Kasperl und die Ostereier

Kasperl streift heute durch den Wald, denn er vermutet, dass die Osterhäschen schon unterwegs sind, weil ja bald Ostern ist. Dabei hofft er, dass die Häschen irgendwo versehentlich ein paar Ostereier verloren haben, die er einsammeln kann. Gut gelaunt singt er dabei ein Liedchen, das er sich zur Melodie „Häschen in der Grube“ selbst ausgedacht hat.
„Der Osterhase bringt mir
ein großes Nest ganz bald,
ein großes Nest ganz bald.
Mit vielen bunten Ostereiern,
alle bunt bemalt!“
Und da – tatsächlich! – Er hat Glück! – Da entdeckt er schon ein leuchtend rotes Osterei, welches er gleich in seine Hosentasche steckt. – Und wo ein Osterei ist, könnten doch vielleicht auch noch mehr sein. Ganz genau sucht er ringsherum im Moos. Ja-, da liegt noch ein gelbes Ei und ein blaues findet er auch noch! – Wenn hier so viele Eier liegen, müssen die Osterhäschen diesen Weg gegangen sein. Also marschiert Kasperl weiter, in der Hoffnung, noch mehr Ostereier zu finden. Dabei gerät er immer tiefer in den Wald hinein, der immer dichter und dunkler wird. Wenn er die Ostereierspuren weiter verfolgt, könnte es ja sogar sein, dass er sogar zufällig ins Reich der Osterhasen gelangt. – Das wäre toll! –
Doch die Osterhäschen findet man nicht so leicht, weil ihr Versteck und ihre Werkstatt ganz tief im Wald verborgen sind. Eigentlich weiß kein Mensch, wie man dorthin gelangt. Nur der Gockel Buntfeder als Eierlieferant kennt natürlich den Weg und steht schon vor der Hasenwerkstatt. Lautstark macht er auf sich aufmerksam: „Kikeriki! Kikeriki! Osterhase, ich bin schon hier!“ Von dem krächzenden Hahnenschrei aufgeschreckt, kommt der Osterhase selbst sofort aus seiner Höhle geeilt. Erleichtert freut er sich, dass er wieder Eiernachschub bekommt. Der Osterhase hatte nämlich schon die Befürchtung, dass die Hühnerfamilie von Gockel Buntfeder bis Ostern nicht mehr rechtzeitig genügend Eier liefern können. Aber Buntfeder beruhigt ihn. „Kikeriki! Was denkst du, Osterhase? – Ich habe meinen Hennen schon tüchtig Dampf unter den Federn gemacht, damit sie im Akkord Eier legen! Kikeriki!“ – Und damit sich die Hennen aufs Eierlegen konzentrieren können, hat sich Buntfeder solange selbst auf den Weg zu den Osterhasen gemacht, um den Osterhasen einen ganzen Wagen voll frischer Eier zu liefern. – Naja, irgendetwas muss er ja schließlich auch tun, wenn er schon keine Eier legen kann! – Der Osterhase ruft gleich das Osterhäschen Stummelschwänzchen herbei, damit es den Wagen ablädt. In der Zwischenzeit bietet er dem Gockel eine kleine Brotzeit an. Da sagt Buntfeder natürlich nicht NEIN, denn ein paar Körnchen lässt er sich immer gerne schmecken. Mit einem lauten „Kikeriki“ folgt er dem Osterhasen in die Höhle, um sich für den Rückweg zu stärken.
Stummelschwänzchen, das kleinste Häschen ist nun damit beschäftigt, die rohen Eier vorsichtig in Körbchen zu legen. Dabei hätte es viel lieber den anderen Osterhasen beim Anmalen der Eier zu helfen. Aber es darf das noch nicht! Es darf immer nur die einfachen Arbeiten machen. Es meint, dass es ganz bestimmt auch ganz tolle Muster auf die Eier malen könnte. Als es so traurig vor sich hinarbeitet, fällt ihm gar nicht auf, dass sich ihm der Zauberer Spitzhut nähert. Ihm käme das junge Osterhäschen als Osterbraten ganz Recht. Erschrocken bemerkt Stummelschwänzchen dann doch, dass ein Fremdling ins Osterhasenreich eingedrungen ist. Ängstlich stammelt es: „Einen schönen Tag!“ Der Zauberer will wissen, ob es zu den Osterhäschen gehört und ob es ihm vielleicht ein paar Ostereier schenken kann. – Doch Stummelschwänzchen verteidigt die Eier, denn die sind alle für die Nestchen der Kinder vorgesehen. – Zauberer Spitzhut gibt aber nicht nach und will unbedingt ein paar Eier haben, weil ihm der Osterhase ja noch nie welche gebracht hat. – Stummelschwänzchen erkennt schnell, dass es ein böser Zauberer ist und lehnt es weiterhin ab, ihm ein paar Ostereier zu geben. – Da wird der Zauberer noch böser und macht dem Häschen klar, dass er immer alles bekommt, was er haben will. Da der Wagen noch nicht völlig ausgeleert ist und noch viele Eier darin liegen, nimmt der Zauberer einfach den Wagen an sich und packt den kleinen Hasen an den Ohren. Schnell zieht er den Wagen und den Hasen hinter sich her und verlässt das Osterhasenreich und will alles zu seinem Zauberschloss bringen. Ängstlich zappelt Stummelschwänzchen und ruft: „Nein, nicht! – Hilfe! Lass mich frei! – Hilfe! – Hilfe!“
Sofort kommen der Osterhase und Gockel Buntfeder aus der Höhle. Zum Erschrecken müssen sie feststellen, dass sowohl Stummelschwänzchen als auch der Eierwagen verschwunden sind. „Stummelschwänzchen, Stummelschwänzchen!“, rufen sie in den Wald! – Doch das kleine Häschen gibt keine Antwort.
Durch das laute Rufen hat Kasperle nun auch zur Höhle des Osterhasen gefunden. Trotzdem ist der Osterhase überrrascht, wie es Kasperle geschafft hat, ihr geheimes Reich zu finden. Kasperl muss zugeben, dass es eigentlich nur Zufall war. Den letzten Hinweis hatte ihm allerdings der Osterhase und Gockel Buntfeder durch ihr lautes Rufen gegeben, sonst wäre er vermutlich vorbei immer tiefer in den dunklen Märchenwald geraten. Der Osterhase ist allerdings sehr froh darüber, dass Kasperle gerade in der Nähe war, denn er kann seine Hilfe, seine Spürnase und seine Schlauheit sehr gebrauchen. Der Osterhase erzählt ihm, dass sein kleines Häschen Stummelschwänzchen und der Karren mit den frischen Eiern von Buntfeders Hennen spurlos verschwunden sind. Kasperl will sich natürlich gleich auf die Suche machen. Da Buntfeder und der Osterhase in der Höhle keine Ruhe hätten, beschließen sie, Kasperle zu begleiten und mit zu suchen. Kaum sind sie ein Stück gegangen, da entdeckt Kasperl schon die ersten weißen Eier, die im Moos liegen. Zauberer Spitzhut sind scheinbar auf der Flucht einige Eier aus dem Wagen gepurzelt. Immer wieder erblicken sie weiße Eier auf dem Waldboden und sie zeigen ihnen direkt den Weg zum Zauberschloss, so, wie die Brotkrümel bei Hänsel und Gretel. Buntfeder ist schon voraus geflattert und sieht den Zauberer und Stummelschwänzchen als erster: „Kikeriki, da sind sie!“, kräht er laut. Kasperl aber bittet ihn, doch leise zu sein, damit sie der Zauberer nicht bemerkt.
Der Zauberer sperrt Stummelschwänzchen gerade in einen Stall und droht ihm an, es erst wieder am Ostersonntag heraus zu lassen, wenn er sich seinen Osterbraten machen will. Stummelschwänzchen bittelt und bettelt, dass er es doch wieder frei lassen soll. Doch der Zauberer lacht nur hämisch und schließt das Schloss an der Stalltür.
Einer war allerdings nicht aufzuhalten: Gockel Buntfeder! – Er ist Kasperle und dem Osterhasen davon geflattert und erreicht den Zauberer als Erster. Voller Wut hackt er auf den Zauberer mit seinem spitzen Schnabel ein: „Kikeriki, jetzt hack ich di! – Lass sofort das Häschen wieder frei! Kikeriki! Kikeriki!“ Der Zauberer wehrt sich gegen den entschlossenen Angriff des aufgebrachten Hahnes: „Au, au, verschwinde, du verrückter Gockel! Au! Au!“ In diesem Augenblick kommt schon Kasperl herbei geeilt und drängt den Zauberer zur Seite. Zum Glück steckte der Schlüssel noch im Schloss. Kasperle sperrte es schnell wieder auf und gab Stummelschwänzchen seine Freiheit zurück. Buntfeder hackt indes weiter auf den Zauberer ein und schob ihn in Richtung Stall. Kasperl schubste den Zauberer durch die Tür und sperrte ihn anstelle des Häschens ein. „So, hähä“, sagte er lachend, „Zauberer Spitzhut, das hast du nun davon! Jetzt bleibst du solange im Stall, bis du mir versprichst, zukünftig die Osterhäschen in Ruhe zu lassen!“ Doch der Zauberer ist stur und will nicht nachgeben. Ganz im Gegenteil, er droht Kasperl und den Häschen an, sie alle zu verzaubern. – Da bleibt Kasperl erst einmal keine andere Wahl. – Er will den Zauberer erst wieder frei lassen, wenn er seine Bedingung erfüllt. Doch zunächst soll er bis nach dem Osterfest im Stall bleiben, damit der Zauberer die Arbeit der Osterhasen und das Osterfest nicht gefährdet.
Und das können die Osterhäschen wirklich nicht gebrauchen, denn sie haben schon viel Zeit verloren. Er bedankt sich bei Kasperle für seine Hilfe, muss aber nun ganz schnell zurück zu den Osterhasenhöhlen, denn sie haben bis zum Ostersonntag noch viel Arbeit vor sich. Kasperl bietet natürlich seine Hilfe an, damit sie rechtzeitig fertig werden. Doch das muss der Osterhase leider ablehnen, denn Eier färben, Nestchen füllen und verstecken ist alleine Arbeit der Osterhasen und dabei haben Menschen nichts verloren. – Auch Kasperle nicht!
Ja, liebe Kinder, so muss sich Kasperle – genauso wie Ihr – überraschen lassen, was am Ostersonntag im Nest liegt. Aber ihr könnt natürlich schon einmal von einem schönen bunten Osternest träumen, mit vielen bunten Ostereier und einem stolzen Osterhasen. Aber suchen müsst ihr es schon selbst! Denkt mal schon darüber nach, wo Ihr Eure Suche beginnt! – Das einzige was Ihr nicht zu suchen braucht, ist die Werkstatt des Osterhasen, denn die werdet Ihr niemals finden.

Hähä, ich verrate es Euch auch nicht! – Das bleibt mein Geheimnis! – Aber vielleicht träumt Ihr von den niedlichen Osterhäschen, wo sie wohnen, wo sie Euere Eier färben und Euere Nestchen füllen.

Einen schönen Osterhasentraum und eine gute Nacht wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!

Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2010)