Seit ein paar Tagen ist die diesjährige Faschingszeit wieder vorüber. Man sieht keine maskierten Menschen mehr, aus den Ballsälen dröhnt keine laute Musik mehr und das Konfetti sowie die Luftschlangen, die als letzte Zeugen des Faschingszuges auf den Straßen lagen, sind mittlerweile restlos weggeräumt. Wenn die Faschingsferien noch zu Ende gehen, kehrt auch überall wieder das normale Leben ein. Zumindest einmal für ungefähr sechs Wochen. Denn dann ist schon wieder Ostern. – Und wie nennt man die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern? – Genau, das ist die Fastenzeit! – Fast jeder Mensch nimmt sich für die Fastenzeit etwas anderes vor, worauf er verzichten möchte: Weniger trinken, kein Fleisch essen, nicht rauchen, nicht naschen und vieles mehr! – Auf alle Fälle finden ab Aschermittwoch keine Faschingsbälle mehr statt.
Ruhig ist es seit Faschingsende geworden, auch im Haus beim Bamberger Kasperl, seiner Großmutter, der Gretel und dem Seppl. – Oder doch nicht? – Irgendetwas knurrt und rumort plötzlich so laut, dass Gretel direkt zusammen zuckt: „Was knurrt denn da wie ein Löwe? – Da – da krieg ich ja direkt Angst!“ – Aber ein Löwe kann es nicht sein. Wo sollte er auch herkommen? Da meldet sich der Seppl: „Das – das war mein Magen!“ Gretel kann es gar nicht glauben, dass Seppls Magen schon wieder vor Hunger knurrt. Er hat doch erst vor einer halben Stunde fünf belegte Käsebrote gegessen. Seppls Magen schreit auch nicht nach Brot. Zumindest will er das der Gretel weismachen. „Nönö, Brothunger hat mein Magen nicht mehr!“ Gretel muss lachen, denn sie ahnt schon, welchen Hunger Seppl noch verspürt. Seppl hat nur noch Naschhunger und leidet angeblich unter Zuckermangel. Aber Gretel erinnert Seppl daran, dass sie doch beschlossen haben, während der Fastenzeit nichts zu naschen und auf alle Süßigkeiten zu verzichten. Seppl jammert herzzerreißend und bittelt und bettelt solange, bis es die Gretel nicht mehr hören kann. Ausnahmsweise gibt sie noch einmal nach. Zufällig sind in einer Blechdose noch ein paar Schokoladenplätzchen, die sie auf dem Küchenschrank versteckt hat. Gretel holt die Dose herunter und gibt Seppl großzügig ein Plätzchen. Etwas enttäuscht hält Seppl das eine Plätzchen in der Hand und schaut Gretel mit sehnsüchtigem Blick an. Aber das nützt bei Gretel nichts. Mehr als ein Schokoladenplätzchen gibt es nicht. Gretel meint, er soll froh sein, dass sie überhaupt nachgegeben hat. Und das war in der Fastenzeit das erste und letzte Mal. Kasperl und sie können sich bis Ostern ja auch beherrschen und so, wie sie den Seppl kennt, wird er über die Osterfeiertage bestimmt schnell wieder alles nachgeholt haben. Doch Seppl will das nicht einsehen. Und obwohl er noch vor ein paar Minuten so gierig auf Süßigkeiten war, steckt er das Plätzchen nun nicht gleich in den Mund, um es zu essen. Er hält es fest in seiner Hand und schimpft noch darüber: „Na schön, Gretel, wenn du mir nicht mehr zum Naschen gibst, dann geh ich zu jemandem, der mir aus dem einen Plätzchen mehr macht!“ Hastig zieht er sich Stiefel, Mantel und Mütze an, rennt zum Haus hinaus und schlägt wütend die Tür hinter sich zu. Gretel ruft ihm nach: „Seppl, so bleib doch hier! – Wo rennt er denn hin? – Seppl, komm sofort wieder zurück!“ – Seppl aber interessieren Gretels Worte nicht das Geringste. Vielleicht hat er sie auch gar nicht mehr gehört, denn in Windeseile war er verschwunden und nicht mehr zu sehen.
Dafür hat Kasperl das Geschrei von der Gretel vernommen und eilt herbei. Er will natürlich wissen, was hier für eine Aufregung war. Erst einmal beichtet ihm Gretel kleinlaut, dass sie gegen ihre Absprache wegen der Fastenzeit verstoßen hat, um Seppls Hunger nach Süßigkeiten zu stillen. Doch dann regt sie sich darüber auf, dass Seppl damit nicht zufrieden war und nun einfach fort gegangen ist. Kasperl vermutet mit einem Grinsen im Gesicht, dass er bestimmt zu Tante Frieda gelaufen ist. Er weiß ja, wie sie ihn immer verwöhnt. Bei der Tante darf er sich den Bauch bestimmt bis zum Überlaufen mit Süßigkeiten voll stopfen. Gretel glaubt das aber eher nicht, denn Seppl wollte zu jemandem gehen, der ihm das eine Plätzchen vermehrt. Kasperl überlegt kurz, wen da Seppl wohl aufsuchen will. Es fällt ihm nur der Zauberer Wurriwarri ein, den Seppl gut kennt und der zu solchen Zauberspäßen immer bereit ist. Kasperl schlupft in seinen Anorak und macht sich gleich auf den Weg zum Zauberer.
Seppl hat in der Zwischenzeit schon einen deutlichen Vorsprung und ist schon fast am Ziel angekommen. Er ist schon im dichten, finsteren Zauberwald, wo er von heftigem Windrauschen und Eulenrufen empfangen wird. Der Zauberer hat auch schon bemerkt, dass sich irgendein Fremdling seinem Zauberschloss nähert. Er steigt die Wendeltreppe in seinen Schlossturm hoch und ruft zum obersten Fenster hinaus:
„Wurri – warri – wackadei,
wer eilt so spät zu mir herbei?“
Seppl steht schon vor der Schlossmauer und antwortet nach oben: „Hallo, Zauberer Wurriwarri, ich bin’s, der Seppl!“ Da erkennt ihn der Zauberer, steigt die Treppe wieder herunter und öffnet Seppl das hölzerne Tor. Verwundert erkundigt er sich, was Seppl zu so später Stunde noch zu ihm führt. Seppls Wunsch ist eigentlich ganz einfach. Er hofft, dass ihm Wurriwarri aus dem einen Schokoladenplätzchen ein paar mehr zaubern kann. Für Wurriwarri ist das kein Problem. Wenn er will, könnte er Hundert daraus machen. Seppl ist ganz begeistert. Na, das wär doch super, hundert Plätzchen! – Das ist ja mehr, als er erwartet hätte. Der Zauberer nimmt das eine Plätzchen, legt es auf den Tisch und breitet sein schwarzes Zaubertuch mit den vielen silbern flimmernden Punkten darüber. Dann hebt er seinen Zauberstab und spricht:
„Wurri – warri – wackadu,
aus eins mach hundert Stück im Nu!“
Im Schloss wird es kurz dunkel, es blitzt und ein mächtiger Donner erschallt. Als der Zauberspuk vorbei ist, kann man schon erahnen, dass sich unter dem Zaubertuch ein ganzer Berg Plätzchen auftürmt. Mit einem Ruck zieht der Magier das Tuch weg. – Nanu! – Da staunen Beide nicht schlecht! – Seppl kann es gar nicht glauben. Statt Hundert Plätzchen kommen hundert trockene Brötchen zum Vorschein. Wurriwarri kann das auch nicht verstehen. So etwas ist ihm noch nie passiert. Er ist sich sicher, beim nächsten Versuch klappt es bestimmt. Er breitet sein Tuch erneut über den Brötchenberg und wiederholt das Zauberritual mit einem neuen Spruch:
„Wurri – warri – wackadaus,
mach hundert Plätzelein daraus!“
Wieder blitzt es und nachdem der Donner verklungen ist, erreicht ein wirres Piepsen ihre Ohren. Zudem zappelt irgendwas unter dem Zaubertuch. Vorsichtig entfernt der Zaubermann wieder das Tuch, wobei es ihm dabei selbst nicht ganz geheuer ist. – Was mag wohl dieses Mal zum Vorschein kommen? – Völlig entrüstet motzt Seppl den Zauberer an: „Ja, was machst du denn für einen Murks? – Jetzt sind hundert Mäuse aus den trockenen Brötchen geworden!“ Wurriwarri kann sich das auch nicht erklären. Hat er seinen Zauberspruch nicht deutlich genug gesprochen? – Oder hat Seppl vielleicht ein schon verhextes Plätzchen mitgebracht, gegen das die Zaubersprüche des Wurriwarri nicht die gewünschte Wirkung erzielen können? – Seppl muss ihm da widersprechen und versichert ihm, dass es ein ganz normales Plätzchen war, das die Großmutter selbst gebacken hat. – Na, was ist dann wohl daran schuld? – Während der Zauberer scharf nachdenkt und überlegt, klopft es kräftig an die Tür: „Hallo, Zauberer Wurriwarri, mach bitte einmal auf! Das Bamberger Kasperle ist hier!“ Der Zauberer bleibt am Tisch stehen und ruft nur: „Komm nur herein, Kasperle! Die Tür ist offen!“ Dabei blickt er weiter ratlos auf die Hundert piepsenden Mäuse. Kasperl macht die Tür au und bleibt erst einmal im Eingang stehen, denn er erblickt – wie erwartet – hier doch tatsächlich seinen Freund Seppl. Dieser schreit ihn ganz aufgeregt an: „Schnell, Kasperl, mach doch die Tür wieder zu!“ – Zu spät! – Die Mäuse sind schon alle vom Tisch herunter gesprungen und zur Tür hinaus ins Freie geflüchtet. „Hähähä, ja hopperla“, lacht Kasperl, „wo kommt denn die große Mäusearmee her?“ – Erbost schimpft der Zauberer, weil Kasperl die Tür solange offen gelassen hat. Kasperl meint logischerweise, da kann er doch nur froh darüber sein, denn so ist er die Mäuseplage wenigstens los. „Quatsch, Kasperl!“, mischt sich nun auch Seppl ein. „Das waren doch keine Mäuse! Das waren doch alles meine Plätzchen!“ Jetzt muss Kasperl noch mehr lachen: „Seppl, du fantasierst! Seit wann können denn Plätzchen laufen, hähähä? Das waren Mäuse!“ Der Zauberer steht erst wie erstarrt da und blickt den Mäusen hinterher. Dann schimpft er wieder und meint, dass er doch nur etwas falsch gemacht haben muss, sonst wären es keine Mäuse, sondern Plätzchen geworden. Seppl ist auch mürrisch und gibt Kasperl die Schuld, weil er jetzt gar kein Plätzchen mehr hat, da sie Kasperl alle davon laufen ließ.
Auch, wenn es für Seppl ein trauriger Moment ist, kann Kasperl doch nur schadenfroh lachen. Er findet, Seppl hätte wie er und Gretel in der Fastenzeit auch ein Opfer bringen müssen und auf Süßigkeiten verzichten sollen. Bei dieser Gelegenheit weist er Seppl darauf hin, dass es auf der Welt Millionen von Kindern gibt, die ihr ganzes Leben nur von Süßigkeiten träumen können oder sie gar nicht kennen. Seppl sieht das ein und verspricht Kasperl, dass er – so wie viele Kinder und großen Leute – nun auch ohne Ausnahme sein Fastenopfer bringen wird. Er ist sich sicher, dass er es locker bis Ostern ohne Naschereien aushalten kann.
Ihr, liebe Kinder, habt euch bestimmt auch alle ein Fastenopfer vorgenommen, gell? – Haltet es aber auch durch! Dann könnt ihr stolz auf euch sein und euere Eltern freuen sich darüber!
Kasperl und Seppl machen sich wieder auf den Heimweg und fallen von diesem abendlichen Ausflug müde in ihr Bett.
Ihr seid bestimmt schon drin und gleich fallen auch euch die Äuglein zu.
Euer Bamberger Kasperl und die Puppenbühne Herrnleben wünschen Euch eine Gute Nacht. Schlaft gut!
© Wolfgang Herrnleben (GAP, 2009)






