Die vergangene Woche blickten alle Kinder im Märchenland jeden Tag schon fast traurig aus ihren Fenstern, denn der Schnee wurde immer weniger. Die Temperaturen wurden immer wärmer und es fiel Regen statt Schnee. – Schade! – Der Winter scheint sich zu verabschieden. Doch – die letzte Nacht hatte Petrus scheinbar ein Einsehen mit den Kindern und ließ es wieder kräftig schneien. Auf einmal ist alles wieder herrlich weiß: die Wiesen, Sträucher und Bäume tragen wieder ein weißes Kleid.
Ein harter Vormittag stand allen Kindern heute in der Schule bevor. Ungeduldig rutschten sie auf ihren Stühlen hin und her und konnten es gar nicht abwarten, bis endlich die Mittagsglocke zum Schulschluss läutete.
Nun ist es endlich soweit. Übermütig und frohgelaunt stampfen sie durch den frischen Pulverschnee nach Hause und verabreden sich zum Schlitten- und Skifahren am Nachmittag. Natürlich freut sich auch das Bamberger Kasperle auf der erneuten Schneefall und verspricht Prinzessin Miriam, sie nach dem Mittagessen gleich zum Schlittenfahren abzuholen.
Ruck-zuck isst Kasperl den leckeren, gesunden Gemüseeintopf von der Großmutti auf, zieht seinen Anorak, die Mütze, die Winterstiefel, Handschuhe und Wollschal an und macht sich in Windeseile mit seinem hölzernen Schlitten auf den Weg zum Königsschloss. Dort wartet Prinzessin Miriam vor dem Schlosstor schon auf ihn. Neben ihr steht auch ihr großer Schlitten, den sie sich vom königlichen Diener hat aus dem Keller holen lassen. „Na, endlich kommst du, Kasperl!“, ruft sie schon ganz aufgeregt. „Wo bleibst du denn? – Ich bin schon lange fertig!“ Inzwischen ist Kasperl schon bei ihr angekommen und muss erst einmal lachen. Er schaut sich die Prinzessin kopfschüttelnd an und kann nicht glauben, dass sie schon bereit zum Schlittenfahren ist. Sie ist ja noch nicht einmal winterfest gekleidet. Scheinbar ging es ihr nicht schnell genug, denn sie hat sich nur ihr dünnes, goldenes Kleidchen angezogen und ihre flachen Schuhe. Kasperl meint, so kann sie doch nicht mit in den kalten Schnee, denn das ist wirklich nicht die passende Bekleidung. Die anderen Kinder und er haben sich doch auch warm und fest eingepackt. Aber alles Zureden nützt nichts. Miriam will es nicht einsehen. Außerdem dauert ihr das zulange. Sie will endlich zum Schlittenfahren und keine Zeit mehr verlieren. Schließlich muss ja auch jeder deutlich sehen, dass sie die Prinzessin ist und deswegen will sie unbedingt mit ihrem goldenen Kleidchen auf die Piste gehen. Kasperl weißt sie nochmals darauf hin, dass sie in dem dünnen Stoff bestimmt bald friert. Außerdem wird es doch schade um das wertvolle Kleid und es wird doch nur nass. – Doch die Prinzessin lässt sich nicht davon überzeugen, warme Sachen anzuziehen. Dickköpfig stampft sie mit dem rechten Fuß auf den Boden: „Nein, Kasperle! – Ich friere schon nicht!“ – Also gut! – Kasperl merkt, es hat keinen Sinn, mit Miriam zu diskutieren. Irgendwann gibt er nach, sonst wird es heute nichts mehr mit der Schlittenpartie. Also marschieren Beide los und ziehen ihre Schlitten durch den Schnee hinter sich her. Logisch, dass Miriam mit ihren mit ihren glatten Schuhen Kasperl kaum folgen kann. Er kommt mit seinen Winterstiefeln viel sicherer und schneller voran, während Miriam dauernd ausrutscht. Als Kasperl seinen Schlitten Richtung Schlossberg zieht, von dessen Höhe man im frischen Pulverschnee bestimmt herrlich nach unten rodeln kann, ruft die Prinzessin von hinten: „Wo gehst du denn hin, Kasperl? – Der alte Schlossberg ist doch langweilig! – Da bin ich doch schon als kleines Kind Schlitten gefahren. Das ist doch ein Babyhügel! – Ich will zur Waldwiese, wo alle anderen Kinder auch fahren!“ Eben deshalb will ja Kasperl nicht dorthin, weil sich dort immer so viele Kinder tummeln, dass man sich immer ewig anstellen muss, bis man wieder an die Reihe kommt. Außerdem ist die Abfahrt auf der Wiese bis zum Waldrand viel zu schmal und unheimlich steil. Kasperl rät ihr davon ab, weil die Strecke für Mädchen zu gefährlich ist. Aber auch diesmal ist die Prinzessin nicht davon abzuhalten, die Waldwiese anzusteuern. Obwohl ihr Kasperl mühsam versucht zu erklären, dass sie auf diesem Hang feste Kleidung und einen Helm tragen müsste. Doch Miriam hört nicht auf seine Warnungen, drängelt sich zwischen einfach zwischen die vielen Kinder durch und setzt sich auf ihren Schlitten. „Los, Kasperl“, fordert sie ihn auf, „mal sehen, wer von uns Beiden als erstes unten ankommt!“ Und schon saust sie auf ihrem Schlitten den steilen Berg hinab. Kasperl ruft ihr noch nach: „Pass auf, Miriam, wo du hinfährst! – Und pass auf dein Kleid auf!“ Doch die Prinzessin hört das schon gar nicht mehr! – Kasperl hofft nur, dass ihre Fahrt ein gutes Ende nimmt! – Wie mit Vollgas rast Miriam den Berg hinunter, ohne zu bremsen und ohne Rücksicht rutscht sie mit ihrem Schlitten zwischen den vielen anderen Schlitten- und Skifahrern hindurch und überholt einen nach dem anderen. Ihr goldenes Kleid weht im Fahrtwind von links nach rechts, so dass die wilde Fahrerin kaum zu übersehen ist. Vielen auf der Piste bleibt nichts anderes übrig, als im letzten Moment schimpfend auf die Seite zu springen, um ein Unglück zu verhindern. Auch Seppl, der ihr mit seinem Schlitten gerade noch ausweichen kann, ruft ihr entsetzt zu: „Langsam, Prinzessin Miriam, du steuerst ja voll auf das große Gebüsch zu!“ Tatsächlich, Miriam sieht jetzt das Gebüsch auch immer näher kommen. Doch ihr Schlitten hat mittlerweilen soviel Fahrt aufgenommen, dass sie ihn nicht mehr bremsen kann. Sie versucht ihren Schlitten um das Gebüsch herum zu lenken, doch er lässt sich nicht mehr steuern. Woran liegt denn das? – Oje, ihr Kleid ist unter die Kufen geraten. Die Fahrtrichtung lässt sich nicht mehr korrigieren. Ihre Fahrt wird zur richtigen Rutschpartie, auf die sie keinen Einfluss mehr hat. Wie soll sie nur dem Gebüsch ausweichen? – „Lass dich einfach mit dem Schlitten umfallen!“, schreit Seppl ganz aufgeregt, sonst landest du im Gestrüpp!“ – Zu spät! – Es raschelt, Äste knacken, Schnee staubt und Miriam steckt mit ihrem Schlitten kopfüber im Gebüsch! – So hat ihre wilde Rennfahrt wenigstens ein Ende gefunden, allerdings kein Gutes! – Kasperl kommt kurz danach angefahren und bremst seinen Schlitten hinter der Unfallstelle ab. Trotz allem gilt seine erste Sorge dem Wohl der Prinzessin: „Hast du dich verletzt, Prinzessin Miriam? – Geht es dir gut?“, fragt er sie. Ein Glück, die Prinzessin antwortet und meint, es sei ihr nichts passiert. Nur kommt sie aus dem Gebüsch nicht mehr alleine heraus, weil sich ihr Kleid in den Zweigen verhakt hat. Vorsichtig hebt Kasperl von der Prinzessin herunter, drückt die Äste zur Seite, löst das Kleid von den Zweigspitzen und zieht dann Miriam behutsam aus ihrer Falle. Völlig betroffen und kreidebleich steht die Prinzessin nun neben ihrer Unfallstelle, doch ihre ersten Worte gelten ihrer eigenen, unmajestätischen Erscheinung: „Ach, du meine Güte, wie sehe ich aus? – Ich bin ja voll Schnee und mein goldenes Kleid ist total zerrissen!“ Kasperl beruhigt sie erst einmal und versucht sie zu überzeugen, dass das wohl nebensächlich ist. Das Wichtigste ist doch, dass sie sich nicht verletzt hat. Außer ein paar Kratzern im Gesicht hat sie zum Glück keinen Schaden davon getragen. Mit etwas Salbe und Puder wird das ihr Hofarzt schon wieder heilen können. Ihr zerfetztes Kleid ist aber sicher nicht mehr zu retten. Miriam stehen schon die Tränen in den Augen und sie fängt zu schluchzen an.
In diesem Moment wird plötzlich der ganze Hang in ein dunkles, blaues Licht gehüllt und eine geheimnisvolle Melodie erklingt. – Was ist denn nun los? – Nanu, da ist auch eine tiefe, männliche Stimme: „Warte Prinzessin Miriam, ich werde dir helfen!“ Kasperl schaut um sich und erkennt in einer Nebelwolke den Schneekönig. Dieser verrät ihnen, dass er die Prinzessin schon die ganze Zeit beobachtet hat. Er traute seinen Augen nicht, als er die Prinzessin so unvernünftig erlebte, wie sie nur im Prinzessinnenkleid mit dem Schlitten fuhr. Zur Entschuldigung brachte Miriam nur, dass sie halt schön aussehen wollte. Der Schneekönig belehrte sie, dass sie besser auf Kasperl hätte hören sollen. Mit mahnendem Tonfall wies er sie für die Zukunft darauf hin, dass man zum Schlitten- und Skifahren immer die passende Kleidung und für die eigene Sicherheit auch einen Helm braucht, sonst können solche Unfälle schlimm enden. Kasperl hatte das ja von vorneherein schon vorgeschlagen, denn so ist die Prinzessin mit ihrem langen Kleid unter die Kufen des Schlittens geraten und konnte ihn nicht mehr lenken. Das Gebüsch hat sie nur davor gerettet, dass sie nicht mit voller Wucht gegen einen Baum geprallt ist. Miriam sieht das nach ihrer unfreiwilligen Landung ein und verspricht ab jetzt immer nur gut gepolstert und mit Schneeanzug zum Schlittenfahren zu gehen. Da sie offensichtlich aus ihrer gefährlichen Rutschpartie gelernt hat und damit sie nicht wegen ihrem zerrissenen Kleid von den anderen Kindern ausgelacht wird, will der Schneekönig sein Versprechen einlösen und ihr helfen. Das erledigt er mit einem geheimnisvollen Zauberspruch:
„Prinzessins Kleiderfetzen werdet auf der Stell,
zu einem Schneeanzug ganz schnell!“
Es wird kurz dunkel, während dessen ein mächtiger Donner grollt. Als es wieder hell wird, ist der Schneekönig wieder verschwunden und Miriam steckt in einem leuchtendem, rosafarbenem, dicken Schneeanzug und hat einen Sicherheitshelm auf dem Kopf. „Danke, lieber Schneekönig!“, ruft sie unter dem Helm hervor und hofft, er kann sie noch hören. Sie freut sich über ihre sichere und warme Wintersportbekleidung und bittet Kasperle, mit ihr noch ein paar Mal die schräge Waldwiese hinab zu rodeln, bis es dunkel wird.
Kasperl will das nun gerne mit ihr machen, denn nun ist Miriam ja gut gerüstet.
Ihr, liebe Kinder tragt beim Schlitten- oder Skifahren hoffentlich auch immer einen Sicherheitshelm und schlupft in einen gepolsterten Schneeanzug. Und denkt daran, bei Eueren Fahrten immer Rücksicht auf die anderen zu nehmen. Denn die Freuden des Winters sollen für Euch nicht zu einer gefährlichen Rutschpartie werden.
Ihr werdet heute Abend bestimmt in keinen Schneeanzug mehr sondern unter Euere Bettdecke schlüpfen.
Vielleicht schneit es heute Nacht noch einmal tüchtig, dann könnt Ihr morgen wieder viel Spaß beim Schlittenfahren im Pulverschnee haben.
Aber jetzt wird erst einmal geschlafen!
Eine gute Nacht wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!
Wolfgang Herrnleben (GAP, 2009)






