Eigentlich ist ja schon lange Winter, doch etwas fehlt von Anfang an: Genügend frischer, weißer Pulverschnee. Bisher war es nur überwiegend eisig kalt und wenn mal etwas Schnee fiel, dann sah es nicht anders aus, als eine Schicht Puderzucker auf Großmuttis Guglhupf. Dabei warten alle Kinder nur darauf, endlich im tiefen Schnee Ski oder Schlitten zu fahren. Natürlich fieberten auch Kasperl und Seppl schon seit Wochen darauf, dass sie endlich ihre Schlitten aus dem Keller holen und damit einem weißen Hügel hinunter sausen zu können.
Diese Woche war es endlich soweit! Nur eine einzige Nacht hat es geschneit! Und gleich soviel, dass alle Straßen, Häuser, Wälder und Wiesen endlich in eine echte märchenhafte Winterlandschaft verwandelt wurden, von der alle Kinder schon seit Wochen träumten.
Mit schnellem Stift erledigen Kasperl und Seppl ihre Hausaufgaben. Dann ziehen sie sich ganz schnell wieder an, schlupfen in ihre Anoraks und Winterstiefel, binden sich die Schals um, ziehen ihre Wollhandschuhe an, setzen die Pudelmützen auf und das in einer Geschwindigkeit, die man bei Beiden noch nie gesehen hat. Mit Windeseile stürmen sie in den Keller und holen ihre Schlitten nach oben. Nun machen sie sich damit auf den Weg, um einen Hügel zu suchen, den sie mit „Hurra!“ hinab rauschen können. Mit viel Vorfreude auf ihre Schlittenpartie ziehen Beide ihre Schlitten aus dem Ort hinaus Richtung Waldrand. Sie sind so gut gelaunt, dass sie dabei gemeinsam ein Liedchen trällern. – Wer es von Euch nachsingen möchte, die Melodie von „Jingle Bells“ ist Euch sicher bekannt? —-
„Es hat g’schneit,
es hat g’schneit,
wie ist das wunderbar.
Da gehen wir zum Schlitten fahr’n,
das ist doch sonnenklar!“
Dabei ziehen Beide fröhlich und gut gelaunt weiter durch den frischen, tiefen Pulverschnee und freuen sich auf ihre erste Schlittenfahrt. Kasperl meint dabei, er hatte Petrus schon in Verdacht, dass er sich im Kalender verblättert und es heuer erst im Sommer schneien lässt. Seppl hält Kasperls Witz für großen Blödsinn und möchte von ihm wissen, wie lange er denn noch durch den Schnee laufen muss, bevor er heuer endlich mit seinem Schlitten den Berg hinunter rauschen kann. Kasperl vertröstet ihn noch etwas, denn etwas Geduld muss er schon noch aufbringen. Schließlich haben sie heuer schon lange genug darauf warten müssen, bis endlich genügend Schnee gefallen ist. Da kommt es doch auf das bisschen Zeit nicht mehr an, bis sie einen Hügel gefunden haben, von dem sie mit Schwung hinunter fahren können. Doch Seppl wird ungeduldig, denn er will seinen Schlitten nicht bloß hinter sich her ziehen. Kasperl kann darüber nur lachen: „Hähähä, Seppl, was jammerst du denn schon wieder? So weit sind wir doch noch gar nicht gegangen, hähä!“ Das muss Seppl zugeben. Aber ihm läuft Kasperl viel zu schnell, so dass er trotz Kälte schon ins Schwitzen gekommen ist. Kasperl kann ihm nur lachend erklären, dass dies sogar sehr gut ist. Denn auch vor dem Schlittenfahren sollte man sich gut warm machen, damit man sich bei einem Sturz keine Verletzungen zuzieht. Seppl findet, er ist bereits warm genug und erblickt einen Hügel, der herrlich zum Schlittenfahren ist. Kasperl muss ihn aber enttäuschen, denn so schön der Hügel auch sein mag, es stehen überall von oben bis unten viel zu viel Bäume auf ihm. Seppl findet allerdings, dass dies kein Problem für ihn ist. Hauptsache der Hügel ist schön steil und zwischen den Bäumen kann man doch herrlich mit dem Schlitten Slalom fahren. Kasperl entdeckt neben dem Hügel eine Abfahrt, die nicht so steil ist und auf der keine Bäume im Weg stehen. Er setzt sich gleich auf seinen Schlitten und will dem Seppl beweisen, wie schön man da hinabrodeln kann. Doch Seppl ist davon gar nicht begeistert. Er findet, dass der seichte Hügel doch höchstens etwas für alte Leute ist. Außerdem erscheint ihm die Fahrt auf der flachen Strecke so langsam, dass man da unterm Fahren sogar Brotzeit machen könnte. Er hat jedenfalls keine Lust nur im Schneckentempo hinunter zu fahren. Er ruft Kasperl deshalb zu: „Die Babyabfahrt ist mir zu langweilig! Ich steig jetzt den Berg dort drüben hinauf und donner im Slalom zwischen den Bäumen hinunter!“ Und schon macht er sich auf den Weg und zieht seinen Schlitten hinter sich her Richtung Bergkuppe. Kasperl ruft ihm noch nach: „Nicht Seppl, der Berg ist zu steil und sehr vereist! Außerdem fließt unten ein Bach entlang!“ Doch Seppl steigt unbeirrt immer weiter nach oben. Was die Sportler bei der Olympiade oder beim World-Cup können, ist für ihn doch auch kein Problem. Und die rasen mit ihren Rodeln in den Eiskanälen noch viel steiler und schneller hinunter. Nicht schlimm genug, dass er den gefährlichen Hügel hinunter fahren will, jetzt legt er sich auch noch bäuchlings auf den Schlitten. Kasperl kann kaum zusehen und warnt ihn von unten: „Seppl, setz dich anständig auf den Schlitten! Du kannst doch hier keinen Baucher runter machen!“ Doch Seppl hört nicht auf seinen Freund und startet seine Fahrt von ganz oben, auf dem Bauch liegend mit dem Kopf nach vorn. Kasperl wird schon vom Zusehen Angst und Bang. „Seppl, nicht so schnell! - Bremse! – Pass auf die Bäume auf!“ – Aber – zu spät! Schon ist Seppl gegen einen dicken Baum gerumst, überschlägt sich immer wieder und kullert so unaufhaltsam den vereisten Berg hinunter. Und, weil er sich nicht mehr halten kann, passiert das, was Kasperl schon voraus geahnt hat. Endlich unten angekommen gibt es einen riesigen „Platsch“ und Seppl ist im Bach gelandet. Hände ringend ruft er nach Kasperl: „Bitte, Kasperl, hilf mir und zieh mich heraus!“ Obwohl Seppl so unvernünftig war, eilt Kasperl seinem Freund zu Hilfe und zieht ihn mit „Hau-ruck“ wieder ans Ufer! „Na, du Rennrodler“, sagt Kasperl lachend zu ihm, „für die Fahrt kriegst du keine Goldmedaille, sondern höchsten den großen Deppenorden, hähä!“ Als er Seppl genauer ansieht, muss er noch mehr lachen: „Hähähähä, Seppl, deine Nase sieht ja aus, wie ein Feuermelder!“ Seppl gefällt das gar nicht, dass sich Kasperl auch noch über ihn lustig macht. Enttäuscht über seine missglückte Fahrt, will er, dass Kasperl endlich aufhört, ihn auszulachen. Zitternd und frierend steht er patschnass am Ufer des Baches, wie ein begossener Pudel. Die Rodeltour hat nun ein frühes Ende gefunden und Beide machen sich schnell auf den Weg nach Hause, damit Seppl aus den nassen Kleidern heraus kommt.
Als sie wieder daheim sind, wundert sich die Gretel, dass die Beiden schon wieder zurück kommen. „Ja, da seid ihr ja schon wieder! Liegt wohl zu wenig Schnee? Oder friert es Euch schon?“ Kasperl kann der Gretel nur lachend antworten: „Hähä, Gretel, Seppl hat die Nase vom Rodeln so voll, dass sie ganz rot geworden ist und scheinbar bald platzt, hähä!“ Da sieht Gretel die große rote Nase vom Seppl auch und will wissen, was passiert ist. Seppl will nicht zugeben, dass er so leichtsinnig war und sagt der Gretel, er sei halt vom Schlitten gefallen und mit der Nase genau im Schnee gelandet. Doch Gretel glaubt ihm nicht, dass man davon eine Nase so groß und rot wie eine Tomate bekommt. Dann bemerkt sie auch noch, dass Seppl von oben bis unten patschnass ist und vermutet, dass die Beiden wieder irgendeinen Unfug getrieben haben. Kasperl erzählt ihr scherzhaft, dass Seppl für die nächste Olympiade trainiert und gleich mit der schwierigsten Übung angefangen hat. Dabei hat er mit der Nase einen dicken Baum gestreift, mit dem Schlitten einen dreifachen Salto gemacht und mit einem Hechtsprung im Bach einen neuen Rekord aufgestellt hat. Gretel kann das gar nicht glauben. Aber sie kennt ja den Seppl und seine waghalsigen Kunststückchen. Sie fordert Seppl auf, seine nassen Kleider auszuziehen, lässt ihm gleich ein wärmendes Badewasser ein und kocht ihm einen heißen Tee. Und dann soll er gleich in sein Bett, damit er nicht krank wird. Kasperl macht ihm einen Eisbeutel, den er auf seine geschwollene Nase bekommt.
Wenn Ihr, liebe Kinder zum Rodeln geht, dann sucht Euch bitte nicht die gefährlichste Abfahrt aus und überlegt Euch gut, was Ihr Euch zutrauen könnt. Nicht alle Mutproben gehen so glimpflich aus, wie beim Seppl. Denn wenn man ein richtiger Rennrodler werden will, muss man erst langsam anfangen und viel trainieren, bis man die steilen, eisigen Rodelbahnen hinunter sausen kann.
Für viele bleibt es immer ein Traum, einmal bei einer Olympiade dabei zu sein.
Aber träumen könnt Ihr ja schon mal davon!
Deshalb legt Euch nun schön in Euer Bettchen und schlaft gut, hoffentlich ohne Eisbeutel auf der Nase, hähä.
Die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl wünschen Euch eine gute Nacht!
Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2009)






