Sandmännchen und die falschen Eier

Ihr, liebe Kinder, liegt sicher alle schon in Eueren Bettchen und wartet auf das Sandmännchen? – Gretel drängt Kasperl und Seppl auch, sich endlich schlafen zu legen, sonst kommen sie morgen Früh wieder nicht aus den Federn und verschlafen das halbe Wochenende. Kasperl ist schon bereit fürs Bett, hat schon seinen Schlafanzug an und seine Zähne ordentlich geputzt. – Seppl aber hat wieder einmal noch keine Lust ins Bett zu gehen und motzt: „Warum soll ich denn schon ins Bett? – Es ist doch noch viel zu bald! – Jetzt, wo es am Abend noch so hell ist, kann ich doch nicht schlafen!“ – Kasperl meint, er wird schon schlafen können, wenn das Sandmännchen da war. Das kann ihm aber den Schlafsand nur in die Augen streuen, wenn er auch rechtzeitig im Bett liegt, bevor es kommt. Seppl hat aber keine Lust, sich zu beeilen und trödelt immer noch herum. Dann spricht Gretel ein Machtwort und droht ihm, in morgen Früh spätestens um acht Uhr die Bettdecke wegzuziehen, auch wenn er dann noch müde ist. Schließlich wollen sie ja morgen der Großmutti bei den Hausarbeiten helfen, wenn sie schon keine Schule haben. Während sich Kasperl schon bis zur Nasenspitze zugedeckt hat, macht sich dann Seppl doch endlich mürrisch wie immer auf den Weg in sein Zimmer: „Also gut, Ihr Schlafkappen! Da bleibt mir wohl auch nichts anderes übrig als ins Bett zu gehen! Gute Nacht!“
Kaum sind die drei endlich alle in ihren Betten, da nähert sich schon das kleine Sandmännchen, um Kasperl, Gretel und Seppl seinen Schlafsand in die Augen zu streuen. Nur plagt das kleine Sandmännchen ein starkes Hungergefühl. Sein Magen knurrt, dass man ihn weit hören kann. Doch was soll es machen? – Erst muss es seinen Schlafsand verstreuen, bevor es wieder nachhause kann, um etwas zu Essen. – Ob es das solange aushält? – Da fällt ihm ein, dass ihm Kasperle bestimmt etwas für seinen hungrigen Magen gibt! – Ja, Kasperle hat sicher etwas zum Futtern, damit es durchhält, bis es mit seiner abendlichen Tour fertig ist.
Das kleine Sandmännchen weiß ja genau, hinter welchem Fenster sich das Zimmer von Kasperl befindet. Zaghaft klopft es an und ruft: „Kasperl! Kasperl! Mach doch bitte einmal dein Fenster auf!“
Zum Glück ist Kasperle noch nicht eingeschlafen, kriecht noch einmal aus seinem Bett und öffnet das Fenster. „Ja, halli-hallo, Sandmännchen, was ist denn los? – Warum holst du mich aus meiner Kasperl-Heia?“ – Das kleine Sandmännchen entschuldigt sich erst bei Kasperl für die Störung und fragt ihn, ob er nicht eine Kleinigkeit zum Essen übrig hat. Dann bittet es Kasperle, mal ganz still zu sein und zu horchen. – Tatsächlich! – Da hört Kasperle, wie fürchterlich laut der kleine Magen des Sandmännchens vor Hunger knurrt. Kasperl wundert sich, wie das sein kann und erkundigt sich beim Sandmännchen, ob es denn heute noch nichts zum Essen bekommen hat. – Da gesteht ihm das kleine Sandmännchen, dass es sicher etwas von Mama Sandmann bekommen hätte. Aber als es sich vom großen Traumsandberg aus auf den Weg gemacht hat, hatte es noch kein bisschen Hunger. Sein Magen begann erst unterwegs zu knurren. Doch nun hat es noch einen weiten Weg vor sich und es dauert noch lange, bis es wieder daheim ist und sein Abendbrot bekommt.
Natürlich will Kasperle da schnell freundschaftlich helfen. Er bittet das kleine Sandmännchen erst einmal durch das Fenster in sein Zimmer zu springen. Dann schließt er aber das Fenster schnell wieder, damit der kalte Wind nicht dauernd hinein bläst. Denn inzwischen ist es wegen dem offenen Fenster in seinem Zimmer schon eiskalt geworden. Er zieht es deshalb vor, schnell wieder in sein warmes Bett zu schlupfen, um seine kalt gewordenen Füße wieder zu wärmen. Dem Sandmännchen erlaubt er, doch einfach in die Küche zu gehen und sich dort etwas zu stärken. Vom Abendessen sind nämlich noch ein paar Eier, Brot und Butter übrig. Damit kann es seinen Hunger erst einmal stillen. Kasperl bittet das Sandmännchen nur, nicht zu vergessen, der Gretel, dem Seppl und ihm noch seinen Traumsand in die Augen zu streuen, bevor es das Haus wieder verlässt, damit sie auch gut schlafen und was Schönes träumen können. Das Sandmännchen verspricht Kasperl, seine eigentliche Aufgabe bestimmt nicht zu vergessen und bedankt sich schon einmal im Voraus für die Stärkung.
Dann marschiert es in die Küche und freut sich schon darauf, endlich etwas in seinen hungrigen Magen zu bekommen. Vor allem freut es sich auf die Eier, denn die isst es besonders gerne. Als es in der Küche angekommen ist, schaut es sich um und sucht gleich nach den Eiern. – „Ah, da sind sie ja!“, stellt es freudig fest. Es wundert sich nur, warum Großmutter die Eier an einen kleinen Baum gehängt hat, der in einer Vase steht. – Die Eier gefallen ihm sogar ganz besonders, weil sie auch noch schon appetitlich bunt angemalt sind. – Na, die schmecken ihm dann bestimmt umso besser! – Sofort pflückt es ein Ei von dem Strauch, klopft es auf, um es zu probieren. Es klopft die Schale auf der Tischkante auf – aber – nanu!?! – Da ist ja gar nichts drin! – Dann pflückt es das nächste, klopft es wieder auf, dann noch eines und noch eines…….. doch, was sind denn das für Eier? – Alle Eier sind ja hohl und es ist nur Luft drin! – In keinem Ei ist Eiweiß oder ein Eidotter! – Das einzige, was nun vor dem Sandmännchen auf der Tischplatte liegt, sind lauter kaputte, bunte Eierschalen! – Wie soll es von der Luft in den Eiern satt werden? – Mit den Eiern muss etwas nicht stimmen! – Vielleicht weiß Kasperle, was mit den Eiern passiert ist! – Deshalb öffnet es die Küchentür und ruft seinen Freund Kasperle her: „Kasperle! Kasperle! Komm doch bitte einmal schnell her in die Küche!“
Kasperl hört das Rufen und springt doch noch einmal aus seinem Bett. Er vermutet, dass das kleine Sandmännchen zu den hart gekochten Eiern auch etwas zum Trinken benötigt, um sie hinunter zu spülen. Doch das kleine Sandmännchen hat keinen Durst bekommen. Es steht neben einem Berg Eierschalen, die auf dem Tisch liegen. Wie soll es denn von den Eiern satt werden, wenn sie alle hohl sind! – Als Kasperle das enttäuschte Gesicht vom Sandmännchen sieht, muss er erst einmal herzhaft lachen: „Hähähähä, aber kleines Sandmännchen,  d i e   Eier hab ich doch nicht gemeint! – Hähä, du hast ja die ausgeblasenen Eier von unserem Osterstrauß genommen, hähä! Da ist freilich nichts mehr drin!“ Das Sandmännchen wundert sich, warum sie an ihren Osterstrauß nur leere Eier hin hängen. Kasperle erklärt ihm, dass man doch volle Eier nicht an einen Osterstrauß hängen kann. Die wären doch viel zu schwer und würden doch nur die Äste nach unten ziehen. Aber dann zeigt er dem Sandmännchen, in einer Schüssel die flüssige Eiermasse, die sie heute Nachmittag aus den Eiern hinaus geblasen haben. Kasperl erhitzt eine Pfanne, tut etwas Butter und die Eiermasse hinein und macht dem kleinen Sandmännchen eine tüchtige Portion Rührei. Darüber freut sich das Sandmännchen ganz besonders, denn Rührei ist seine Leibspeise. Ruckzuck gabelt es das Rührei aus der Pfanne, isst drei Scheiben Butterbrot dazu und trinkt noch ein Glas Limonade hinterher. – Ja, jetzt gibt sein kleiner Magen wieder Ruhe, es fühlt sich wieder wohl und kräftig genug, um seinen Weg durch die Nacht fortzusetzen.
Es bedankt sich bei Kasperl, der sich gleich wieder in sein Bett legt. Dann streut es – wie versprochen – Kasperl, Gretel und Seppl seinen Traumsand in die Augen und geht frisch gestärkt weiter zu den anderen Kindern.
Ja, liebe Kinder, bestimmt dauert es nicht mehr lange und das Sandmännchen wird auch Euch besuchen.
Drum husch-husch ins Bett und schnell schlafen! -  Dann wird auch das Sandmännchen zu Euch kommen und Euch seinen Traumsand in die Augen streuen, damit ihr gut schlafen könnt und etwas Schönes träumt.
Vielleicht erinnert Ihr Euch morgen Früh doch daran, was Ihr für einen tollen Traum hattet…

Eine gute Nacht und ein schönes Wochenende wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!

Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2010)