark: „Vorsicht Seppl, guck erst, bevor du auf die Straße läufst!“ Aber Seppl hat das natürlich nicht gehört und stürmt ohne zu gucken einfach dem Ball hinterher. „Ich hab ihn gleich!“, ruft er noch und schon quietschen die Bremsen eines Autos. Zum Glück konnte die Frau am Steuer noch rechtzeitig anhalten und es ist dem Seppl nichts passiert. Aber er musste sich schon gefallen lassen, dass die Frau ihn berechtigt schimpfte, weil er so unvorsichtig war. Seinen Ball hat er jedenfalls wieder, doch der Schreck steckt ihm noch in allen Gliedern. „Seppl, Seppl“, belehrt ihn Kasperl, „bevor man auf die Straße rennt, muss man immer erst gucken, ob nicht ein Auto oder ein Fahrrad kommt und darf einem Ball nicht einfach blindlinks hinterher laufen!“ Seppl verspricht ihm, in Zukunft bestimmt darauf zu achten, aber die Lust am Fußballspielen ist ihm für heute vergangen. Deshalb beschließen Beide, Schluss zu machen und nachhause zu gehen. „Wo ist denn dein Ballnetz?“, fragt Kasperle seinen Freund. Seppl ist aber noch ganz verstört und meint, dass er den Ball doch gar nicht im Netz hierher gebracht hat. Er hatte ihn doch nur unter dem Arm getragen. Kasperl kann es nicht glauben, denn alle ihre Bälle sind immer in einem Netz, weil man Bälle nicht einfach so durch die Straßen oder auf den Gehsteigen tragen soll. Denn leicht kann ein Ball davon springen und auf die Straße kullern. Deshalb soll man Bälle immer im Netz tragen. Seppl erinnert sich nach dem Schock aber nicht mehr an ein Netz. Kasperl denkt aber, dass es Seppl bestimmt an ein Gebüsch gehängt und es nur vergessen hat. Kasperl geht sicherheitshalber los und sucht an und unter den Gebüschen, aber an allen Ästen und zwischen den Sträuchern ist nichts von dem Netz zu sehen. Als Kasperl sich gerade zwischen zwei Gebüsche bückt, hört er plötzlich eine Stimme, die zu ihm sagt: „Vorsicht, Kasperle! Was kriechst du denn hier im Gebüsch herum! Beinahe wäre ich herunter gefallen!“ Kasperl schaut sich um, doch er kann nirgends jemand sehen. „Ja, hopperla, wer spricht denn da?“, erkundigt sich Kasperl einfach einmal. Da spricht die Stimme wieder: „Ich bin es, Kasperle, die Spinnenkönigin Esmeralda! Hab keine Angst!“ Nach so einem kleinen Lebewesen hatte Kasperle bisher natürlich keine Ausschau gehalten. Aber jetzt hat er die Spinnenkönigin in ihrem Netz entdeckt: „Ja, grüß dich, Spinnenkönigin Esmeralda! Hähä, ich hab doch vor Spinnen keine Angst! –Es ist gut, dass du gerade hier bist. Vielleicht kannst du mir helfen!“ „Was suchst du denn, Kasperle?“, will Esmeralda wissen. Kasperl erklärt ihr, dass er hier in den Gebüschen das Ballnetz von Seppls Fußball sucht. Doch die Spinnenkönigin muss ihn enttäuschen. In all den Gebüschen hier ist nirgends ein Ballnetz, denn das hätten ihr die Spinnen ihres Volkes längst gemeldet. Nun glaubt Kasperl auch, dass Seppl den Ball doch tatsächlich einfach unter dem Arm zum Bolzplatz getragen hat. Ja, dann müssen sie den Ball wohl auch wieder so nach Hause zurück bringen, obwohl das Kasperl nicht für gut hält und es auf dem Weg über die Straßen gefährlich werden kann. Doch die Spinnenkönigin macht ihm einen Vorschlag: „Warte Kasperle, ich werde euch schnell ein Netz dafür spinnen!“ Kasperl kennt ja vom Dachboden, aus dem Keller oder aus der Natur viele Spinnennetze und meint lachend, dass die Fäden einer Spinne wohl zu schwach und fein sind, um so einen großen Ball zu halten. „Keine Sorge“, sagt ihm Esmeralda, „ich bin schließlich die Spinnenkönigin und spinne dir ein Netz aus extra starken Fäden!“ Flink fängt die Spinne damit an, spannt erst einen Faden als Halt zwischen zwei Ästen, zieht Fäden nach unten und verbindet sie ringsherum immer im Kreis, bis daraus ein großes Netz entsteht, dass nun aufgespannt vor Kasperl hängt. Kasperl kriegt den Mund vor Staunen gar nicht mehr zu, wie schnell die Spinnenkönigin dieses Wunderwerk der Natur gesponnen hat. „Joi, das ging ja ruck-zuck!“, kann Kasperl nur sagen, so verblüfft ist er von der Geschwindigkeit, in der das Netz entstanden ist. Und es ist wirklich aus so starken Fäden gemacht, dass es den Ball sicher halten wird. Seppl kommt in dem Moment auch dazu und motzt erst mal wieder: „Was ist denn Kasperl? Ich denke, wir suchen unser Ballnetz! Dabei steht der hier herum und guck einer Spinne beim Netzspinnen zu. Hast du das noch nie gesehen?“ Kasperl erklärt dem Bruder Leichtsinn, dass das Netz für ihn ist, weil er ja seines nicht mitgenommen hat. Deshalb soll er sich mal bei der Spinnenkönigin für das Ersatznetz bedanken und es vorsichtig vom Strauch lösen. Seppl bedankt sich bei der Spinnenkönigin, der er auch versprechen muss, Bälle immer schön brav nur in einem Ballnetz zu transportieren. Da die Spinnenkönigin nicht allen Kindern Ballnetze spinnen kann, ist sie sicher, dass bestimmt viele Mamas und Omas solche Netze auch häkeln können. Das geht zwar nicht so schnell wie bei den Spinnen, aber dafür halten sie auch viel länger. Spinnennetze sind ganz feine Konstruktionen, das wissen auch Kasperl und Seppl, die man nicht zerstören darf, denn die brauchen die Spinnen zum Nahrung fangen und sie dienen ihnen als Schutz. Die Spinnenkönigin krabbelt wieder zurück in ihr eigenes Netz, Seppl schlägt das Ballnetz von Esmeralda um den Ball und trägt ihn damit heim.
Ihr liebe Kinder seid sicher schon längst daheim und krabbelt auch in euer Bett. Schlaft gut und träumt was Schönes! Das wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!
© by Wolfgang Herrnleben (2008)






