Die Vogelscheuche

Kasperl ist heute Nachmittag wieder einmal auf Besuch bei Prinzessin Julia. Bei dem herrlichen Wetter spazieren Beide durch den riesigen Schlosspark. Hier gibt es nicht nur viele Blumenbeete, Springbrunnen und Zierbäume, sondern hinter dem Schloss auch einen großen Obst- und Gemüsegarten. Dort ist Kasperle natürlich am liebsten, denn da kann man immer beim Vorbeilaufen schnell mal ein Radieschen aus dem Boden ziehen und Beeren oder andere Früchte abzupfen und sie gleich in den Mund stecken. Auch der große Kirschbaum trägt eine ganze Menge reifer Frühkirschen, die mit ihrer hellroten Farbe schon von weitem entgegen leuchten. – Nur schade, dass sie soweit oben hängen! – Ohne eine lange Leiter kann man die Kirschen nicht erreichen. – Man müsste halt fliegen können, wie die Vögel, die auf den Ästen sitzen. „Sieh mal, Kasperl“, ruft die Prinzessin entsetzt, „die Vögel fressen alle Frühkirschen von unserem Kirschbaum!“ Da sieht es Kasperl auch, dass sich eine große Schar frecher, kleiner Piepmätze über die leckeren Kirschen hermacht. Julia bittet Kasperl, ihr dabei zu helfen, die Vögel alle zu verjagen. Doch Kasperl muss sie enttäuschen, denn die Vögel stört das nicht. Kurz darauf kommen sie sicher wieder zurück und machen sich weiter über die Kirschen her. – Kasperl meint, das Beste ist es, eine Vogelscheuche zu bauen und diese in den Baum zu setzen. Doch dazu brauchen sie alte Kleider, um sie anzuziehen. Julia ruft den Hofmarschall herbei, denn der könnte alte Klamotten haben. Doch dieser will von seinen alten, abgetragenen Hosen und Jacken nichts hergeben, obwohl er vieles davon schon lange nicht mehr getragen hat. Er glaubt, dann meint jeder, er sitzt als Vogelscheuche im Baum. –
Da fällt der Prinzessin ein, dass auf dem Dachboden doch noch eine alte Truhe mit unbrauchbaren Kleidern stehen muss, die ihre Zofe immer aufgehoben hat. Der Hofmarschall kann sich auch daran erinnern, doch auf den gruseligen Dachboden will er nicht hinauf steigen. Dort ist es ihm zu staubig und zu schmutzig. Kasperl und Julia beschließen, eben selbst hinauf zu gehen. Sie lassen sich vom Hofmarschall den Schlüssel geben und steigen die steile, hölzerne Treppe hoch, die bei jedem Schritt knarrt und quietscht. Nachdem sie das eingerostete Türschloss aufgesperrt haben und den düsteren Dachboden betreten, entdeckt Julia in der Ecke die alte Truhe, die sie von früher kennt. Vorsichtig heben Beide den schweren Deckel hoch und finden in der Truhe tatsächlich jede Menge ausgedienter alter Kleider. Sie wühlen darin herum und haben schnell einige zerrissene Kleidungsstücke beieinander, die zu einer Vogelscheuche passen. Kasperl sucht auf dem Dachboden noch nach weiteren Sachen, die sie brauchen können. Dabei fällt ihm auch ein alter Besen ins Auge, über den sie alles darüber hängen können. Durch Zufall stolpert Kasperl auch noch über einen alten Blecheimer, den sie der Vogelscheuche als Kopf aufsetzen können.
Mit all den Sachen steigen sie nun die steile Treppe wieder hinab und wollen damit auf der Terrasse eine furchterregende Vogelscheuche erschaffen.  Die Prinzessin zieht dem Besen den schwarzen Rock, die grüne Bluse und die rote Strickweste an. Kasperl malt mit Ölfarbe auf den Eimer erst ein grässliches Gesicht und setzt ihn dann als Kopf oben drauf. Julia hat auch noch ein rot-weiß gepunktetes Kopftuch mitgebracht, das sie um den Eimer bindet.
Voller Stolz betrachten sie ihr Werk und sind der Meinung, ihre Vogelscheuche sieht fast so aus wie eine echte Hexe. Vor der nehmen die Vögel bestimmt Reißaus und bleiben dem Kirschbaum fern. Kasperl holt eine Leiter und klettert mit der Vogelscheuche hinauf zu den Kirschen. Gut sichtbar befestigt er sie zwischen den Ästen und schon flattern alle Vögel ängstlich davon. Julia ist nun beruhigt, denn ab jetzt wagt sich kein Vogel mehr auf den Kirschbaum. Zur Belohnung für seine Hilfe lädt sie Kasperl noch zum Abendessen ins Schloss ein.
Kaum haben sie den Garten verlassen, da kommt die Hexe Hakennase auf ihrem Besen angebraust und sieht schon aus der Luft, dass da etwas Seltsames auf dem Kirschbaum sitzt. Da sie schlecht sieht, fliegt sie näher heran und meint eine echte Hexe zu sehen, die noch hässlicher ist, als sie selbst. – Aber sie will die hässlichste Hexe im ganzen Land sein! – Sie landet mit ihrem Hexenbesen auf der Wiese, fuchtelt damit herum und verjagt die „Kirschbaumhexe“ vom Baum:
„Falsche Hexe, flieg vom Baum, ahui,
ich will die Hässlichste sein, pfui, pfui!“
Mit Blitz und Donner löst sich die Vogelscheuche von ihrem Platz und saust durch die Luft weit davon.
Die Hexe Hakennase besteigt wieder ihren Hexenbesen, fliegt damit zum Kirschbaum hinauf und setzt sich selbst auf die Äste.
Solange Kasperl und Julia im Speisesalon beim Abendtisch sitzen, geht der Hofmarschall noch einmal in den Garten, um das Wesen zu betrachten, welches sie gebaut haben. „Oh-oh!“, stottert er ganz erschrocken, „Das ist – das ist ja wirklich ein gruseliges Ungetüm! Zum Fürchten!“ – Die Hexe Hakennase schaut zu ihm hinunter und fragt ihn: „Na, Herr Hofmarschall, wollen sie sich nicht neben mich setzen und mir Gesellschaft leisten?“ – Der Hofmarschall traut seinen Ohren nicht! – Hat da wirklich die Vogelscheuche zu ihm gesprochen? Vor Schreck wäre er beinahe in Ohnmacht gefallen! – Mit zitternder Stimme ruft er laut nach Kasperl und der Prinzessin! Beide kommen sofort herbei geeilt und treffen den Hofmarschall unter dem Kirschbaum an. Kreidebleich steht er da und zittert am ganzen Körper! – „Da – da“, stottert er, „Euere Vogelscheuche ist – ist lebendig geworden – und – und hat mich – mich sogar an-angeredet! – Entsetzlich! – Schauderhaft!“ – Kasperl meint erst lachend, er ist doch kein Vogel, dass er vor der Vogelscheuche Angst haben muss. Doch dann deutet Julia nach oben und stellt fest, dass dies ja gar nicht ihre selbstgebaute Vogelscheuche ist. „Hihihi“, lacht es vom Baum, „ich bin es, die Hexe Hakennase! Hihihi!“ Kasperl will von ihr wissen, warum sie auf dem Baum hockt und wo ihre Vogelscheuche hingekommen ist? – Die Hexe erzählt ihm, dass sie die andere Hexe davon gejagt hat, denn sie duldet keine hässlichere Hexe neben ihr im Land. Dabei pflückt sie nacheinander Kirschen vom Baum und lässt sich diese schmecken. Kasperl kann darüber nur lachen und er versichert ihr, dass keine Hexe im Land so hässlich ist wie sie. Er fordert sie auf, sofort aus dem Kirschbaum zu verschwinden, denn als Vogelscheuche taugt sie nicht. Richtige Vogelscheuchen essen nämlich keine Kirschen. Doch die Hexe weigert sich und will auf dem Kirschbaum sitzen bleiben und weiter Kirschen essen.
Plötzlich erklingt eine geheimnisvolle Melodie und der ganze Schlosspark hüllt sich in grünes Licht. In einer Nebelwolke erscheint die gute Gartenfee, die alle Früchte der Bäume und Sträuchern vor Vögeln und anderen Schmarotzern beschützt. Da die Hexe ihren Platz nicht freiwillig verlassen will, spricht die Gartenfee einen Spruch:
„Hexe Hakennase verschwinde vom Baum ganz schnell,
Vogelscheuche beschütze die Kirschen wieder an deiner Stell!“
Ein kräftiger Windstoß bläst die Hexe auf ihrem Hexenbesen davon und die echte Vogelscheuche sitzt wieder auf ihrem Platz im Kirschbaum.
Julia versichert nun dem Herrn Hofmarschall, dass er von dieser Vogelscheuche keine Angst haben muss, denn das ist keine echte Hexe!
Ihr, liebe Kinder, habt vor Vogelscheuchen bestimmt auch keine Angst, denn sie sollen ja nur Vögel von Früchten und der Saat auf den Feldern fern halten.
Habt ihr auch schon einmal eine für Eueren Garten gebaut? – Wenn nicht, dann könnt Ihr ja vielleicht auch einmal eine basteln und sie in den Garten stellen.
Aber heute nicht mehr, denn jetzt ist es Zeit zum Schlafen. Und neben Euerem Bett steht bestimmt keine Vogelscheuche, die Euch nicht hinein lässt, hähä.

Euer Bamberger Kasperl und die Puppenbühne Herrnleben wünschen Euch eine gute Nacht!

Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2010)