Der Herbst rückt immer näher und das bedeutet, dass die Tage immer kürzer und die Nächte dafür immer länger werden. Vorbei ist die Zeit, wo man noch viele Abendstunden bei genügend natürlichem Licht und sommerlichen Abendtemperaturen im Garten oder auf der Terrasse verbringen konnte. Auch auf den Straßen findet man nach der Abendbrotzeit keine spielenden Kinder mehr. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als sich eine Beschäftigung oder einen Zeitvertreib im Haus zu suchen. Einige Kinder spielen oder basteln noch, andere malen, lesen oder hören Radio. – Und dann gibt es Kinder, denen in ihrer Freizeit nichts Besseres einfällt, als stundenlang Fernseh zu gucken.
Zu den Kindern gehört auch Kasperls Freund, der Seppl. Schon viele Stunden sitzt er im Wohnzimmer und schaut nur gebannt in den Fernsehapparat, dass er davon schon bald viereckige Augen bekommt. Dabei hat er total vergessen, dass es eigentlich schon längst Zeit zum Schlafengehen ist.
Doch Eine vergisst das nicht: die pflichtbewusste und aufmerksame Gretel. Kasperl hat sie schon dazu bewegen können, sich zu waschen, Zähne zu putzen und in seinen Schlafanzug zu schlupfen. Nun muss sie nur noch dem Seppl Beine machen. Sie braucht nicht lange zu suchen, denn sie ahnt ja schon, wo sie ihn findet.
Als sie die Wohnzimmertür öffnet, kann sie es kaum fassen. Seppl scheint im Wohnzimmer alleine eine Fernsehparty zu feiern. Er lümmelt fast liegend im Sessel, die Füße auf dem Tisch, in der linken Hand eine große Limoflasche, in der rechten Hand eine Tüte Knabberzeug und der Fernseher dröhnt so laut, dass die ganze Nachbarschaft mithören kann. Gretel ist entsetzt und brüllt Seppl an: „Los, Seppl, Füße vom Tisch, Fernseher aus und ab in Bett!“ Durch das Geschrei von Gretel ist Kasperl in seinem Zimmer aufgeschreckt und steigt noch mal aus seinem Bett. Als er das Wohnzimmer betritt, muss er erst einmal herzhaft lachen: „Hähähähä, hier herinnen kommt man sich ja vor wie in einem Wester-Saloon, hähä.“ Doch Seppl lässt sich durch die Beiden nicht beeindrucken und bleibt gelassen im Sessel sitzen: „Was wollt Ihr denn? Ich guck doch bloß Fernsehen!“ Gretel aber läuft zum Fernsehapparat und schaltet ihn aus: „Nix gibt’s, Seppl. Für Dich ist jetzt sowieso nichts mehr im Programm! Schau, dass Du ins Bett hüpfst, sonst hast Du morgen wieder nicht ausgeschlafen!“ Mürrisch bequemt sich Seppl langsam aus seiner gemütlichen Sitzposition und meint: „Was soll ich denn im Bett? Ich kann sowieso keine Nacht schlafen!“ Gretel möchte nun wissen, was er sich denn nun wohl wieder für eine Ausrede hat einfallen lassen. Auch Kasperl interessiert es, warum ausgerechnet er nicht schlafen kann. Seppl behauptet, er hört in den letzten Nächten immer so seltsame Geräusche, wenn er im Bett liegt. Davon bekäme er immer solche Angst, dass er nicht schlafen kann. Er will Kasperl und Gretel einreden, dass Gespenster im Haus sein müssen, die jede Nacht herum spuken. Gretel glaubt, jetzt spinnt er ganz und gar. Kasperl erklärt ihm, dass er bisher nachts noch nie etwas gehört hat und es doch außerdem überhaupt keine Gespenster gibt. Also braucht er auch keine Angst zu haben und soll endlich ins Bett. Seppl gibt aber nicht nach. Und will nur ins Bett gehen, wenn Kasperl heute Nacht bei ihm im Zimmer schläft. Kasperl muss zwar erst über den Angsthasen lachen, aber verspricht ihm heute Nacht ausnahmsweise auf der Luftmatratze in Seppls Zimmer zu übernachten. „Hähä, Seppl, und wenn Dein Gespenst kommt, dann sag ich zu ihm Grüß Gott und werde mit ihm einen Geistertanz machen, hähä! Vielleicht ist es dann zufrieden und gibt Ruhe, hähä!“ Seppl ist allerdings gar nicht zum Lachen zu mute: „Lach nicht so dumm, du alberner Kasperl! Es spuken nachts wirklich Gespenster im Haus herum!“ Gretel will nicht mehr länger mit den Beiden herum diskutieren und schickt sie endlich in die Federn. Aber sie warnt die zwei Schlingel, bloß nicht auf die Idee zu kommen und selbst Gespenster zu spielen, um sie zu erschrecken.
Kasperl bläst seine Luftmatratze auf, holt sein Bettzeug und legt sich neben Seppls Bett auf den Boden. Als er das Licht löscht, fängt Seppl schon wieder das Jammern an: „Lass doch das Licht an, Kasperl! Wenn’s dunkel ist, kommen doch die Gespenster!“ Kasperl meint, er soll jetzt endlich still sein, denn er ist müde. Wenn sich Seppls Gespenster melden, soll er ihn halt einfach wecken. Kaum gesagt, dreht sich Kasperl zur Seite, schläft ein und schnarcht. Seppl rüttelt ihn und bittet ihn, doch nicht zu schlafen. Zudem kommen die Gespenster heute Nacht bestimmt nicht, wenn Kasperl so laut schnarcht. Davon haben sie sicher selber Angst und bleiben in ihrem Versteck. Doch Kasperl ist nicht mehr wach zu kriegen, so tief und fest schläft er neben dem Seppl. Nur Seppl schläft nicht. Er liegt ängstlich im Bett und lauscht nur, ob etwas von den Gespenstern zu hören ist. – Doch nichts tut sich! – „Typisch“, denkt sich Seppl, „kaum ist der Kasperl bei ihm, rühren sich die Gespenster nicht! Oder kann er sie nur nicht hören, weil Kasperl so laut schnarcht?“ – Doch da! – Was ist das? – Seppl meint, er hört was Quietschen und Flattern! – Da müssen die Geister sein! – Wieder rüttelt er an Kasperl herum, bis dieser endlich aufwacht. „ Kasperl, wach doch auf und horch mal genau! Die Gespenster sind wieder da!“ Schlaftrunken murmelt Kasperl nur: „Wo sollen sie denn sein, Seppl? – Ich seh keine Gespenster!“ Seppl flüstert ihm zu, dass sie auch nicht hier im Zimmer sind. Er glaubt, sie spuken auf dem Dachboden herum. Jetzt, wo Kasperl schon mal wach ist, schlägt er Seppl vor, dass sie halt einfach einmal auf den Dachboden steigen und nach dem Rechten sehen. Seppl aber hat Angst und verkriecht sich unter seiner Bettdecke. Aber Kasperl zieht ihm die Bettdecke weg und zieht seinen Freund hinter sich her. Langsam und leise steigen sie die Treppenstiegen zum Dachboden hinauf. Seppl schlottert vor Angst am ganzen Körper und meint: „Ooooooh, Kasperl, muss ich wirklich mit? – Mir rutscht vor Angst gleich mein Herz in den linken Hausschuh! Ooohh!“ – Als sie die alte, knarrende Holztür öffnen, ist tatsächlich ein wildes Durcheinanderflattern und –quieschen zu hören. „Kasperl, was – was sind denn das für Gespenster?“, fragt Seppl leise. Kasperl weiß es auch nicht und knipst einfach einmal das Licht an. – Ja, und was müssen die Beiden sehen? – Gespenster? – Nein! – Es sind nur Fledermäuse.
Seppl will den Förster rufen, der diese Geistervögel abschießen soll! – Doch Kasperl hält ihn zurück und meint er spinnt wohl. Dann erklärt er ihm, dass Fledermäuse doch nützliche Tiere sind, denn sie ernähren sich von allen Insekten. Und den Menschen tun sie garantiert überhaupt nichts. Seppl möchte aber trotzdem, dass Kasperl alle Fenster aufmacht und die Fledermäuse hinausjagt, weil er Angst vor ihnen hat. Kasperl aber lehnt das ab. Wozu soll er sie denn verjagen? – Sie haben halt den Dachboden für ihren Winterschlaf ausgesucht und bereiten sich darauf vor. Deshalb lassen sie die Tierchen jetzt in Ruhe und gehen wieder zurück in ihr Zimmer. Seppl kann ab jetzt doch beruhigt schlafen, weil die nächtlichen Geräusche nur von Fledermäusen und nicht von Gespenstern kommen.
Ihr, liebe Kinder wisst ja auch alle, dass es gar keine Gespenster gibt und braucht Euch auch nicht davor zu fürchten. Und wenn Ihr doch einmal seltsame Geräusche hört, dann bittet Eueren Papa einmal nachzusehen. Bestimmt ist es nur etwas ganz Harmloses. – Vielleicht auch nur Fledermäuse oder klappernde Fensterläden oder der Wind, der durch die Äste an den Bäumen bläst oder was ganz anderes ………..- aber bestimmt nix Schlimmes und schon gar keine Gespenster! –
So, wie für Kasperl und Seppl, wird es nun für Euch auch Zeit, ins Bett zu gehen. Macht die Äuglein zu und schlaft schnell ein, dann können Euch keine Geräusche stören.
Die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl wünschen Euch eine gute Nacht!
Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2009)






