Elfenkinds Schultüte

Das Bamberger Kasperle und sein Freund Seppl nutzen den heutigen, schönen Tag, um noch einmal eine Wanderung in den Sommerferien zu machen, denn ab nächste Woche beginnt ja wieder die Schule und da heißt es wieder: Hausaufgaben machen und lernen. –
Auf ihrem Weg am Bach entlang treffen sie das kleine Elfenkind Weißröckchen. Da es am Dienstag das erste Mal in die Schule gehen darf, fragt es Kasperl, ob es sich schon darauf freut. Natürlich freut sich Weißröckchen schon riesig darauf und kann es kaum mehr abwarten. Na, Kasperle geht es genauso, denn er muss doch seinen Klassenkameraden erzählen, was er in den großen Ferien alles erlebt hat. Seppl findet es nur schade, dass er – wie Weißröckchen – nicht mehr in die erste Klasse kommt. Das Elfenkind meint aber, es würde dagegen lieber schon in eine höhere Schulklasse gehen. Dann würde es nämlich nicht mehr zu den kleinsten Schulkindern zählen. Seppl allerdings wäre am liebsten jedes Schuljahr noch einmal ein ABC-Schütze, dann bekäme er nämlich jedes Jahr am ersten Schultag eine Schultüte voller Süßigkeiten. Kasperl muss lachen, weil er sich noch gut an Seppls ersten Schultag erinnern kann. Wenn ihm die Großmutter nicht eine große, voll gefüllte Schultüte geschenkt hätte, wäre er wohl nie mit in die Schule gegangen. Für Weißröckchen ist das aber nicht der Grund, weshalb es sich auf die Schule freut, denn Elfenkinder bekommen keine Schultüte. –
Na, das kann Seppl natürlich nicht verstehen: Ein erster Schultag ohne Schultüte wäre für ihn kein schöner Tag gewesen. – Für Euch, Kinder, sicherlich auch nicht, gell? – Kasperl will vom Elfenkind wissen, warum das so ist. Doch Weißröckchen weiß das auch nicht, aber die Elfenkönigin hat es ihm so gesagt. Aber das macht dem kleinen Elflein nichts aus, es freut sich trotzdem auf die Schule. Kasperl will das aber genau wissen und geht mit Weißröckchen zur Elfenkönigin, um sie daran zu erinnern, dass zum ersten Schultag doch eine Schultüte gehört. Seppl hat keine Lust mit bis zum Elfenschloss zu laufen und marschiert inzwischen wieder nach Hause.
Weißröckchen und Kasperl sind schon beim Schloss angekommen und Kasperl klopft an das Schlosstor. So ein Zufall! – Die Elfenkönigin macht gleich selbst das schwere knarrende Tor auf und freut sich, dass sie Kasperle einmal wieder besuchen kommt. Kasperl erklärt er gleich, dass dies auch einen wichtigen Grund hat und will wissen, ob Elfenkinder wirklich keine Schultüte an ihrem ersten Schultag bekommen? – Die Elfenkönigin erklärt Kasperl, das es eben bei ihnen etwas anders ist, als bei den Menschenkindern in der Stadt. In der Waldschule war es noch nie üblich, dass die Erstklässer zum Start in den Schulalltag eine Schultüte bekommen. Und das gilt auch für Weißröckchen. Kasperle findet das aber schade und meint, das müsste man unbedingt ändern. Die Elfenkönigin hat eigentlich nichts dagegen und findet den Brauch der Menschen gar nicht so schlecht. Aber, wo sollen sie so eine kleine Schultüte herbekommen, denn Elfenkinder sind halt einmal nicht größer als die Blumen auf der Wiese. Doch Kasperle gibt so schnell nicht auf und will dem kleinen Weißröckchen eine Freude bereiten. Er macht sich deshalb mit Weißröckchen gleich auf den Weg, um irgendetwas zu suchen, was man als Schultüte verwenden kann.
Zuerst einmal streifen sie durch das hohe Gras. Weißröckchen wundert sich, was Kasperle hier finden will und fragt mit seiner piepsenden Stimme: „Meinst du wohl, Kasperle, hier auf der Wiese wächst eine Schultüte für mich?“ – Nein, das kann sich Kasperle auch nicht vorstellen, obwohl ein Glockenblumenkelch wohl gerade die richtige Größe für eine Elfenkindschultüte hätte. Weißröckchen vermutet, dass die Blume schnell verwelkt und alles, was drin ist gleich wieder heraus fällt und dann hat es wieder keine Schultüte mehr, mit der sie am Dienstag in die Schule gehen kann. Traurig steht Weißröckchen zwischen den großen Grashalmen und fängt das Weinen an: „Ach ich – ich spür schon, ich – ich bekomme nie eine Schultüte!“
In diesem Moment läuft gerade Zwergenvater Bommelhut am Rand der Wiese entlang und hört das Weinen des kleinen Elfenkinds. Er folgt gleich dem kindlichen Weinen und trifft auf Kasperl und Weißröckchen. „Nanu, Kasperle und Weißröckchen“, fragt er die Beiden, „Ihr spielt wohl Verstecken im hohen Gras?“ Kasperl erwidert: „Hähä, Bommelhut, das täuscht. Wir sind auf der Suche nach etwas Passendem, was wir als Schultüte für Weißröckchen verwenden können.“ Das kleine Elflein muss aber immer noch weinen, weil es sich nicht vorstellen kann, noch rechtzeitig eine Schultüte zu bekommen. Was soll denn so klein sein, was sich dazu eignet? –
Bommelhut sieht, wie traurig das kleine Elfenkind ist und überlegt, ob er vielleicht helfen kann. – Und es dauert nicht lange, da hat der Zwergenvater eine tolle Idee. Doch verraten will er noch nichts. Er bittet die Beiden schnell mit ins Zwergenpilzhaus zu kommen. Gespannt machen sie sich alle schnell auf den Weg und werden vor dem Zwergenhaus schon von Zwergensöhnchen Pimperle begrüßt. Weißröckchen macht aber immer noch eine traurige Miene. Pimperle wundert sich und will wissen, ob es sich denn nicht auf die Schule freut. „Eigentlich schon“, antwortet Pimperle, „doch ich habe keine Schultüte!“ – Das findet Pimperle auch schlimm. – Doch dann rückt Bommelhut mit seiner Idee heraus, die er vorhin schon auf der Wiese hatte. Dabei muss ihm allerdings Pimperle helfen und sofort fragt er ihn: „Sag mal, Pimperle, hast du nicht noch deine alte Zwergenmütze? Die müsste doch die richtige Größe für Weißröckchens Schultüte haben?“ Da gibt es für Pimperle nichts zu überlegen: „Ja, Papa Bommelhut, die hab ich freilich noch! Und brauch sie auch nicht mehr! Selbstverständlich schenke ich Weißröckchen die alte Mütze!“ – Jetzt strahlt das Elfenkind plötzlich über das ganze Gesicht und kann es kaum fassen: Es bekommt eine Schultüte! – Kasperle freut sich mit ihm und lobt Pimperle dafür, dass er so ein guter Freund ist. – Und das ist noch nicht alles! – Pimperle rennt gleich ins Zwergenpilzhaus und kommt kurz danach wieder. Mit ausgestreckten Armen überreicht er dem Elfenkind seine Mütze: „Hier, Weißröckchen, ich schenke dir deine Schultüte und ich habe auch gleich ein paar kleine getrocknete Honigtröpfchen, Blütenstaubbonbons und Pfefferminzlutscher hinein gesteckt!“ Weißröckchen nimmt die umgearbeitete Mütze in den Arm und strahlt von einem Ohr zum anderen. „Oh, das ist lieb von dir, Pimperle. Ich danke dir! – Nun geh ich noch viel lieber in die Schule!“

Ja, liebe Kinder, habt ihr auch schon alle Euere Schultüte oder wollen Euch Euere Eltern damit überraschen. Sicher freut Ihr Euch schon alle darauf und natürlich auch auf Eueren ersten Schultag. Ihr werdet sehen, in der Schule ist es superschön. Man trifft viele neue Freunde, lernt Schreiben, Rechnen und Lesen, kann mit allen singen, tanzen und malen und darf mit Sicherheit in die Schultüten der anderen spitzen. Ihr seid doch bestimmt schon neugierig, was die Klassenkameraden darin haben. Aber am meisten seid Ihr sicherlich gespannt darauf, was in Euerer eigenen Schultüte steckt.
Aber — bis dahin müsst Ihr noch viermal schlafen. Und damit die erste Nacht davon bald vorbei ist, geht ihr am besten gleich ins Bett und schlaft gut.

Einen guten Start für die Schule und allen anderen einen schönen ersten Schultag sowie eine gute Nacht wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!
Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2009)