Es ist zwar schon spät am Abend. Und normalerweise begeben sich viele Tiere im Märchenland schon zur Ruhe. Nur die Fledermäuse, Katzen, Weinbergschnecken, Müuse und Igel sind noch aktiv und machen sich in der Dunkelheit auf Nahrungssuche. – Aber, welche Schnecke trägt denn da noch so spät am Abend ihr Schneckenhaus durch die Gegend? – Es ist die Postschnecke Hulda! – Normalerweise hat sie doch längst Dienstschluss und muss sich ausruhen. Schließlich kriecht sie ja Tag für Tag lange Strecken durch das Land, um die Post zu befördern, so dass sie am Ende immer völlig erschöpft ist. – Hat sie wohl einen Brief vergessen und will ihn noch zu seinem Empfänger transportieren? – Schimpfend – mit ihrer lispelnden Stimme - kriecht sie mühsam, mit letzter Kraft noch durch das Gras: „Das darf doch nicht wahr sein! Jetzt darf ich, die Postschnecke Hulda, am Feierabend noch einen Eilbrief austragen! Und den muss ich heute noch bis zum Königsschloss im Märchenland bringen!“ – „Oje!“, seufzt sie und kriecht weiter. – Das Königsschloss gehört nämlich normalerweise nicht zu ihrem Bezirk. Dafür ist eigentlich die Sumpfdeckelschnecke Rosa zuständig, aber die hat ausgerechnet jetzt gerade Urlaub. – Aber, was soll es? – Pflichtbewusst, wie sie ist, transportiert sie den Eilbrief im schnellsten Schneckentempo weiter durch die Landschaft. – Doch, was soll sie nun machen? – Sie ist nun am Ufer des großen Flusses angekommen, der sie vom Schloss trennt! – Die nächste Brücke, über die sie den Königspalast erreichen könnte, ist aber kilometerweit weg! – Da bräuchte sie ja tagelang um auf diesem Umweg dorthin zu kommen. – Verzweifelt steht sie im Schilf am Flussufer und rätselt, wie die Schnecke Rosa wohl sonst da hinüber kommt! – „Ach, es ist zum Verrücktwerden! – Jetzt hab ich es bis hierher geschafft und nun geht es für mich nicht weiter!“, wettert sie laut. – Und für eine Schnecke sogar so laut, dass es den Karpfenkönig in seiner Abendruhe stört.
Mit mächtigem Wasserblubbern taucht er an die Wasseroberfläche und wundert sich über den späten Besuch der Postschnecke. „Blubb, blubb“, will er mit seiner tiefen Stimme wissen, „Hulda, bringst du mir wohl noch die neueste Fischerzeitung?“ Doch Hulda muss ihn enttäuschen. Stattdessen erzählt sie ihm, dass sie einen Eilbrief an Prinzessin Jasmin befördern muss. Aber sie weiß nicht, wie sie über den Fluss kommen soll? – Da hat der alte, weise Karpfenkönig eine Idee. Mitten in dem vielen Unrat, der im Fluss herum schwimmt, hat er eine leere Flasche gefunden. Wenn Hulda den Brief hinein steckt und die Flasche in den Fluss wirft, kann sie als Flaschenpost am Königsschloss angespült werden. Während Hulda den Brief aus ihrem Schneckenhaus holt, treibt der Karfenkönig die leere Flasche mit seinem Maul herbei. Doch – wie soll er die Flasche aufschrauben? – Mit seinen klitschigen Flossen kann er den Verschluss nicht öffnen.
In diesem Moment kommt Kasperl zufällig vorbei marschiert und freut sich, dass er die Schnecke Hulda und den Karpfenkönig so spät noch antrifft. Lachend fragt er den Karpfenkönig: „Hähä, gell du hast Durst und bekommst die Flasche nicht auf?“ Dem kommt Kasperl wie gerufen und er bittet ihn, doch die Flasche aufzuschrauben. Kasperl nimmt ihm die Flasche ab und wundert sich, denn die Flasche ist ja völlig leer. Da ist ja nichts drin! – Der Karpfenkönig weiß das natürlich und erklärt ihm, dass Hulda einen Brief als Flaschenpost an Prinzessin Jasmin ins Märchenland schicken will. Kasperl kann sich nicht vorstellen, dass die Flasche auch wirklich direkt am anderen Ufer beim Königsschloss angeschwemmt wird. Er warnt sie, dass die Flasche auch leicht abgetrieben, im Gestrüpp am Ufer oder in der Schleuse hängen bleiben kann. Hulda ist ratlos! – Sie kann doch nicht schwimmen! – Das beste wäre, man könnte über den Fluss fliegen! – Da hat Kasperl den rettenden Einfall! – Sein Onkel Fritz hat auf seinem Bauernhof einen Taubenschlag mit jeder Menge Brieftauben. Eine von ihnen kann die Post bestimmt an Ort und Stelle bringen. Sofort macht sich Kasperl auf den Weg und bittet Hulda hier zu warten.
Der Karpfenkönig macht der Schnecke nun noch mal Mut, denn Kasperls Vorschlag ist die beste Lösung. Hulda hofft nur, dass auch wirklich eine Brieftaube so spät am Abend noch Zeit und Lust hat, zum Schloss zu fliegen.
Da ist aus der Ferne schon ein „Ruckidiguh, Ruckidiguh“ zu hören. Schon kommt eine Brieftaube durch die Luft angeflattert und Kasperl eilt ihr am Boden hinterher. Die Brieftaube ist auf einem Ast gelandet und Kasperl stellt der Schnecke ihre Kollegin von der Luftpost vor: „Sieh Hulda, das ist deine Kollegin, die Brieftaube Klara!“ Hulda freut sich riesig, dass ihr die Brieftaube aus der Patsche helfen will und fragt sie, ob sie sie mitsamt dem Eilbrief zur Prinzessin fliegen kann? – „Ruckidiguh!“, antwortet die Brieftaube und der Karpfenkönig bestätigt, dass dies ein eindeutiges „Ja!“ war! –
Darauf hin hebt Kasperl die Schnecke Hulda hoch und setzt sie auf den Rücken der Brieftaube Klara. „Hähä“, lacht er über diesen wohl einmaligen Anblick, „dann kann die Flugpost ja starten! – Hulda, aufsitzen und anschnallen! – Guten Flug, Klara!“ Schnell wie der Wind fliegt die Brieftaube mit der Schnecke auf dem Rücken über den Fluss zum Königsschloss. Der Karpfenkönig und Kasperl verfolgen ihren Flug und bald sind sie so weit weg, dass sie nur noch stecknadelgroß am Himmel zu erkennen sind. Gespannt warten sie Beide auf die Rückkehr des fliegenden Eiltransportes. – Und sie müssen auch gar nicht lange warten, da kommt Klara schon wieder zurück geflogen und landet neben Kasperl im Gras. Er nimmt Hulda wieder vom Rücken der Taube herunter. Die Postschnecke ist glücklich, dass sie diese schwierige Aufgabe doch noch gemeistert und den Eilbrief abgegeben hat. Und voller Freude über die schnelle Lieferung des wichtigen Briefes hat Prinzessin Jasmin, Kasperle, Hulda und Klara am nächsten Wochenende zu ihrem großen Fest ins Märchenschloss eingeladen. Hulda freut sich schon darauf, wenn sie dann wieder auf dem Rücken der Brieftaube über den Fluss fliegen darf. Nur der Karpfenkönig kann leider nicht aus dem Wasser heraus und mitfeiern. Doch Kasperl verspricht ihm, etwas Fischfutter vorbei zu bringen. Mit freudigem Geblubber taucht er wieder unter die Wasseroberfläche.
Aber jetzt muss auch Kasperl endlich heim zur Großmutti, denn die wartet bestimmt schon lange mit dem Abendessen auf ihn. Die Brieftaube Klara fliegt zurück zu ihrem Taubenschlag bei Onkel Fritz, Hulda kriecht in ihr Schneckenhaus und muss endlich schlafen.
Ihr, liebe Kinder fliegt bestimmt auch in Euer Bett und kriecht unter die Bettdecke, denn für Euch ist es auch höchste Zeit zum Schlafen.
Die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl wünschen Euch eine gute Nacht!
Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2010)






