Zwerg Geizkragen

Zwergenvater Bommelhut verbringt schon den ganzen Nachmittag in der Speisekammer seines Zwergenpilzhauses und räumt, sortiert und schlichtet von links nach rechts, von oben nach unten und hat dabei einige Sachen vor der Speisekammertür in einen Korb gelegt.
Sein Zwergensöhnchen Pimperle wundert sich schon die ganze Zeit, was sein Vater solange in der Speisekammer arbeitet und fragt neugierig: „Was machst du denn solange in unserer Speisekammer, Papa Bommelhut?“ Bommelhut erklärt seinem Sohn, dass er die Wintervorräte einräumt, damit er einen Überblick hat, ob sie für die kalten Wintermonate alles beisammen haben, da sie ja bei hohem Schnee oft ihr Zwergenpilzhaus nicht mehr verlassen können. Außerdem macht er einen Korb voll Lebensmittel, Obst und Beeren zusammen. „Warum denn, Papa Bommelhut? Hat wohl jemand Geburtstag?“, will Pimperle wissen. Doch Bommelhut richtet den Korb nicht als Geburtstagsgeschenk her, sondern diesen wird das Bamberger Kasperle später abholen. Pimperle wundert sich, wozu denn Kasperle einen solchen, vollen „Fresskorb“ braucht. Seine Großmutter hat doch bestimmt genug zum Essen zuhause. Sein Vater gibt ihm da Recht, denn Kasperle benötigt die Sachen im Korb ja auch nicht für sich oder seine Großmutter. Kasperle ist nämlich unterwegs und sammelt bei allen Menschen und Zwergen Lebensmittel ein, die sie übrig haben oder spenden wollen, um sie an arme und kranke Leute zu verteilen. Besorgt fällt Pimperle ein, ob wohl auch Opazwerg Weißbart etwas davon bekommt. Bommelhut ist sich da sicher, dass ihn Kasperle auch versorgt, denn der Opazwerg kann ja nicht mehr arbeiten und Geld verdienen. Zudem ist er sehr alt und schwach, weshalb er sich selbst keine Wintervorräte mehr anlegen kann. Da will Pimperle natürlich auch mithelfen und hat eine gute Idee. Er will den armen Zwergen- und Menschenkindern auch eine Freude machen und alle seine Süßigkeiten und Naschereien herschenken. Bommelhut findet, dass das ganz besonders lieb von ihm ist. Pimperle sucht in der Küche und in seinem Zimmer nach allem, was er spenden könnte und gibt es mit in den Korb.
Kaum hat er alles zusammengesucht, da klopft es an die kleine Tür ihres Pilzhauses. Pimperle öffnet gleich und Kasperle steht schon mit seinem Handwagen vor der Tür. Kasperle ist ein guter Freund der Zwerge und nachdem sie sich alle drei herzlich begrüßt haben, erkundigt sich Bommelhut, wie viel Kasperle schon gesammelt hat. Freudig zeigt ihnen Kasperle seinen schon gut gefüllten Handwagen. „Warum sammelst du denn das alles ein?“, fragt ihn Pimperle. Kasperle erklärt Pimperle, dass man doch die alten, armen und kranken Leute nicht verhungern lassen kann. Und weil diese Woche doch der Namenstag von der Heiligen Elisabeth war, will er genauso, wie Elisabeth von Thüringen, übriges Essen und Geld von den Reichen an die Armen verteilen. Von diesem Vorhaben ist Pimperle ganz begeistert und will Kasperle begleiten, um ihm dabei zu helfen. Bommelhut gibt ihnen seinen vollen Korb mit und dann ziehen Pimperle und Kasperle ratternd mit dem hölzernen Handwagen in den Wald davon.
Kasperle will noch beim Zwerg Geizkragen vorbei, glaubt aber nicht, dass er ihnen etwas schenkt. Zwerg Geizkragen hat nämlich die letzten Jahre nicht einmal auch nur eine Kleinigkeit hergegeben. Kasperle meint er hat immer bewiesen, dass er nicht umsonst Geizkragen heißt. Aber trotzdem klopft er bei dem Zwerg an die Haustür. Mürrisch öffnet Geizkragen und fragt garstig, wer ihn denn so spät am Abend noch stört. Pimperle bittet ihn, doch für die alten und kranken Leute etwas zu spenden, damit diese im kalten Winter nicht verhungern müssen. Geizkragen behauptet, er hat doch selber nichts und will ihnen die Tür schon fast wieder vor der Nase zuschlagen. Da hält ihn Kasperle auf und erinnert den geizigen Zwerg daran, dass er doch so viele Apfelbäume in seinem Garten stehen hat. Kasperl vermutet, dass er doch sicher kistenweise Äpfel in seinem Keller gelagert hat. Geizkragen schwindelt ihnen jammernd vor, dass er heuer eine ganz schlechte Ernte hatte und selbst nur ganz wenige Äpfel für sich hat. Doch müssen es ja nicht unbedingt Äpfel sein, deshalb schlägt Pimperle vor, dafür halt andere Sachen zu spenden. Zwerg Geizkragen will aber nichts hergeben, obwohl Kasperle weiß, dass seine Vorratskammer bis zum Rand voll ist. Pimperle bittelt und bettelt solange, bis sich der geizige Zwerg doch bereit erklärt, ein paar von seinen Äpfeln zu opfern. Da er aber etwas Zeit braucht, um sie in einen Korb zu schlichten, gehen Pimperle und Kasperl solange zu Opazwerg Weißbart. Sie wollen aber bald wieder zurück kehren und hoffen, dann wenigstens ein paar Äpfel von Geizkragen zu bekommen.
Dieser läuft ihn seinem Zwergenhaus auf und ab und überlegt, wie er Kasperle und Pimperle überlisten könnte, denn er will doch keinen von seinen schönen, großen Äpfeln herschenken. Da kommt ihm eine Idee. Er füllt einfach Steine in einen Korb und deckt sie mit einem bunten Tuch zu, damit sie es nicht gleich sehen. Alle Äpfel, die bei ihm im Haus herum liegen, isst er gierig und schnell auf, damit bei ihm keine zu finden sind.
Gerade, als er den letzten Apfel im Mund hat, klopft Kasperl schon wieder an seine Tür. Noch kauend öffnet der böse Zwerg die Tür und reicht den Korb nach draußen. „Hier, habt ihr einen ganzen Korb voll großer Äpfel!“, sagt er dabei kaltschnäuzig. Kasperl ist überrascht, dass er so einen schweren Korb überreicht bekommt. Als er aber das Tuch anhebt, ist Kasperle ganz entsetzt: „Typisch Zwerg Geizkragen! Das sind ja nur Steine!“ Immer noch auf einem Apfel kauend sagt der überschlaue Zwerg nur: „Komisch! Da müssen sich meine Äpfel wohl in der kurzen Zeit in Steine verwandelt haben!“
In diesem Moment erscheint unter bunten Lichterblitzen, begleitet von einer hell-klingenden Melodie die Glücksfee. Lachend erklärt ihm die Fee, dass er mit den Steinen allen armen Menschen eine größere Freude macht, als mit seinen Äpfeln. Sie hat seine böse Absicht nämlich erahnt und hat ihm zunächst lauter Goldklumpen vors Haus gelegt. Diese verwandelte sie in Steine und genau diese hat er in den Korb gesammelt. „Hehehe“, sagt Geizkragen, „das glaubst du ja selbst nicht. Du willst mich bloß hereinlegen!“ Die Glücksfee kann es ihm aber ganz einfach beweisen und wandelt die Steine mit einem Spruch wieder zurück:
„Steine verwandelt euch zu aller Glück,
in Klumpen aus purem Gold zurück!“
Es erklingt ein fröhliches Glockenspiel und als Kasperle das Tuch wegzieht, kann er seinen Augen kaum glauben. Der ganze Korb ist bis zum Rand mit goldenen Klunkern gefüllt.
Kasperle und Pimperle freuen sich riesig darüber und bedanken sich ganz herzlich bei der Glücksfee. Mit dem wertvollen Inhalt können sie vielen Armen helfen und vor großer Not im Winter bewahren. Zwerg Geizkragen ist wütend und sauer: „Ach, ich könnte mich in der Luft zerreißen! Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich euch doch lieber Äpfel gegeben!“, tobt und schimpft er. Noch dazu hat er jetzt heftige Bauchschmerzen bekommen, weil er zu viele Äpfel auf einmal gegessen hat. Doch die kann ihm die Glücksfee leider nicht wegzaubern, obwohl er sie kleinlaut um Hilfe bittet. „Das ist die Strafe für deinen Geiz!“, meint sie und im Nu schwebt sie wieder davon. Vielleicht lernt er daraus und gibt im nächsten Jahr lieber freiwillig etwas für die Armen her. An die wollen Kasperle und Pimperle dafür morgen das ganze Gold verteilen, damit sie sich auch einmal tolle und gute Sachen kaufen können. Heute ist es schon zu spät dazu. Kasperle bringt Pimperle deshalb erst einmal wieder zu seinem Papa Bommelhut zurück, damit er sich morgen ausgeschlafen mit ihm auf den Weg machen kann. Fröhlich pfeifend zieht Kasperle erst einmal den Handwagen nachhause und schließt ihn mit seiner wertvollen Ladung im Gartenhaus ein.
Ihr, liebe Kinder seid bestimmt keine Geizkragen, gell? Vielleicht könnt ihr auch mit einer Spende den armen und kranken Kindern helfen und ihnen eine Freude machen. Überlegt einmal vor dem Einschlafen, was ihr nicht mehr braucht oder worauf ihr selbst verzichten und es hergeben möchtet.
Mit so guten Absichten und Gedanken könnt ihr bestimmt noch besser schlafen.
Die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl wünschen Euch eine gute Nacht!

© Wolfgang Herrnleben (2008)