Endlich nimmt der Frühling auch Einzug ins Märchenland. Die letzten Schneereste sind weg geschmolzen, an manchen Tagen ist es schon angenehm warm und die Sonne kann ihre Strahlen bis zur Erde schicken, ohne dass ihr die Wolken den Weg versperren. An vielen Büschen sprießen schon die ersten Knospen, die Frühlingsblümelein spitzen aus der Erde, die Vöglein freuen sich und zwitschern schon in der Früh im Garten ihre Liedchen. Die Großmutter vom Bamberger Kasperl hat die letzten braunen Blätter, die noch vom Herbst übrig sind, von den Gartenwegen entfernt, die Terrasse wieder sauber gekehrt und die Gartenmöbel aufgestellt. Sie freut sich schon darauf, wenn sie sich an den sonnigen Tagen wieder in ihren Strohsessel ins Freie setzen, dabei lesen oder etwas Stricken kann. – Doch, als sie sich so im Garten umschaut, vermisst sie etwas? – Grübelnd steht sie auf der Terrasse und blickt um sich. – Natürlich, jetzt fällt ihr auf, was im Garten noch fehlt: Die Gartenzwerge! – Gleich ruft sie Kasperle herbei und wundert sich, warum er heuer die Gartenzwerge noch nicht in der Wiese aufgestellt hat, obwohl doch schon vor ein paar Tagen Frühlingsanfang war. – Tatsächlich – Kasperle hat das total vergessen. Kasperl will sofort in den Keller eilen und die Zwerge in die warme Sonne stellen.
Er steigt die Kellertreppe hinunter und ruft schon von unterwegs: „Hallo, ihr kleinen Gartenzwerge, euer Kasperl kommt und bringt euch nach der langen Winterpause wieder an die frische Luft!“ – Als er im Keller angekommen ist, bleibt er ganz verdutzt vor dem Kellerregal stehen. – Ja, was ist denn das? – Das Regal ist ja ganz leer! – „Das ist aber komisch!“, denkt sich Kasperle. Er ist sich ganz sicher, dass er die Gartenzwerge im letzten Herbst genau hierher gestellt hat. Er kann sich nicht vorstellen, dass sie gestohlen worden sind. – Aber, wo sind die Gartenzwerge? –
Auf einmal hört er ein seltsames Piepsen. „Piep, piep, hallo Kasperle!“ – Nanu, wer spricht ihn denn da im Keller an? – Kasperle schaut um sich kann aber niemanden entdecken. So fragt er zurück: „Hallo, wer ist da? Wer spricht da mit mir?“ – Da setzt sich plötzlich etwas Kleines auf seinen rechten Schuh. Es ist die kleine Hausmaus Lilli. Kasperl fragt sie, wo wohl die Gartenzwerge sind. Lilli erzählt ihm, dass die Gartenzwerge von Tag zu Tag trauriger wurden, weil sie niemand in den Garten geholt hat, obwohl doch die Frühlingssonne schon durchs Kellerfenster schien. Und deshalb sind sie fort gegangen. Kasperl fragt die Hausmaus, wie denn die Zwerge aus dem Keller entkommen sind. Lilli schildert ihm, dass eines Tages etwas ganz Sonderbares passiert ist. Als ein langer, kräftiger Sonnenstrahl durch das Kellerfenster schien, sind die Gartenzwerge von ihren Plätzen im Regal herunter gesprungen und auf dem Sonnenstrahl entlang zum Fenster hinaus ins Freie geklettert. Doch, wo sie dann hingelaufen sind, weiß die Maus nicht. Kasperl kann sich das gar nicht vorstellen. Seid wann können denn Gartenzwerge laufen. Doch Lilli versichert ihm, dass sie wirklich davon getippelt sind.
Kasperl bedankt sich bei der Maus für diesen Hinweis und macht sich sofort auf die Suche nach den Gartenzwergen. Er spurtet die Kellertreppe wieder nach oben und sucht im ganzen Garten nach den Zwergen, im Gemüsebeet, in den Blumenbeeten, unter den Gebüschen und im Gartenhaus, doch nirgends kann er eine Spur von ihnen entdecken.
Auf einmal scheint die Sonne ganz hell und eine geheimnisvolle, hell klingende Melodie erklingt. „Ja, was geschieht denn nun?“, fragt sich Kasperl. Die hört er eine helle, freundliche Stimme sagen: „Kasperl, mein guter Freund, ich, die liebe Sonne kann dir sagen, wo deine Gartenzwerge sind!“ Da ist Kasperle nicht schlecht erstaunt. Die liebe Sonne spricht zu ihm. Er will natürlich gleich von ihr wissen, wo die Gartenzwerge hin getippelt sind. Die Sonne erzählt ihm, dass es nicht mehr mit ansehen konnte, wie die Zwerge so traurig im dunklen Keller standen. Deshalb hat sie sie mit ihren Strahlen zum Leben erweckt, damit sie von alleine in den Garten marschieren konnten, weil er sie wohl heuer vergessen hat.
Ja – Kasperle muss zugeben, dass er wegen dem langen Winter einfach nicht mehr an die Gartenzwerge gedacht hat. Es tut ihm furchtbar leid. Aber ohne die Gartenzwerge ist es im Garten überhaupt nicht schön. Sie fehlen ihm sehr, denn es ist doch immer ein schöner Anblick, wenn sie mit ihren roten Mützen, Schubkarren, Rechen, Schaufeln und Gießern überall auf der Wiese verteilt im Garten stehen. Doch sie sind immer den Strahlen der Sonne gefolgt, weil sie sich nach der langen Pause im Keller so nach der Wärme gesehnt hatten. – „Ja, und wo sind sie jetzt hin gelaufen?“, will Kasperle wissen. Die liebe Sonne kann ihn beruhigen, denn sie befinden sich ganz in der Nähe. Die Sonne bittet kurz abzuwarten, denn sie will die Zwerge wieder zurück in den Garten holen.
Die Sonne lässt ihre Strahlen kreisen und mit flotter Marschmusik kommen die Zwerge plötzlich alle wieder angetippelt. Sie suchen sich alle ihren Platz auf der Wiese in Kasperls Garten. Als sie alle wieder an Ort und Stelle stehen, verklingt die Musik und die kleinen Wichtel wandeln sich wieder in normale Gartenzwerge zurück. Nun sind sie alle glücklich, dass sie endlich ihre gewohnten Plätze im Garten einnehmen konnten, bis sie im Herbst wieder im Kellerregal verräumt werden. – Kasperl bedankt sich bei der Sonne und verspricht ihr und den Zwergen, dass er sie bestimmt nie mehr vergisst, wenn der Frühling Einzug hält. Es war ja doch auch für Kasperl ein großer Schreck, als sie aus dem Keller verschwunden waren.
Die liebe Sonne verabschiedet sich für heute auch von Kasperle, denn für sie wird es auch Zeit vom Himmel zu verschwinden, damit sie Platz für den Mond und die Nacht machen kann. Sie zieht ihre Strahlen zurück und geht langsam hinter dem Horizont unter.
Alle Frühlingsblumen schließen ihre Kelche und die Tiere im Wald, auf den Feldern und in den Gärten legen sich schlafen und freuen sich auf morgen Früh, wenn sie die Sonne wieder aufweckt.
Habt ihr, liebe Kinder Euere Gartenzwerge schon wieder ins Freie gebracht? – Wenn nicht, dann holt sie morgen auch gleich aus dem Keller. Also, legt euch deshalb gleich in euer Bettchen, damit ihr morgen auch ausgeschlafen habt, wenn euch die Sonne mit eueren Strahlen wach kitzelt.
Euer Bamberger Kasperl und die Puppenbühne Herrnleben wünschen Euch einen schönen Frühling und für heute eine gute Nacht!
Wolfgang Herrnleben (GAP, 2009)






