Die Wiese ohne Blumen

Der Frühling hat endgültig Einzug ins Land gehalten, es wird von Tag zu Tag wärmer und die Sonne scheint teilweise schon viele Stunden am Tag. Das triste Grau ist verschwunden und aus den kahlen Ästen an Bäumen und Sträuchern beginnen grüne Blätter zu sprießen. Überall sind bunte Blüten zu sehen, die Bäume schlagen weiß und rosa aus und zwischen dem satten Grün der Wiesen spitzen unzählige Frühlingsblumen hervor. Gänseblümchen, Schlüsselblumen, Osterglocken und viele andere Boten des Frühlings öffnen jeden Morgen beim Sonnenlicht ihre Kelche und lassen die Wiesen zu bunten Teppichen werden. Nach der kalten Winterszeit freuen sich die Menschen darüber, dass die Natur wieder erwacht. Das schlägt sich auf Aller Gemüt, man merkt sie sind wieder viel fröhlicher, besser gelaunt und voller Tatendrang. Nur einer hat an der Blütenpracht auf seiner Wiese gar keine Freude: Der Zauberer Nieswurz! – Er kann es nicht fassen und es gefällt im gar nicht, dass auf seiner Wiese vor dem Zauberschloss immer mehr und neue Blumen aus dem Boden gekrochen kommen. Ihm gefällt eine rein-grüne Wiese viel viel besser. Er hält die bunten Blümchen für unnützes Unkraut, das ihm seinen schönen grünen Rasen verschandelt. Er schimpft so sehr über den störenden Anblick der Blumen, dass er dabei andauernd mächtig husten muss, obwohl man vom Zauberer Nieswurz ja eigentlich meint, er müsse ständig nur niesen. Wütend und hustend reißt er eine der weißen oder gelben Blumen nacheinander aus dem Boden. Auf seiner Wiese kann er die farbigen Tupfer nicht leiden, sie muss nur einheitlich schön grün sein. Jammernd fleht ihm die Wiese an: „Nein, nicht! Bitte, Zauberer Nieswurz, lass mir wenigstens ein paar meiner schönen Blumen!“ Doch Nieswurz lässt sich nicht aufhalten und pflückt unbeirrt Blümchen für Blümchen heraus. „Sei still, du Wiese“, murmelt er nur hüstelnd vor sich hin, „dieses Unkraut hat auf meiner grünen Wiese nichts verloren!“ Alles Bitten der Wiese nützt nichts, dabei hat sie sich so auf ihr neues Kleid aus den weißen Gänse- und den gelben Schlüsselblümchen gefreut. Aber keine einzige Blume will ihr der Zauberer lassen und macht weiter, bis keine einzige Blume mehr auf der Wiese zu sehen ist. Dann ist er endlich wieder zufrieden und macht sich wieder auf den Weg zu seinem Zauberschloss. Dabei dreht er sich noch einmal zur Wiese um und droht ihr hustend: „Ich warne dich, Wiese, trau dich nur nicht, bis morgen neue Blumen wachsen zu lassen! Ich komme wieder und sehe nach! Und wenn ich wieder welche entdecke, werde ich sie genauso entfernen!“ Dann geht er mit schleifenden Schritten in sein Schloss und verschließt hinter sich die knarrende Holztür. Zurück bleibt eine zwar frische grüne, aber traurige Wiese, auf der kein Blümchen mehr blüht. Laut jammert und weint sie, dass man es weit über die Mauern des Zaubergartens hören kann: „Oje, ich arme Wiese. Warum muss mein Platz auf der Erde ausgerechnet vor dem Zauberschloss sein? Warum mag der Zauberer nur keine Blumen, sondern nur mein einfarbiges, grünes Graskleid? – Oje, ich arme, arme Wiese!“
Zufällig kommen Gretel und das Bamberger Kasperle auf ihrem Abendspaziergang in der Nähe des Zauberschlosses vorbei und hören das Jammern und Weinen der Wiese. Beide bleiben im selben Moment stehen, um festzustellen, wo es wohl herkommt. Sie schauen sich in alle Richtungen um, können aber niemanden entdecken, der so herzzerreißend jammert und weint. Kasperl spitzt seine Ohren einmal ganz konzentriert und meint, es könnte aus dem Garten vom Zauberer Nieswurz kommen. Sie machen sich Beide auf den Weg bis zur großen Mauer, ziehen sich an ihr hoch und spitzen einmal vorsichtig hinüber. Aber kein Mensch ist zu erkennen, nur das Zauberschloss und die große, grüne Wiese davor. Doch, dann hören sie das wehleidige Klagen wieder! „Oh, wäre ich doch woanders!“ Nun sind sich Gretel und Kasperl sicher, irgendwo ist hier jemand. Doch wo? – Kasperl denkt sich, da frag halt einfach einmal nach und ruft: „Hallo, wer jammert denn da? Wer möchte woanders sein?“ Es dauert eine kurze Zeit, dann antwortet die Wiese. Erst muss Kasperl lachen, denn er findet es lustig, das eine Wiese reden kann. So etwas hat er noch nicht erlebt. Auch Gretel hat noch nie eine Wiese sprechen hören. Dann erklärt ihnen die Wiese, dass normale Wiesen auch nicht sprechen können, aber sie ist ja schließlich die Wiese vom Zauberer. Doch sie ist unendlich traurig darüber, dass der Zauberer auf ihr keine Blumen wachsen lässt. Kasperl kann den Zauberer nicht verstehen, denn eine Wiese ohne Blumen ist doch überhaupt nicht schön. Der Wiese selbst würde ja ein buntes Kleid auch besser gefallen, aber der Zauberer reißt jedes Blümchen, das hervor sprießt immer gleich wieder aus. Gretel ist über das Verhalten des Zauberers ganz entsetzt, wo sie doch die bunten Blümchen auch so gerne hat. Gretel bittet Kasperle deshalb, der armen Wiese doch zu helfen. Auch die Wiese hofft auf Kasperls Hilfe, denn nur mit ihrem grünen Gras gefällt sie sich selbst nicht. Kasperl und Gretel rufen lautstark nach dem Zauberer.
Hustend kommt der Zauberer wieder aus seinem Schloss und schimpft über das Geschrei, das ihn beim Schlafen stört. Als er Kasperl und Gretel entdeckt, die über seine Mauer spitzen, will er wissen, warum sie so einen Krach machen. Kasperl fragt ihn darauf direkt, warum er die ganzen schönen Blumen aus seiner Wiese ausreißt. Mürrisch brummelt der Zauberer nur, dass ihnen das gar nichts angeht. Unter Husten will er Kasperl klar machen, dass es schließlich seine Wiese ist, mit der er machen kann, was er will. Gretel stimmt ihm zwar grundsätzlich zu, weist ihn aber darauf hin, dass es sich bei Gänse- und Schlüsselblumen auch um Heilkräuter handelt. Der Zauberer blickt nur ganz ungläubig drein und bekommt gleich wieder einen fürchterlichen Hustenanfall. Das nimmt Kasperl gleich zum Anlass, dem Zauberer glaubhaft zu machen, wie wirksam Gänseblümchen gegen seinen Husten wären. Sie wirken nämlich schleimlösend und auch blutreinigend. Gretel erklärt dem Zauberer, dass auch die Schlüsselblumen für seinen Husten genau das Richtige wären, denn sie wirken heilend bei Bronchitis und Erkältung. Da staunt der Zauberer, denn das hat er bisher nicht gewusst. Immer noch muss er heftig husten und fragt nach, ob er mit den Blümchen wirklich etwas gegen seinen plagenden Husten tun kann. Gretel empfiehlt ihm, sich doch einfach einen heilenden Tee aus den Schlüssel- und Gänseblümchen zu kochen. Dann wird sein Husten bald weg sein. Er braucht doch nur einmal in ein Heilkräuterbuch schauen, dort findet er viele Pflanzen und Blüten, die wirksam gegen viele Krankheiten sind.
„Na, wenn das so ist“, meint der Zauberer plötzlich, „dann können einem die Blümchen ja sogar hilfreich sein! – Also Zauberwiese, dann lass ab jetzt deine Blümchen sprießen!“
Die Wiese freut sich darüber und will gleich allen ihren Blümchen Bescheid geben, dass sie ab jetzt immer aus der Erde kommen dürfen. Morgen Früh werden die Blumen dann gleich bei den ersten Sonnenstrahlen ihre Kelche weit öffnen und der ganzen Wiese ein buntes Kleid bescheren.
Und wenn ihr, liebe Kinder morgen Früh euere Äuglein wieder aufmacht, dann freut euch auch darauf, wenn ihr in euerem Garten viele bunte Frühlingsblumen seht, die euch zum neuen Tag begrüßen.
Doch vorher müsst ihr jetzt euere Äuglein erst einmal schließen und schlafen.

Euer Bamberger Kasperl und die Puppenbühne Herrnleben wünschen Euch eine gute Nacht!

Wolfgang Herrnleben (GAP, 2009)