Bald sind die Sommerferien zu Ende und auch alle Kinder im Märchenland müssen dann wieder in die Schule. Deshalb nutzt das Bamberger Kasperle einen der letzten freien Tage, um durch den Wald zu strolchen. Auf dem Weg dorthin trällert er ein fröhliches Liedchen:
„Ich wand’re ja so gerne
Hinaus in Wald und Ferne,
durch Täler, über Höh’n,
ja das ist wunderschön!“
Als er im Wald angekommen ist, hört er allerdings das Singen auf, damit die Tiere wegen seinem Gesang nicht alle Reißaus nehmen. Ganz still und vorsichtig bewegt er sich auf den Wegen entlang und hofft, ein paar Rehlein, Häslein oder Vögel beobachten zu können. Er glaubt, wenn er sich ganz – ganz ruhig verhält, begegnen ihm vielleicht auch einmal ein paar Heinzelmännchen. – Oder gibt es die nur im Märchen?
Da – plötzlich kommt es ihm in der Stille so vor, als ob jemand weint. Oder ist das nur der Wind, der die Blätter an den Bäumen zum Rauschen bringt?
„Huhuhuhuhu“ – Nein, das war es wieder! – „Hallo, wer weint denn da?“, flüstert Kasperl, „Du verscheuchst ja alle Lebewesen im Wald!“ Kurz danach antwortet eine helle Stimme: „Huhu, hier ich bin es, huhu!“ Kasperl sieht sich um, aber er kann niemanden entdecken und fragt nach: „Ich seh aber niemanden. Wo hast du dich versteckt, du Heulsuse?“ Da meldet sich etwas genau unter ihm. Kasperl blickt nach unten und sieht zwischen seinen Füßen ein ganz winzig kleines Zwerglein. „Ja, was bist denn du für ein kleines Zwerglein?“, will Kasperl wissen. „Du bist ja nicht größer als mein Daumen!“ Das Zwerglein erzählt ihm, das es auch das kleinste Zwerglein ist, welches hier im Wald lebt. Deshalb nennen ihn die anderen Heinzelmännchen auch Zwerg Daumesgroß. Kasperl meint, dass er doch deswegen nicht weinen muss. Es gibt auch große und kleine Menschen und die kleinen weinen deswegen auch nicht dauernd. Dazu gibt es doch auch keinen Grund. Das ist doch nicht schlimm. Zwerg Daumesgroß weint ja auch nicht, weil er der kleinste Heinzelmann ist, sondern weil seine rote Heinzelmännchenmütze weg ist. Er erzählt Kasperl hastig und aufgeregt, was passiert ist. Beim Herumtollen im Wald ist ihm seine rote Mütze in den Schmutz gefallen. Und um sie wieder sauber zu bekommen, hat er sie im Bach gewaschen und an einem Beerenbusch zum Trocknen aufgehängt. Damit die Wartezeit bis sie trocken wird schneller vergeht, hat er sich ins weiche Moos gelegt und etwas geschlafen. Und als er wieder aufwachte, war seine Mütze plötzlich spurlos verschwunden. Kasperl findet das doch nicht so schlimm, denn bestimmt wird ihm ein liebes Heinzelweibchen gerne eine neue Mütze nähen. Das ist auch sicher kein Problem, aber ohne seine rote Mütze wird Zwerg Daumesgroß nicht mehr ins Heinzelmännchendorf gelassen. „Hähähä“, lacht Kasperl, „die rote Mütze ist wohl wie die Eintrittskarte ins Heinzelmännchendorf?“ Daumesgroß erklärt ihm, dass alle Heinzelmännchen zum Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit die gleiche rote Mütze tragen. Und ohne Mütze erkennt niemand, dass er einer von ihnen ist. Und wieder steht der kleine Zwerg weinend da: „Huhuhuhuhu!“ – In sein jämmerliches Heulen mischt sich plötzlich das Bellen eines Hundes, der immer näher kommt. Ja, so ein Zufall! – Es ist Bello, Kasperls treuer Hundefreund, der ihm in den Wald gefolgt ist. Kasperl findet, er kommt wie gerufen und erzählt ihm, was dem Zwerg Daumesgroß passiert ist. Er fordert Bello auf, mal an Zwerg Daumesgroß zu schnuppern und dann dem Geruch vom Gebüsch aus folgen. Gleich rennt Bello los und schnüffelt, um die Spur zu verfolgen. Kasperl und Zwerg Daumesgroß eilen Bello mit schnellen Schritten hinterher. – Da – auf einmal bleibt Bello an der alten Eiche stehen und bellt ganz aufgeregt: „Wau-wau-wau-wau!“ Daumesgroß weiß, dass in dem Baum der alte Zwerg Graubart wohnt. „Ja, meinst du, er hat deine Mütze gestohlen?“, fragt Kasperl.
Zwerg Daumesgroß hat da gar keine Zweifel. Graubart ist nämlich ein böser Zwerg und hat immer nur alle anderen Zwerge und auch die Menschen geärgert. Deshalb hat ihm der Ober-Heinzelmann die rote Mütze abgenommen und ihn aus dem Heinzelmännchendorf vertrieben. Von da an gehörte er nicht mehr zu ihnen und wird nicht mehr ins Dorf gelassen, weil er die rote Mütze, das wichtige Erkennungszeichen nicht mehr besitzt. Wenn er aber nun die rote Mütze vom Daumesgroß besitzt und diese auf dem Kopf trägt, kann er wieder ungehindert ins Heinzelmännchendorf und dort sein Unwesen treiben. Kasperl überlegt kurz und hat auch schnell eine gute Idee. Er und Daumesgroß verstecken sich am besten und Bello macht vor der Eiche eine Riesenbellerei. Bestimmt wird Graubart dann herauskommen, um nach dem Rechten zu sehen. Und wenn er seine Baumwohnung verlässt, wird ihm Bello die rote Mütze vom Kopf ziehen. Weil Bello ein ganz gescheiter Hund ist, hat er sofort verstanden, was Kasperl von ihm erwartet. Als Zeichen, dass er es verstanden hat, wedelt Bello mit dem Schwanz. Als Kasperl und Daumesgroß hinter einem Gebüsch in Deckung gegangen sind, fängt Bello wie wild das Bellen an. Es dauert tatsächlich nicht lange, da kommt Graubart wütend aus der Eiche und schimpft. Mit einem Satz springt ihn Bello von hinten an, schnappt ihm die rote Mütze vom Kopf und rennt damit zum Kasperl. Graubart schreit ihm hinterher: „Halt, du Mistvieh! Hier geblieben! Das ist meine Mütze! Bring sie mir sofort wieder zurück!“ Da springt Kasperl hinter dem Gebüsch hervor und macht ihm klar, dass es nicht seine Mütze ist. Bello hat sie nur wieder dem rechtmäßigen Besitzer zurück gebracht. In diesem Moment tippelt auch Zwerg Daumesgroß wieder herbei und ist glücklich, dass er seine rote Mütze wieder auf dem Kopf hat. „Das kommt davon, Graubart!“, sagt Daumesgroß, „Du willst dich einfach nicht bessern. Und solange hast du im Heinzelmännchendorf nichts verloren und musst auch weiterhin außerhalb des Dorfes in der alten Eiche wohnen!“ Wütend stampft der böse Zwerg mit seinem rechten Fuß auf den Boden und meint, Daumesgroß hätte diesmal nur Glück gehabt, weil ihm dieser Zipfelmützenkasperl zu Hilfe gekommen ist. Aber Daumesgroß kann ihm garantieren, dass ihm so ein Missgeschick nicht noch einmal passiert und er ihm niemals mehr seine rote Mütze stehlen kann. Nun wird es jedoch Zeit, dass er ins Heinzelmännchendorf zurückkehrt. Er bedankt sich nochmals bei Kasperl und Bello für ihre Hilfe und macht sich auf den Weg. Kasperl ruft ihm noch nach und bietet ihm seine Begleitung an. Daumesgroß findet es zwar schade, aber er muss ihn enttäuschen. Ins Dorf der Heinzelmännchen darf kein Mensch mitkommen. Die Menschen sollen nämlich niemals erfahren, wo man im Märchenwald das Versteck der Heinzelmännchen findet.
Ja, liebe Kinder, deshalb kann ich euch auch nicht verraten, wo ihr vielleicht die Heinzelmännchen treffen könnt. – Hähähä, ich weiß es leider selbst nicht. Lassen wir den Zwergen ihr Geheimnis. So können wir uns halt nur im Traum vorstellen, wie es wohl im Heinzelmännchendorf aussieht.
Eine gute Nacht und einen schönen Traum wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!
Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2009)






