Rückkehr der Störche

Der Winter dauert heuer schon sehr lange und überall im Land sehnen sich Menschen und Tiere nach dem Frühling und wärmere Temperaturen. Auch die Blümchen wollen ihre Knospen aus der Erde in die Sonne strecken, doch viele Wiesen sind noch mit Schneedecken und Eisflächen überzogen. Viele Vögel, die im Herbst in den warmen Süden geflogen sind, haben sich schon wieder auf den Weg zurück in ihre Heimat gemacht. Sie hatten das Gefühl, lange genug in der Ferne gewesen zu sein. Einige von ihnen sind schon wieder da und man hört am Morgen ihr fröhliches Gezwitscher in Gärten und Wäldern. Auch die ersten Störche sind schon wieder hier gesehen worden.
Als das Storchenpaar Udo und Lisa bemerkt, dass schon viele ihrer Artgenossen das warme Afrika verlassen hat, macht es sich auch auf den Weg und fliegt wieder zurück, um sich ein schönes Nest zu suchen. Da Udo und Lisa möglichst schnell wieder daheim sein wollen, fliegen sie schon seit Tagen fast ohne Pause immer Richtung Norden. Während das Storchenmännchen Udo mit raschem Tempo voraus fliegt, kommt sein Storchenweibchen Lisa kaum mehr hinterher. Lisa ruft ihm zu: „Flieg doch etwas langsamer, Udo! Ich kann bald nicht mehr! Mir geht bald die Puste aus!“ Udo klappert mit seinem langen Schnabel und macht seinem Weibchen Mut. Denn nach seiner Meinung müssten sie es bald geschafft haben. Er ist sich sicher, dass es nicht mehr weit sein kann. Lisa freut sich jedenfalls schon darauf, wenn sie wieder in einem Storchennest sitzen und ihre Flügel ausruhen kann. Udo klappert wieder mit seinem Schnabel und wundert sich über das Gejammer seiner Storchenfrau, denn der Weg aus Afrika zurück, war heuer auch nicht länger als alle Jahre bisher. Doch Lisa findet, dass sie unterwegs viele stürmischen Winde passieren mussten, die sie sehr geschwächt haben. Außerdem sind ihre Flügel vom vielen Regen nass und schwer geworden. Endlich haben sie ihr Ziel vor Augen! – Udo entdeckt schon von oben das Dach von Kasperls Haus. Nun sind sie wieder in ihrer Heimat und müssen sich nur noch ein passendes Nest suchen. Da entdeckt Lisa einen hohen Turm mit einem großen leeren Nest. Damit die lange Reise endlich ein Ende hat, schlägt sie Udo vor, doch gleich in dieses unbewohnte Nest einzuziehen. Udo fliegt in einem Kreis um das Nest herum und entscheidet, dass sie gleich dort einziehen werden. Sie fliegen nach unten und landen in dem weichen Nest. Völlig erschöpft will Lisa erst einmal darin schlafen und sich erholen. Udo will aber noch nicht schlafen. Er hat mächtigen Hunger und will noch einmal los fliegen, um etwas Futter zu besorgen. Kaum ist er vom Nest gestartet, da ruft Lisa: „Hilfe, hilfe! Udo! Bleib hier!“ Udo kehrt wieder um und sieht, dass von unten zwei riesige Hände nach seiner Lisa greifen.  Er wundert sich darüber, wo diese Riesenhände herkommen, die sein Frauchen festhalten. „Was ist denn das für ein seltsames Nest?“, ruft er seiner Lisa zu. Er würde seiner Frau gern selbst zu Hilfe kommen, aber das Risiko ist ihm zu groß, dass ihn diese übergroßen Hände auch gefangen nehmen. Deshalb will er noch einmal zurück zum Ort fliegen und Kasperle zu Hilfe holen. Fest umklammert von den kräftigen Riesenhänden ruft ihm Lisa ängstlich nach: „Schnell Udo, beeil dich bitte!“
Mit schnellen Flügelschlägen macht sich Udo auf den Weg durch die Luft. In Windeseile erreicht er das Haus vom Kasperl. Dort zieht er seine Kreise um das Haus, klappert dabei laut mit seinem Schnabel und ruft: „Kasperle! Kasperle!“ Es dauert nicht lange, da erreicht sein Alarm Kasperls Ohren. Dieser eilt hinaus in den Garten und begrüßt Udo voller Freude darüber, dass er aus seinem Winterurlaub in Afrika wieder gut zurückgekommen ist. Dann schaut sich Kasperle um, denn er vermisst die Storchenfrau Lisa. Udo erzählt ihm aufgeregt von dem leeren Nest und den geheimnisvollen Händen, die von unten erschienen sind und Lisa nicht mehr loslassen. Kasperl kann sich gar nicht erklären, was das wohl für ein komisches Nest sein könnte. Das hat ihn natürlich neugierig gemacht und er will es sich selbst ansehen. Damit er zusammen mit Udo der Storchenfrau möglichst schnell zu Hilfe kommen kann, schlägt Udo vor, ihn dorthin zu fliegen. Mutig steigt Kasperl auf den Rücken des Storchenmännchens. „Hähähä“, lacht er dabei, „mein erster Flug mit der Storchenhansa, hähä!“ Udo breitet seine Flügel aus und fordert Kasperle auf: „Bitte festhalten und das Quatschen einstellen! Ich starte!“ Udo fliegt auch mit der Last auf seinem Rücken mit einer Riesengeschwindigkeit zurück zu dem seltsamen Nest. Kasperl bläst der Wind ganz schön um die Nase und es weht ihm dabei fast die Zipfelmütze vom Kopf. In Rekordzeit erreichen sie das Nest auf dem Turm. Lisa wird in dem Nest schon ganz ungeduldig: „Udo, wo bleibst ihr denn? Befreit mich bitte endlich aus dem festen Griff dieser Hände!“ Als sich Kasperle den Turm mit dem Nest aus der Luft sieht, muss er so heftig lachen, dass er beinahe vom Rücken des Storches gefallen wäre: „Hähähähä, ja sagt einmal, habt ihr denn nicht gemerkt, worauf ihr gelandet seid, hähä?“ Er zeigt Udo, dass dies doch kein normaler Turm mit einem Storchennest, sondern der Riese Turmgroß ist. Ganz erschrocken wird es dann auch Lisa klar, dass sie die Struppelhaare des Riesen mit einem Nest verwechselt haben. Mit tiefer Stimme versichert ihnen der Riese, dass sie vor ihm keine Angst haben müssen. Er ist nämlich ein guter Riese, der schon lange im Märchenland lebt. Er wollte der Storchenfrau kein Leid antun. Er hat sie nur festgehalten, damit sie von seinem Kopf nicht abrutscht und hinunterfällt. Aber trotzdem wäre es ihm lieber, sie würde seinen Kopf wieder verlassen, denn die Krallen ihrer Füße werden für seine Kopfhaut so langsam etwas unangenehm. Aber, wo finden die Störche heute Abend noch ein neues Nest, damit sie nach dem anstrengenden Flug endlich schlafen können. Da fällt Kasperl ein, dass er letztes Jahr mit dem Diener Sebastian auf dem Dach vom Königsschloss ein Storchennest angebracht hat. Bisher ist dort noch kein Storchenpaar eingezogen und Prinzessin Kathrin freut sich bestimmt darüber, wenn das Nest endlich Bewohner hat. Kasperle zeigt ihnen den Weg zum Königsschloss und nachdem sich das Storchenpaar bedankt hat, fliegt es in Richtung Königsschloss zu ihrem neuen Zuhause ab. Der Riese ist auch froh, dass sich keine Vögel mehr in seinen Haaren tummeln.
Ihr, liebe Kinder, seid sicher auch schon alle Zuhause und seid müde, auch wenn ihr keinen Flug von Afrika hinter Euch habt.
Nun macht schön Heia und guckt morgen auch einmal hinauf auf Dächer oder Türme, ob ihr vielleicht auch schon die ersten Störche nach dem langen Winter entdeckt.
Aber nun schlaft erst einmal gut und träumt was Schönes.
Eine gute Nacht wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!

Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2010)