Großmutti’s Brille

Ja, liebe Kinder, bei euch beginnen jetzt die Ferien und ihr habt bestimmt auch schon eure Schulzeugnisse bekommen. Auch im Märchenland erhalten alle Kinder, Zwerge und Tiere ihre alljährlichen Zeugnisse zum Schulschluss.
Kasperl, Seppl und Gretel haben natürlich sofort ihre Zeugnisse zur Großmutti nach Hause gebracht. Und so wie jedes Jahr hat sich Großmutti für die Drei etwas ganz besonderes als Belohnung ausgedacht. Voller Erwartung stürmen sie, mit den Zeugnissen in der Hand, zu Großmutti in die Küche.
„Da sind wir Großmutti, hier, lies mal!“ Aufgeregt streckt Seppl ihr sein Zeugnisblatt entgegen.
„Nein, nein Seppl, Großmutti soll erst mein Zeugnis lesen. Ich bin viel besser als du!“ drängelt sich Gretel vor und hält Großmutti ebenfalls ihr Zeugnis entgegen.
„Hähä“, lacht Kasperl, „Großmutti liest mein Zeugnis bestimmt als erstes.“ und siegessicher reicht ihr auch Kasperl seines vor die Nase.
Jetzt, endlich kommt auch Großmutti zu Wort, nachdem sie alle drei Zeugnisblätter in die Hand genommen hat. „Nun beruhigt euch doch erst einmal. Alle drei Zeugnisse werde ich lesen. Es ist doch auch egal, welches ich als erstes lese.“
„Nein, nein, Großmutti, so egal ist das nicht, denn ich will als erster die Überraschung wissen, die du heuer für uns hast.“, schmollt Seppl.
Auch Gretel wartet ungeduldig, welches der drei Zeugnisse Großmutti als erstes lesen wird und drängelt weiter. „Na Großmutti, setz’ halt endlich deine Brille auf und hier, auf dem mein Name steht, das ist meines.“
Kasperl läuft inzwischen schon in der Küche hin und her und schaut auf den Tisch, auf den Küchenschrank, auf’s Fensterbrett….., aber nirgends kann er Großmutti’s Brille finden.
„Großmutti, Großmutti, wo hast du nur wieder deine Brille hingelegt? Ich kann sie nirgends entdecken.“
Auch Seppl und Gretel beginnen jetzt mit der Suche, denn ohne Brille kann Großmutti auch  ihre Zeugnisse nicht lesen. „Aber das gibt’s doch nicht, sie muss hier auf dem Küchenschrank liegen. Ich habe sie erst vorhin dort abgelegt“, jammert Großmutti.
„ Komm Großmutti, keine Angst, wir finden sie schon wieder“, will Kasperl sie beruhigen.
„Wisst ihr was? Gretel, du schaust mal in den Garten, Seppl geht in den Keller und ich gucke mal im Wohnzimmer nach Großmutti’s Brille“.
So machen sich alle drei in verschiedene Richtungen auf. Seppl stampft die Kellertreppe hinunter und guckt auf das Apfelbrett und ins Kellerregal.
Kasperl sucht im Wohnzimmer auf dem Tisch und in Großmutti’s Ohrensessel.

Gretel läuft inzwischen vom Hühnerstall zur Gartenlaube, aber bis jetzt hat sie Großmutti’s Brille noch nicht gefunden.
Doch, was ist das? Aus dem Gartenhäuschen hört Gretel seltsame Geräusche. „Nein“, denkt sie sich, „ich hole erst Kasperl. Alleine traue ich mich da nicht hinein“.
Schnell läuft sie Richtung Haus und holt Kasperl heraus.
„Ach was, hähä“, lacht Kasperl, „im Gartenhäuschen werden schon keine Gespenster sein, höchstens eine kleine Gartenmaus, Gretel.“
Vorsichtig öffnet er die Türe und spitzt hinein. „Da, siehst du Gretel, niemand ist zu sehen!“, dabei zieht er Gretel hinter sich her ins Gartenhaus.
Ängstlich sieht sich Gretel um und dabei huscht jemand durch ihre Beine. „Ah, hilfe, Kasperl, was ist denn das?“ schreit sie auf. Und schon poltert mit lautem Getöse die Gießkanne um und fällt Kasperl vor die Füße. „Hähä, wen haben wir denn da?“, lacht Kasperl, „Sieh mal Gretel, hier ist der kleine Krachmacher!“ Dabei hält er einen kleinen zappelnden Zwerg hoch.
„He, was soll das? Laß mich sofort los! Ich will gehen!“, schimpft dieser und strampelt dabei mit Händen und Füßen.
„Da, sieh mal Kasperl, der hat ja Großmutti’s Brille auf der Nase!“, entdeckt Gretel.
Kasperl sieht sich den Zwerg genauer an und fragt ihn: „Sag mal du kleiner Zappelmann, wie kommst du zu Großmutti’s Brille auf deiner Nase?“
Stotternd behauptet er: „Die, die gehört doch mir. Das, das ist meine Brille!“ Dabei vergisst er sogar das Strampeln und Kasperl setzt ihn vorsichtig wieder auf den Boden zurück.
„Das glaubst du ja wohl selbst nicht, kleiner Zwerg“, sagt Kasperl zu ihm „und als erstes sagst du uns erst einmal deinen Namen!“
Kleinlaut und mit piepsiger Stimme antwortet er Kasperl: „Ich bin Zwerg Tollpatsch und ich habe mir gedacht, dass ich vielleicht mit einer Menschenbrille besser sehen kann und nicht mehr so tollpatschig bin.“ Dabei kullern ihm ein paar Tränen aus den Augen und seine Stimme wird immer leiser.
Gretel kann es nicht glauben, was der kleine Zwerg erzählt, streicht ihm dabei aber sanft über den Kopf und redet auf ihn ein: „Aber Großmutti’s Brille passt doch nicht für deine Augen, du brauchst schon deine eigene Zwergenbrille.“
Auch Kasperl erklärt dem kleinen Zwerg Tollpatsch: „Du musst erst einmal zum Augenarzt und dann zu einem Optiker, der macht dir dann deine eigene Brille. Mit Großmutti’s Brille auf der Nase, würdest du doch wohl noch weniger sehen, hähä.“
Aufmerksam hatte der kleine Zwerg Tollpatsch zugehört und zutraulich wendet er sich an Gretel: „Und ihr seid mir nicht mehr böse, dass ich Großmutti’s Brille genommen habe?“
„Nein, nein, kleiner Zwerg, wir haben sie ja jetzt wieder und du weißt jetzt, dass jeder seine eigene Brille braucht, um gut sehen zu können.“, besänftigt Gretel.
„Komm mit, Zwerg Tollpatsch“, lädt Kasperl ihn ein, „wir bringen gemeinsam Großmutti’s Brille wieder zurück und dann begleite ich dich zum Augenarzt.“Ja Kasperl, das ist gut, dann kann mir unterwegs wenigstens nichts passieren!“, freut sich Tollpatsch.Gretel nimmt den kleinen Zwerg an die Hand und gemeinsam laufen sie zur Großmutti ins Haus.Diese freut sich natürlich, dass ihre Brille wieder gefunden wurde und kann jetzt endlich die Zeugnisse von Kasperl, Seppl und Gretel lesen, die natürlich, wie jedes Jahr besonders gut ausgefallen sind.Und als kleine Belohnung für den Fleiß in der Schule und für das gute Zeugnis, kocht Großmutti gleich das Lieblingsessen der Drei. Apfelstrudel mit Vanillesoße!Und am Nachmittag, wenn Kasperl vom Augenarzt wieder zurück ist, dürfen sich alle Drei noch zur Belohnung ein großes Eis aus der Eisdiele holen.Ja, liebe Kinder, so hat alles ein gutes Ende gefunden.Das Schuljahr ist zu Ende, es sind Ferien, Großmutti’s Brille hat sich wieder gefunden, die Zeugnisse sind gut ausgefallen und Zwerg Tollpatsch bekommt seine erste Brille, auf die er jetzt ganz stolz sein kann. Denn ab jetzt ist Zwerg Tollpatsch kein TOLLPATSCH mehr!  Allen Schulkindern wünschen auch wir ein gutes Zeugnis und euch allen zusammen für heute eine gute Nacht: die Puppenbühne Herrnleben und euer Bamberger Kasperl.

Elisabeth Herrnleben (2008)