Nicht bloß bei Euch, liebe Kinder, wird Weihnachten gefeiert. – Nein, auch im ganzen Märchenland wird seit drei Tagen Weihnachten gefeiert. Überall hat das Christkind auch zu allen Kindern, Zwergen sowie zu allen Tiere im Märchenwald durch seine Engelein Geschenke bringen lassen. So, wie bei Euch, ist überall alles weihnachtlich geschmückt. Im Lichterschein erstrahlen die Christbäume. Im weißen Schnee, der Dächer, Bäume, Sträucher und die Wege überzieht, spiegelt sich die Weihnachtsbeleuchtung, die über die Straßen gespannt ist und die Fenster umrahmt. – Vielleicht ist es sogar noch viel – viel schöner als bei Euch, schöner und weihnachtlicher, als Ihr es Euch vorstellen könnt.
Natürlich sind die Engelein vom Christkind auch im Zwergenpilzhaus vom Zwergensohn Pimperle und Zwergenvater Bommelhut gewesen und haben ihre Geschenke gebracht. Zwerglein Pimperle hat heuer auch vom Waldkönig etwas ganz Besonderes geschenkt bekommen: Eine neue Zipfelmütze! – Schon seit dem heiligen Abend wartet Pimperle darauf, wann ihm sein Zwergenvater Bommelhut endlich erlaubt, diese neue Mütze aufzusetzen. Heute, am zweiten Weihnachtsfeiertag soll es soweit sein. Doch bevor Pimperle die Mütze das erste Mal tragen darf, muss ihm Papa Bommelhut etwas Wichtiges dazu erklären. Pimperle wundert sich, was es da zu erklären gibt: „Was willst du denn, Papa Bommelhut? – Ich weiß doch, wie man eine Zipfelmütze richtig aufsetzt!“ Sein Vater muss das selbstverständlich zugeben, doch ganz geheimnisvoll macht er ihn damit vertraut, dass diese Zipfelmütze etwas ganz Besonderes ist. Der Waldkönig verschenkt sie nämlich nur an kleine Zwerge, die alt und vernünftig genug sind, sie nur zu guten Zwecken aufzusetzen. Pimperle wundert sich, was denn an so einer Zipfelmütze besonders sein soll. Da muss ihn sein Papa überraschen, denn dies ist nicht nur eine einfache Zipfelmütze, sondern eine T a r n k a p p e !
„Was ist eine Tarnkappe?“, fragt Pimperle unwissend. Papa Bommelhut erklärt ihm, dass man sofort unsichtbar wird, wenn man eine Tarnkappe aufsetzt. Pimperle malt sich gleich im Geiste aus, was er mit dieser Tarnkappe Lustiges anstellen kann. Er kann damit seinen Freunden lustige Streiche spielen und keiner kann ihn dabei erkennen. Aber Bommelhut ermahnt ihn, die Mütze nicht für Streiche zu missbrauchen. Er darf sie nur dazu verwenden, wenn er unsichtbar, wie die Heinzelmännchen, gute Taten vollbringen und damit Kindern, Menschen und Tieren helfen will. Pimperle verspricht seinem Vater, immer an den Sinn dieser Tarnkappe zu denken und nur nach der Auflage des Waldkönigs zu handeln. Das hofft auch Zwergenvater Bommelhut, denn er erzählt ihm vom Schicksal des Zwergs Graubart, dem der Waldkönig auch einmal eine solche Tarnkappe geschenkt hat. Dieser hat seine Tarnkappe nämlich nur dazu benutzt, um anderen Böses zu tun und Schaden zuzufügen. Doch lange ging das nicht gut und der Waldkönig hat ihm deswegen seine Tarnkappe wieder abgenommen.
In diesem Moment klopft es heftig an die Tür des Zwergenpilzhauses. – Der Nikolaus kann es nicht mehr sein, denn der war ja schon vor ein paar Wochen da! – Und der Waldkönig wohl auch nicht, denn der hat ihn ja schon am Heiligen Abend besucht. – Na, dann kann es nur noch einer sein, der die Zwerge immer irgendwann an Weihnachten besucht: der Bamberger Kasperl! – Pimperle fragt deshalb seinen Vater, ob er wenigstens seinen Freund Kasperle etwas mit der Tarnkappe an der Nase herum führen darf. – Ausnahmsweise kann Papa Bommelhut diesen Wunsch genehmigen, denn er weiß, Kasperle versteht jeden Spaß. Doch er bittet seinen Sohn, es nicht so toll mit Kasperle zu treiben. Das hat Pimperle auch nicht vor und – schwupps – setzt er seine neue Tarnkappe auf, eine kurzer Glockenschlag ertönt und Pimperle ist tatsächlich unsichtbar. Sicherheitshalber fragt er seinen Vater: „Siehst du mich noch, Papa Bommelhut?“ – Dieser verneint seine Frage und öffnet die kleine Tür des Zwergenpilzhauses. Mit großem Halli-hallo betritt Kasperle das Pilzhaus und ist ganz gespannt, was Pimperle alles zu Weihnachten geschenkt bekommen hat. Gebückt läuft er durch das ganze Haus und sucht nach Pimperle. „Gell, Pimperle ist gar nicht zuhause?“, fragt Kasperle. Daraufhin hört er nur Pimperles Stimme: „Hier bin ich, Kasperle!“ Kasperl schaut sich um, aber er sieht ihn nicht. „Ich steh’ doch direkt neben dir!“, hört er wieder von Pimperle. Kasperle dreht sich einmal ganz schnell im Kreis. Er kann aber Pimperle nicht sehen. „Komm hervor aus deinem Versteck, du kleiner Schwindler!“, fordert ihn Kasperle auf. Pimperle lacht und sagt ihm, dass er sich gar nicht versteckt hat, sondern wirklich neben ihm steht. Als Beweis dafür kitzelt er Kasperle einmal ganz heftig. Kasperle muss dabei so fest lachen, dass ihm beinahe der Bauch platzt. Aber Pimperle kann er trotzdem nicht entdecken. „Komm, sag mir endlich, wo du bist, hähä!“, bittet Kasperle seinen Freund Pimperle. Wieder ertönt ein Glockenschlag und Pimperle ist sichtbar. „Hehehe“, lacht Pimperle, „ich war nur unter meiner neuen Tarnkappe, die mir der Waldkönig zu Weihnachten geschenkt hat.“ Da wundert sich Kasperle nicht mehr, dass er ihn nicht gesehen hat. Die Kappe gefällt ihm natürlich auch und er möchte sie auch gerne einmal aufsetzen. Doch Papa Bommelhut muss ihn enttäuschen. Bei Kasperle wirkt sie nämlich nicht. Sie lässt nur Waldzwerge damit unsichtbar werden. Er meint, Pimperle hat sich nun seinen Scherz mit Kasperle damit erlaubt und soll die Tarnkappe brav an den Kleiderhaken im Hausflur hängen. Alle Drei gehen danach in die Küche zur Zwergenmama, die ihnen einen Kinderglühwein aus Holunder- und Zitronensaft gekocht hat.
Draußen, um das Zwergenpilzhaus rauscht indess ein kalter Wind, in dem sich unbemerkt der alte Zwerg Graubart anschleichen konnte. Durch das Fenster hat er beobachtet, dass der kleine Zwerg doch wirklich vom Waldkönig eine Tarnkappe bekommen hat. Solange alle in der Zwergenhausküche sind, schleicht er sich ins Pilzhaus und stibitzt die Tarnkappe, da er seine ja nicht mehr besitzt. Ruck-zuck hat er sie aufgesetzt und ist im Nu unsichtbar. Graubart hat aber wie immer nichts Gutes damit vor und will damit überall die Weihnachtsgeschenke der Kinder aus den Häusern stehlen. Da er schon einmal bei Pimperle im Haus ist, will er auch gleich hier anfangen. Schnell sammelt er alle Geschenke unter dem Christbaum zusammen und verschwindet damit unbemerkt aus dem Haus in den Märchenwald.
Kurz danach führt Pimperle seinen Freund Kasperle ins Wohnzimmer, um ihm seine anderen Geschenke zu zeigen. Kasperle ist nicht schlecht erstaunt, als er rein gar nichts unter dem Tannenbaum liegen sieht. „Na, Pimperle, da liegt ja gar nichts unter dem Christbaum! – Oder hast du deinen Geschenken deine Tarnkappe aufgesetzt, hähä?“, fragt Kasperle lachend. „Quatsch!“, kann da Pimperle nur antworten und muss feststellen, dass seine Tarnkappe ja auch nicht mehr am Kleiderhaken hängt. Hilfeschreiend ruft er: „Papa Bommelhut, meine Tarnkappe und alle meine Geschenke sind verschwunden!“ Sein Vater schaut sich um und sucht, kann sich aber nicht vorstellen, wer denn alles gestohlen haben soll.
Plötzlich erklingt eine geheimnisvolle Melodie und auf einmal steht der Waldkönig in Rauch gehüllt mitten im Zwergenhaus. Er schildert ihnen, dass wieder einmal der böse Zwerg Graubart sein Unwesen treibt. Er hat die Tarnkappe gestohlen und wollte überall die Geschenke stehlen. Zum Glück hat er ihn im Wald angetroffen und ihm das ganze Diebesgut und auch Pimperles Tarnkappe wieder abnehmen können. Es wird kurz dunkel und ein leichtes Donnergrollen ist zu hören. Als es wieder hell wird, liegen alle Weihnachtsgeschenke, die Pimperle heuer bekommen hat und auch die Tarnkappe wieder unter dem Weihnachtsbaum. Pimperle ist heilfroh, bedankt sich beim Waldkönig und verspricht ihm, seine Tarnkappe bestimmt immer nur zu guten Taten zu nutzen, so wie die Heinzelmännchen.
Das freut den Waldkönig und er weiß, dem kleinen, lieben Zwerg Pimperle kann er glauben. Er wünscht allen noch einmal ein frohes Weihnachtsfest und – wusch – ist er wieder in einer riesigen Rauchwolke verschwunden.
Ja, liebe Kinder, für Euch wird es nun auch höchste Zeit, in Euer Bett zu verschwinden, natürlich braucht es dazu keine Rauchwolke. Morgen könnt ihr ja dann auch wieder mit Eueren Weihnachtsgeschenken spielen. Euere Mama wird dann gleich das Licht löschen, dann seid ihr im Dunkeln auch nicht mehr sichtbar.
Euer Bamberger Kasperle und die Puppenbühne Herrnleben wünschen Euch ein frohes Weihnachtsfest und eine Gute Nacht!
© Wolfgang Herrnleben (GAP, 2008)






